Über Wahlumfragen anders berichten

Mit dem steigenden Anteil von unentschlossenen Wähler*innnen wird die Vorhersagekraft von Umfragen verringert. Doch ist der Einfluss von Umfragen auf Wahlentscheidungen deshalb schädlich für die Demokratie?
Karikatur: Jan Tomaschoff/toonpool.com

„Wenn am nächsten Sonntag Europawahl wäre…“ Die Direktwahlen zum Europaparlament sind erst im Mai, doch in der Bild-Zeitung ist bereits die erste Bevölkerungsumfrage erschienen. Kaum jemand bezweifelt, dass Presseberichterstattung für eine sachgerechte Wahlentscheidung der Bürger*innen wichtig ist, doch die Veröffentlichung von Umfragen wird häufig kritisiert. Eine Debatte in der Fachzeitschrift AVISO bringt interessante Ein- und Aussichten.

Sechs Wissenschaftler*innen diskutieren aus unterschiedlichen Perspektiven, ob Umfrageberichte wirklich Wahlen beeinflussen oder gar die Demokratie gefährden. Dass es zu viele Umfragen im Zusammenhang mit der Wahlberichterstattung gibt, weisen alle unisono zurück. Nach einer Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Melanie Leidecker-Sandmann beschäftigten sich in der Wahlkampfberichterstattung deutscher Qualitätszeitungen seit 1949 maximal vier Prozent der Beiträge mit Umfrageergebnissen, bei der Bundestagswahl 2017 waren es sogar nur ein Prozent.

Wie Umfragen Wahlen beeinflussen können

Politikwissenschaftliche Studien belegen aber, dass Wahlen auch durch wenige im Vorfeld veröffentlichte Umfragen beeinflusst werden können. So besagt die Mobilisierungshypothese, dass die Wahlbeteiligung steigt, wenn mehrere Parteien oder mögliche Koalitionen gleichauf liegen. Andere Hypothesen gehen davon aus, dass weniger Bürger*innen ihre Stimme abgeben, wenn Meinungsumfragen den Ausgang einer Wahl als sicher erscheinen lassen. Das wurde wohl vielen jungen Brit*innen bei der Brexit-Abstimmung zum Verhängnis, denn die Wahlprognosen waren fehlerhaft. Mit dem steigenden Anteil an unentschlossenen Wähler*innen werde die Vorhersagekraft von Umfragen verringert, analysiert Medienpsychologe Tobias Rothmund. Durch die Kommunikation fehlerhafter Prognosen könne der „individuelle Willensbildungsprozess auf eine ethisch problematische Weise“ beeinflusst werden. Er fordert deshalb, die „Unsicherheit von Wahlprognosen angemessen abzubilden und zu kommunizieren“.

Dass der Einfluss von Umfragen auf Wahlentscheidungen schädlich für die Demokratie sei, bestreitet der Allensbacher Umfrageforscher Thomas Petersen, der auch ihre Qualität nicht anzweifelt. Die Daten seien gerade für rational-taktische Wahlüberlegungen wichtig – zumal sie nach wissenschaftlichen Kriterien erhoben würden und nicht auf subjektiven Eindrücken fußten. „Eine Gesellschaft, in der die Veröffentlichung von Wahlumfragen vor der Wahl verboten ist, ist eine schlechter informierte, für Manipulationen anfälligere Gesellschaft“, so Petersen.

Wenn Wahlberichterstattung zum „horse race“ gerät

Auch der Medienwissenschaftler Olaf Jandura meint, wenn keine Umfragen veröffentlicht würden, nehme man „strategischen Wählern bzw. Koalitionswählern eine valide Basis für ihre Wahlentscheidungen“. Noch würden falsche Wahlprognosen und eine Politikberichterstattung, die Wahlen als „horse race“ der Kandidat*innen inszeniere, verhindert, wenn es keine Umfrageberichte mehr gibt. Jandura plädiert deshalb für methodische Verbesserungen und „einen Dialog mit Journalisten über Aussagekraft und Leistungsfähigkeit von Umfragen“.

