Schindluder

Das „Produkt Presseausweis“ hat weiter Konjunktur. Mit Rabattversprechungen und vermeintlichem journalistischen Prestige wird gelockt. So auch seit November auf www.bürgerreporter.com.

Betrieben wird das Angebot für „journalistische Laien“ von der Gesellschaft zur Förderung der Bürgerreporter mbH (GzFB). Ihr Gründer ist Medienunternehmer Andre Zalbertus (AZ Media, center.tv in Köln). Er tue das, weil ihm die „stetige Weiterqualifizierung der Bürgerreporter“ besonders am Herzen liege (epd medien). Für stolze 99 Euro kann jeder Nutzer die Pappe erwerben und wird damit Mitglied der Gesellschaft. Bedingung ist lediglich einmal im halben Jahr drei Bilder oder einen 90-Sekunden-Film ins Netz zu stellen.
Als „ärgerlichen Etikettenschwindel, der mit dem Begriff Presseausweis Schindluder treibt“, bezeichnete Ulrike Maercks-Franzen, Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, dieses GzFB-Dokument. Der Preis lasse vermuten, dass Geschäfte gemacht werden sollen. „Für die auf der Website genannten Erleichterungen ist der Ausweis ohne jeden Wert.“ Um Mediennutzer in die Berichterstattung einzubinden, benötige man keinen Presseausweis, so Ulrike Maercks-Franzen.
Zalbertus würde jedoch nicht allein an den Einnahmen für den so genannten Presseausweis verdienen. An den eingestellten Videos erhält er laut Allgemeiner Geschäftsbedingungen jegliche Nutzungsrechte „exklusiv“, „gebührenfrei“, „weltweit“….
Diese „Rabattmarke“ der GzFB wird offensichtlich keine Konkurrenz für den von inzwischen sechs Verbänden ausgestellten bundeseinheitlichen Presseausweis sein. Der traditionell seit Jahren nachweislich nur an hauptberuflich arbeitende Journalisten vergebene Presseausweis, ist wichtiges Recherchewerkzeug bei der Berufsausübung. Damit verdient er den Namen, den er trägt. Er kostet die Hälfte oder ist für Mitglieder der Organisationen kostenlos.
Dennoch belegt das Geschäftsgebaren von Herrn Zalbertus einmal mehr, wie wichtig die Anerkennung des bundeseinheitlichen Presseausweises durch die Innenminister der Länder wäre. Schließlich bringt so ein nach strengen Berufskriterien vergebenes Dokument auch Rechtssicherheit für Behörden und Beamte vor Ort, wenn Journalisten aktuell berichten. Der Zalbertus-Versuch, so genannten Bürgerjournalismus ohne Bezahlung für Leistungen salonfähig zu machen, schadet zunehmend dem Qualitätsjournalismus in allen Medienformaten. Nebenher geschossene Bilder und zusammengeschusterte einseitige Texte verdrängen mitunter journalistische Beiträge – weil eben billig oder kostenfrei. So werden aus Bürgern weder Reporter noch Profis.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Wenn Redakteurinnen streiken

Am 10. März blieben bei den Tageszeitungen Taz und nd – der Tag einige Seiten weiß. In beiden Redaktionen hatten sich Journalistinnen aber auch Lektorinnen und andere Mitarbeiterinnen am 9. März am  FLINTA* -Streik beteiligt und die Arbeit niedergelegt.
mehr »

ver.di fordert Schutzkodex im ÖRR

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) fordert von ARD, ZDF und Deutschlandradio den Schutz von Journalist*innen einen entscheidenden Schritt voranzubringen: Bisher hat sich noch keine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt dem Schutzkodex angeschlossen. In vielen anderen Medienhäusern gelten die Regelungen des „Schutzkodex“ für Medienschaffende allerdings längst.
mehr »

Journalistinnen vor Online-Hass schützen

Zum Internationalen Frauentag warnt die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di vor zunehmender digitaler Gewalt gegen Journalistinnen. Die Gewerkschaft fordert verbindliche Schutzstandards für Medienschaffende und mehr Verantwortung der Medienhäuser beim Schutz ihrer Beschäftigten.
mehr »

RBB: Zweifel bei „Zusammenarbeit“

„Neue Zusammenarbeit“ – so heißt beim RBB das aktuell größte Umbauprojekt. Es soll die Rahmenbedingungen für die journalistische Arbeit verbessern. Dazu gehört eine Umstrukturierung und Verkleinerung der zweiten Führungsebene, der unterhalb des Direktoriums. Vorgesehen sind nur noch acht statt bisher zwölf Positionen. Sie wurden öffentlich ausgeschrieben und sollen bis Anfang April besetzt werden. Doch vom RBB-Personalrat kommt Kritik.
mehr »