Tuchfühlung oder Kungelei?

Forum Lokaljournalismus in Essen über Machthaber und Meinungsmacher

Um „Machthaber und Meinungsmacher“ ging es beim 10. Forum Lokaljournalismus, einer gemeinsamen Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung und der Journalistenschule Ruhr des WAZ-Konzerns. Rund 100 Journalisten aus dem gesamten Bundesgebiet suchten drei Tage lang in Essen eine Antwort auf die zentrale Frage: „Wer bringt die Demokratie voran?“

Zur Einstimmung absolvierten die Journalisten eine „Tour de Ruhr“. Sie besuchten und befragten die Mächtigen, u. a. den NRW-Ministerpräsidenten und Ex-Journalisten Wolfgang Clement, der seinerseits die mächtige Präsenz der versammelten Medienschar nutzte, um mit aller Macht des Wortes für das strukturgewandelte Ruhrgebiet und die ambitionierten Projekte seiner Landesregierung zu werben.

Machtwort von Bild

„Auf Schalke“, in der imposanten Fußballarena der Gelsenkirchener Knappen-Kicker, wurde das Doppelpassspiel zwischen Schalke-Manager Rudi Assauer und den Meinungsmachern fortgesetzt. Profi-Fußball stellt sich heute als eine Mischung aus Event und Kommerz dar. Die 60 000 Plätze in der hypermodernen Schalke-Arena mit ausrollbarer Rasenschublade und Klappdach wollen gefüllt werden. Dabei können die Meinungsmacher dem Manager unter die Arme greifen.

Als Spielführer in der Medienliga präsentierte sich Bild-Chefredakteur Kai Diekmann den Lokaljournalisten im „modernsten Druckzentrum Europas“ in Essen-Kettwig. Ein Machtwort der „Bild“-Zeitung an ihre täglich elf Millionen Leser und „wir hätten den Euro stoppen können“, versicherte Diekmann. Da man sich jedoch in erster Linie dem Leser verpflichtet fühle, habe man sich statt dessen gegen die geplante Verteuerung des Short-Message-Service (SMS) stark gemacht. „Die Verteuerung von SMS war nach 48 Stunden revidiert“, trumpfte der Bild-Chef auf. Die „Bild“-Zeitung ein Macht- und Meinungsmonopol? „Nicht ganz“, so Diekmann: „Unsere Konkurrenten sind starke Regionalzeitungen.“

Beziehungsgeflechte

Doch wie sieht es mit dem Zusammenspiel von Machthabern und Meinungsmachern vor Ort aus? Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: „Tageszeitungen übersetzen Politik in den Alltag der Menschen. Von der Leistung der Journalisten hängt maßgeblich ab, in welchem Maß die Bürger und Leser Zugang finden zur Politik.“ Und hier falle den Lokalredakteuren eine besondere Aufgabe zu. Der Lokalteil sei im Sinne der Politikvermittlung der „chancenreichste, aber zugleich auch am schwierigsten zu machende Zeitungsteil“.

Die Nähe zum Leser ist die eine, die Nähe zu lokalen Eliten die andere Seite der Medaille bei der journalistischen Arbeit im Lokalen. „Diese Nähe kann unter Umständen schaden, zumindest macht sie die Arbeit des Lokalredakteurs schwierig“, so Krüger. „Etwa, wenn der Kommunalpolitiker den Redakteur durch viele freundliche Kontakte, exklusive Informationen und das vertrauliche „Du“ zur Harmlosigkeit erziehen will. Oder wenn sich der Redakteur vorwerfen lassen muss, seine Berichterstattung schade dem Image der Stadt.“

„Wer kungelt mit wem?“, lautete darum die Frage in einem der vier Arbeitsforen. „Jeder kungelt mit jedem, kleine Kungeleien gehören dazu“, brachte es einer der Praktiker auf den Punkt. Zu viel Nähe berge die Gefahr der Korruption, warnte Prof. Dr. Anton Austermann von der Universität der Künste in Berlin. Man müsse auch in unmittelbarer Nähe Distanz wahren können, um noch deutlich zwischen Tuchfühlung und Kungelei unterscheiden zu können. „Große Gefahr besteht, wenn man sich am wohlsten fühlt“, warnte Austermann. Er riet Redakteuren und Redaktionen darum zur Erarbeitung „regulativer Ideen“. Auf Nachfrage wurde Austermann konkreter: „Ich würde meine Freunde so auswählen, dass ich nie über sie schreiben muss.“ Journalisten, die sich bereits tief im Beziehungsgeflecht mit lokalen Eliten verstrickt haben, riet Austermann zum Redaktionswechsel.

