Unabhängig links

Fünf Jahre „Das Blättchen“ und „Ossietzky“

Am Anfang stand ein Mangel. Als 1993 der neue Eigner des Aufbau-Verlages die Produktion der traditionsreichen Zeitschrift „Weltbühne“ einstellte, traf dies treue Mitarbeiter und Leser schmerzlich. So groß war die Lücke, dass es eine Handvoll engagierter Zeitungsmacher nicht dabei bewenden lassen wollte. Vier Jahre später kamen gleich zwei Folgeblätter heraus, die um die Nachfolge konkurrieren: Im Januar 1998 erschienen die jeweils ersten Ausgaben von „Das Blättchen“ und von „Ossietzky“.

Das gemeinsame Vorbild „Weltbühne“ beobachtete seit 1918 kritisch das Zeitgeschehen. Prägend wirkten dabei neben Siegfried Jacobsen, dem Gründer der Zeitung, vor allem der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky sowie Carl von Ossietzky, Chefredakteur von 1926 bis 1933. Wegen seiner Enthüllungen über die geheime Aufrüstung der Reichswehr wurde Ossietzky 1932 inhaftiert, fiel ein Jahr später in die Hände der Gestapo. Das internationale Komitee verlieh ihm 1935 für sein Wirken gegen den Willen der Nazis den Friedensnobelpreis. In der DDR erschien die Weltbühne ab 1946 wieder und genoss dort in Intellektuellenkreisen hohes Ansehen.

Friedlich-kritische Koexistenz

Nun also fünf Jahre „Das Blättchen“ und „Ossietzky“ – Grund genug für einen genaueren Blick. Zwei kleine, linke Zeitschriften: äußerlich eher unscheinbar, inhaltlich aber um so mutiger. Auf den ersten Blick viele Gemeinsamkeiten: Schlichte Optik im Format eines dünnen Schulheftes, einfacher Pappumschlag, orangerot beim Blättchen, zinnoberrot bei „Ossietzky“. Kein Bild lenkt ab von den gut geschriebenen Texten, die kaum in den politischen Mainstream passen. Nahezu identische Untertitel verweisen auf das Themenspektrum: „Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft“ heißt es bei „Ossietzky“, beim „Blättchen“ steht an Stelle der Kultur die Kunst. Für jeweils 2,50 Euro erhält der Käufer rund 30 bis 40 Seiten geballte Information und anspruchsvoll unterhaltende Lektüre. Eine Zusammenarbeit fassen die Macher der beiden Schriften dennoch nicht ins Auge. Es herrscht so etwas wie eine friedliche, kritisch beäugte Koexistenz.

Immer dafür gut „alle zu verärgern“

„Das Blättchen“ wird von Jörn Schütrumpf und Wolfgang Sabath im Selbstverlag hergestellt. Der Historiker Schütrumpf, vor der Wende an der Akademie der Wissenschaften der DDR, heute Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hatte die Idee, eine kleine Zeitung unaufwendig, schnell und kostengünstig zu produzieren. Ähnliches hatte Sabath, vormals Redakteur beim „Forum“, beim „Sonntag“ und beim „Freitag“ im Sinn. Die beiden taten sich zusammen, bilden seitdem ein eingespieltes Team ohne feste Arbeitsteilung. Eine Zeitung wollten sie machen, die dem Anspruch der Weltbühne nahe kommt, mit dem Ergebnis sind sie heute recht zufrieden. Den Namen „Das Blättchen“ liehen sie sich bei Jacobsen und seinen Kollegen, die diesen Kosenamen für ihre Zeitung verwendeten. Das Arbeiten in der Zweierkonstellation finden beide angenehm, da nur sie sich einigen müssen. Die politische Ausrichtung der Zeitung beschreibt Sabath als „unabhängig links“, immer dafür gut, „alle zu verärgern“.

Rund 3000 Exemplare werden alle 14 Tage gedruckt, die Hälfte davon geht an Abonnenten, der Rest in den Buch- und Zeitschrifthandel. „Leider hat es nicht funktioniert, die gesamtdeutsche Strecke abzudecken, wir sind unwillentlich eine Ostzeitung geblieben“, sagt Sabath. Dies betreffe sowohl die Leser als auch die Autoren. Zahlenmäßig sei die Leserschaft recht stabil, aber sie schichte sich allmählich um, die alten Weltbühne-Leser würden nach und nach durch jüngere Leute im Alter zwischen 30 und 40 ersetzt.