Wie Journalist*innen die Berichterstattung über Wahlumfragen verbessern können, skizziert Catharina Vögele von der Universität Hohenheim. Wenn sie Meinungsumfragen thematisieren, müssten sie über die Erhebungsmethoden informieren und „nur von den Daten gestützte Interpretationen vornehmen“. Außerdem sollten Journalist*innen „der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Wahlkampfthemen und mit den Positionen der Parteien mehr Platz einräumen“. Auch Vögele kritisiert die horse-race-Berichterstattung mit dem „Fokus auf die Frage, wer vor wem liegt und wie groß die Abstände sind“. Meinungsumfragen wären interessanter, wenn sie auch detaillierte inhaltliche Aspekte in den Fokus rückten. „Ein vielfältigerer Einsatz von Meinungsumfragen würde deren Wert sowohl für den Journalismus wie auch für den Mediennutzer steigern“, resümiert Vögele.

Ähnlich argumentiert Journalismusprofessor Tanjev Schultz, der nicht Umfragen an sich in Frage stellt, sondern kritisiert, wenn ihre „Quantität umschlägt in zweifelhafte Qualität“. Vor allem in Wahlkampfzeiten könnten „der ständige Blick auf die Umfragewerte, der medial inszenierte Wettkampf (horse race) und das Spekulieren über die Taktik (analog zur Sportberichterstattung) die Debatten über Inhalte in den Hintergrund drängen“. Die „Demoskopiedemokratie“, vor der Richard von Weizsäcker bereits1992 warnte, sei durchaus eine Gefahr für die Seriosität der Politik und den medialen Diskurs.

Herausforderungen für Medien und Demoskopie

Allerdings seien viele Redaktionen mittlerweile stärker sensibilisiert für die mit Umfragen verbundenen Probleme: „Insbesondere dort, wo es ausgewiesene Datenjournalisten gibt, bemühen sich einige Medien darum, die Zahlen ins richtige Verhältnis zu setzen und dem Publikum beispielsweise zu verdeutlichen, dass ein Prozentpunkt mehr oder weniger oft keine oder sehr wenig Aussagekraft hat.“ Wissenschaftler*innen sollten Medien und Institute zur Konzeption komplexerer Umfragen anregen, die inhaltlich mehr liefern als reine Zustimmungswerte. Daraus ließen sich spannende mediale Formate für politische Gesprächssendungen und partizipative Zeitungsprojekte entwickeln. Schultz plädiert dafür, „den Umgang mit Umfragen zu verbessern, ihre Bedeutung in den Medien tiefer zu hängen und einige Studien so zu konzipieren und anzureichern, dass sie mehr liefern als ein grobkörniges Stimmungsbild“.

Aus der Perspektive der Demoskopie betrachtet Publizistikprofessorin Juliana Raupp  Herausforderungen durch neue politische und mediale Entwicklungen. Mit der Verbreitung von Smartphones und anderen mobilen Geräten seien immer mehr Menschen telefonisch und online erreichbar, doch ihre Bereitschaft an Umfragen teilzunehmen, gehe zurück. Das könne zu Verzerrungen bei der Repräsentativität führen. Die Demoskopie reagiere darauf mit neuen Erhebungs- und Analyseverfahren. Als weiteres Problem bezeichnet Raupp das Verhältnis zwischen Demoskopie und Medien, das der Journalist Peter Dausend als „Bestätigungsspirale“ beschrieben habe: Medien – oft Auftraggeber der Demoskopen – berichten über Umfragen, deren Ergebnisse von der Medienberichterstattung beeinflusst sind und die wiederum die Berichterstattung beeinflussen. Zudem verkürzten viele Medien Umfrageergebnisse oder veröffentlichten eigene „quick and dirty“-Erhebungen, die schneller und kostengünstiger durchzuführen sind als repräsentative Wahlumfragen.

Außerdem stelle sich die Frage, inwieweit Methoden der Big-Data-Analysen Wahlumfragen demnächst überflüssig machen. Online stehen große Datenmengen zur Verfügung, die für Wahlforschungszwecke analysiert werden könnten, wenn ethische Fragen geklärt sind. Raupp nimmt an, dass der Bedarf an Informationen, wie sie die repräsentative Wahlforschung bereitstellt, nicht ab-, sondern eher zunehme. Allerdings werde sich das methodische Spektrum erweitern und die Demoskopie füge sich in der hybriden Medienwelt „in ein Konzert verschiedener Meinungsbeobachtungen“ ein.

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