„Wer setzt die Themen?“ Unter dieser Fragestellung spürten die Journalisten in einem weiteren Forum dem immer wieder geäußerten Vorwurf nach, in vielen Lokalzeitungen werde Hofberichterstattung betrieben – sei es aus Bequemlichkeit oder wegen chronischen Personalmangels in den Redaktionen. Mit einem Paradebeispiel konnte Dirk Lübke, Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill, auftrumpfen: „Wir haben einen Landtagsabgeordneten und CDU-Kreisvorsitzenden, der feste Vorstellungen von dem hat, was in die Zeitung gehört.“ Und jahrelang kam die Redaktion der „Wetzlarer Neue Zeitung“ (WNZ) der Vorstellung des Politikers auch bereitwillig nach. Die zahlreichen Pressemitteilungen des Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer wurden gerne und meist vollständig in der Zeitung abgedruckt – bis zum Amtsantritt Dirk Lübkes.

Anti-Zensur-Kampagne

Lübke klopfte die Pressemitteilungen des CDU-Kreisvorsitzenden auf ihren Informationsgehalt ab und verzichtete fortan auf den Abdruck der üblichen Lobhudelein des Ich-Erzählers. Dieser mochte jedoch nicht klein beigeben und startete eine bis heute noch andauernde Kampagne, vom Aufruf zum Anzeigenboykott gegen die WNZ bis hin zu Nachforschungen im Vorleben Dirk Lübkes mit dem Ziel, den ungeliebten Chefredakteur zu deinstallieren. Sein Bubenstück startete Hans-Jürgen Irmer jedoch mit einer Artikelserie im Anzeigenblatt „Wetzlar Kurier“, das von dem CDU-Politiker selbst verlegt wird. Über mehrere Seiten verbreitete Verleger Irmer in seinem Blatt die vom Politiker Irmer verfassten Pressemitteilungen, die in der Lokalzeitung nicht abgedruckt wurden. Besonderes „Schmankerl“: Auf jedem Text prangte ein dicker Stempel: „Der WNZ-Zensur zum Opfer gefallen“. Per Gerichtsbeschluss musste Irmer seine persönliche „Anti-Zensur-Kampagne“ einstellen.

Anwälte der Bürger

Nicht auf Konflikt, sondern auf Konsens mit der Lokalpresse setzt der Bürgermeister der Stadt Arnsberg, Hans-Josef Vogel. Er stellte sich im Forum mit dem Titel „Wer entscheidet eigentlich?“ der Diskussion mit den Lokaljournalisten. „Transparenz“ und „Offenheit“ sind für Bürgermeister Vogel die Schlagworte für neue Beteiligungsformen zwischen Politik, Verwaltung und den Bürgern. Die Stadt Arnsberg ist eine von acht Kommunen, die sich an einem Modellprojekt der Bertelsmann-Stiftung beteiligt. Der örtlichen Presse kommt in diesem Projekt eine besondere Rolle zu. „Die Politik muss weiterhin eine Führungsrolle übernehmen. Die Medien sollen darüber hinaus aber nicht nur als Agenturen zur Informationsvermittlung agieren, sondern Meinung ergreifen.“ Journalisten werden in Arnsberg als Akteure, „Anwälte der Bürgerschaft“ und Kritiker in die öffentliche Willensbildung mit einbezogen.

Wer manipuliert wen?

Antwort auf die Frage „Wer manipuliert wen?“ erhofften sich die Teilnehmer des vierten Arbeitskreises von Peter Hausmann, ehemaliger Regierungssprecher unter Kanzler Helmut Kohl. Hausmann verglich das Geflecht von Politik und Medien mit „kommunizierenden Röhren“ und sparte nicht mit Kritik an den Medien. „Die Medien wollen schnelle Ergebnisse, die die Politiker nicht liefern können.“ Viele Medien seien daher dazu übergegangen, ihre eigenen Ereignisse zu schaffen. Bestes Beispiel für Peter Hausmann: der frierende Reporter vor der Tür der Koalitionsrunde, der den Zuschauern der Tagesschau in den fest eingeplanten 1:30 nur sagen könne, dass es noch nichts zu sagen gibt. Den Zeitungen hält Hausmann vor, dem Drang zur aktuellen Berichterstattung zu erliegen. Die eigentliche Stärke der Zeitung sei die Einordnung einzelner Nachrichten in größere Zusammenhänge und eine gut gemachte Hintergrundberichterstattung.

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