Von den Weltbühneautoren ist kaum jemand zum „Blättchen“ gekommen. Stattdessen habe man sich einen neuen Pool von oft jüngeren und moderneren Autoren aufgebaut. Dies wirke sich positiv auf den Inhalt aus. „Besonders im Bereich Kultur bringen die jüngeren Autoren Themen rein, zu denen wir selbst gar nicht mehr so einen Zugang haben“, sagt Sabath. Viele sind Wissenschaftler aus der Politologie oder Soziologie, auch Leute aus der Kulturszene. Einige Auslandskorrespondenten berichten regelmäßig aus Budapest, Moskau, Kiew, Sarojewo oder Kairo. Hauptberufliche Journalisten schreiben so gut wie nie für das „Blättchen“. Vielleicht weil sie nicht mit einer Bezahlung rechnen können. Verdienen können auch Sabath und Schütrumpf am „Blättchen“ nichts, die Herausgabe der Zeitung sei ein „Nullsummenspiel“. So wird zu Hause gearbeitet, pro Ausgabe gehen etwa zwei Tage drauf, jedes zweite Wochenende ist für das „Blättchen“ reserviert.

„Ossietzky“ sieht sich gleichfalls in strenger Tradition der Weltbühne. „Nachdem die Weltbühne 1993 verschwunden war, wollten viele Autoren weitermachen“, sagt der verantwortliche Redakteur Eckart Spoo, der selbst mit von der Partie war. Der ehemalige Redakteur der Frankfurter Rundschau und langjährige Vorsitzende der deutschen Journalistenunion (dju) gibt heute mit vier weiteren Kollegen die Zeitschrift heraus.

Vorbild für Journalismus

Mit der Namensgebung will die Zeitung einen Mann ehren, der „wie kaum ein anderer Vorbild für einen demokratischen Journalismus ist“, sagt Spoo. Die Position Carl von Ossietzkys gegen Krieg und Faschismus sei auch für das heutige Blatt sehr wichtig.

Im Gegensatz zum „Blättchen“ haben viele Autoren der Weltbühne bei „Ossietzky“ eine neue Heimat gefunden. „35 Autoren von damals sind heute noch dabei, darunter prägende Leute wie Lothar Kusche“, sagt Spoo. Schriftsteller, Wissenschaftler, Studenten, aber auch Journalisten finden hier ein Forum. Der Anspruch ist hoch: Anknüpfen an die klare Sprache und Furchtlosigkeit des Namensgebers, der frühzeitig die Tendenzen seiner Zeit erkannt und aufgezeigt hat. Den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen auch in einer Zeit aufrecht erhalten, in der fortschreitender Neoliberalismus große soziale Gegensätze schafft. Die Einhaltung der Menschenrechte fordern, auch in sozialen Fragen.

Unbequeme Wahrheiten

Immer wieder wichtig sei auch die Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden: Zum drohenden Irakkrieg wurde ein Sonderheft herausgegeben, das Hintergründe aufdecke und Argumente gegen den Krieg brächte. Die Auflage von 2000 Exemplaren wird größtenteils an Abonnenten abgegeben. Die Autoren publizieren zunächst unentgeltlich – nur „wenn am Jahresende etwas übrig bleibt, gibt es eine Auszahlung“, so Spoo. Dennoch scheint „Ossietzky“ für viele Autoren sehr attraktiv zu sein: „Im Schnitt liegt für jede Ausgabe die zehnfache Textmenge vor“, sagt Spoo, „oft ist es sehr schwer, aus vielen guten Texten auszuwählen“. Die Beliebtheit bei den Autoren erklärt sich der Redakteur mit der Möglichkeit, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. „Viele Medienunternehmen sind sehr ängstlich und vermeiden klare Worte“, sagt der Chefredakteur, „beispielsweise zur Rentenpolitik wird der Leser wahrscheinlich nirgendwo gründlicher informiert als bei uns.““Ossietzky“ wird vorwiegend von Westdeutschen gelesen: Rund 65 Prozent westdeutschen Lesern stehen 35 Prozent Ostdeutsche gegenüber, vorwiegend Publizisten, Gewerkschaftler und Geisteswissenschaftler.

Abschließend ist zu bemerken, dass die Herausgabe und Redaktion der beiden kleinen Zeitungen sicherlich eine sehr respektable Leistung ist. Vielleicht ist nur so, ohne Aussicht auf wirtschaftlichen Gewinn, dafür mit umso mehr persönlichem Einsatz, ein wirklich unabhängiger Journalismus möglich, der kein Blatt vor den Mund nimmt.

 

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