Unbefangen bleiben

Gespräch über Verdrängungsmechanismen und den Umgang mit sich selbst

Der freie Journalist Christoph Maria Fröhder hat unter anderem aus Vietnam, Kambodscha, Biafra und Angola berichtet. Während des Golfkrieges sensibilisierte er die Öffentlichkeit und die Medien, als er entschieden die Zensur, sowohl der irakischen als auch der amerikanischen Seite, thematisierte.


„Der Grundfehler ist, Tod und Krieg zum Geschäft zu machen.“


Zuletzt geriet er im Kosovo in eine lebensgefährliche Situation, als einer seiner Führer die Nerven verlor und ihn mit seinem Gewehr bedrohte, um mehr Geld zu verlangen.

Sie haben aus vielen Krisen- und Kriegsberichten dieser Welt berichtet. Was waren die grausamsten Bilder, die Sie gesehen haben?

Fröhder: Einmal die verhungerten, nahezu skelettierten Kinder in Biafra und dann die rund 400 Frauen und Kinder in Bagdad, die in Schutzbunkern während des Schlafes von den Amerikanern in den Tod gebombt wurden.

Das alles ist ohne Spuren an Ihnen abgeprallt?

Es hat zumindest unmittelbar keine Spuren gezeigt, weil ich eine spezielle Technik habe, damit umzugehen: Wenn ich mich meinen eigenen Gefühlen hingebe, bin ich nicht einsatzfähig und stelle für mich und meine Umwelt ein Risiko dar. Andererseits hat dieses Verhalten eine gewisse Routine, die ich aus meinem normalen Leben herauszudrängen versuchen muss, weil mich sonst gar nichts mehr berühren würde.

Beschreiben Sie bitte die Technik?

Das ist ein Verdrängungsmechanismus, der so funktioniert, dass man relativiert. Ich habe das gelernt während eines Kurses, den amerikanische Marines nach einem längeren Fronteinsatz in Vietnam in einem Trainingscamp gemacht haben. Wir haben damals einen Film gemacht und wurden aufgefordert daran teilzunehmen. Was mich beeindruckt hat, war, wie offen dort über persönliche Ängste gesprochen wurde, und wie deutlich die Warnung im Raum stand, sie nicht durch Zynismus zu verdrängen. Ich verordne mir heute zur Verarbeitung von solch schrecklichen Eindrücken gewisse Zwischenpausen, in denen ich mich mit völlig anderen Themen beschäftige, vom Regionalbericht bis zur wirtschafspolitischen Berichterstattung. In dieser Zeit versuche ich die Bilder und Eindrücke, aber auch Emotionen des letzten Kriseneinsatzes so weit zu verarbeiten, bis ich das Gefühl habe, wieder unbelastet in eine neue Situation gehen zu können. Als ich nach meiner Reportage in Kambotscha 1975 über den Einmarsch der Roten Khmer Sorge haben musste, nicht zu meiner alten Ungefangenheit zurückzufinden, habe ich es geschafft, Emotionen und Ängste auf diese Region zu projizieren und diesen Teil der Welt rund zehn Jahre gemieden.

Sie haben Kambodscha zum Problem gemacht?

Ja, das war einfach bei dem Hintergrund. Ich wusste natürlich, dass es eine Hilfstechnik ist.

Können Sie sich Situationen vorstellen, die ein Trauma, auch bei Ihnen, hervorrufen könnten?

Ich will mich das nicht fragen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Technik, mit der ich seit 30 Jahren arbeite, so gut funktioniert, dass dies nicht eintrifft.

Kennen Sie Kollegen, die durch Erfahrungen in Krisengebieten traumatisiert wurden?

Nein, diese Kollegen kommen nicht mehr an die Kriegsschauplätze zurück.

Der CNN-Chef Chris Cramer bezeichnet sich selbst als traumatisiert und fordert Hilfe für Kollegen, deren Geschäft die Berichterstattung über Tod, Leiden und Zerstörung ist. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Aber ich denke, der Grundfehler ist, Tod und Krieg zum Geschäft zum machen. Die selbstverordneten Pausen waren immer sehr wichtig, damit das keinen kommerziellen Charakter annahm, sondern journalistische Berichterstattung blieb. Ich bin in der Regel aus politischen Überzeugungen in die Einsätze gegangen und nicht wegen der Honorare.

Glauben Sie, dass die Gefahr, als Journalist traumatisiert zu werden, ein tatsächliches Problem ist?

Das ist eine Frage des Umgangs mit sich selbst. Ob man sich vor dem Einsatz Gedanken gemacht hat was auf einen zukommt oder blauäugig in Reportage hineingeht. Für zwangsläufig halte ich die Gefahr nicht.

Wie schätzen Sie die psychische Situation der einheimischen Journalisten ein, die täglich erleben, was Korrespondenten nur auf absehbare Zeit mitbekommen und zudem oft durch Verfolgung, Gefängnis, Folter oder sogar Tod bedroht sind?

Deren psychische Situation ist erheblich schwieriger als die der ausländischen Korrespondenten. Der Ausländer kommt, berichtet, hat möglicherweise seinen Scoop und verschwindet wieder. Der Stringer hat diese Möglichkeit nicht. Ich würde ungern mit ihm tauschen.

Was raten Sie Kollegen, die in kritische Gebiete fahren, um von dort zu berichten?

Ich würde den Kollegen fragen, ob er sich im Klaren ist, auf was er sich einlässt. Allerdings: In Afghanistan ist zur Zeit nur Regionalberichterstattung im Norden möglich, ohne über den wirklichen Krieg zu berichten. Im Süden kommt man knapp an die Grenze ran, die dritte Möglichkeit ist, von einer US-Basis zu berichten. All das ist relativ harmlos. Wirklich interessant, aber zugleich ein Selbstmordjob wäre es, sich jetzt in Afghanistan aufzuhalten. Dieser Krieg hat ein neues Element, der religiöse Hass gegenüber Ausländern erhöht das Risiko enorm.

Wie geht ihre Familie damit um, wenn Sie wie zuletzt als erster westlicher Journalist aus dem Kosovo berichten?

Ich habe das Glück gehabt, das ich meine Frau erst kennen gelernt habe, als ich schon 15 Jahre solcher Einsätze hinter mir hatte. Ich würde mich scheuen, einen solchen Einsatz vorab detailliert mit Frau und Kind zu besprechen, weil ich Sorge hätte, dass mir die Unbefangenheit abhanden kommt. Verliert man seine Unbefangenheit, wächst das Risiko. Jeder Kollege stimuliert sich letztlich auch mit der Überzeugung: Dir wird nichts passieren.

Was halten Sie von Aktionen wie der englischen Reporterin Ridley und des französischen Journalisten, die sich mit einer Burka verkleidet nach Afghanistan einschmuggelten?

Grundsätzlich kann man ohne Stringer solche Einsätze kaum machen. Und damit wird automatisch ein Großteil des Risikos auf die einheimischen Kollegen verlagert. Die haben aber keine Botschaft und keinen Außenminister, der interveniert, wenn es zu Problemen kommt. Insofern ist das eine hohe Verantwortung, wenn man überhaupt jemanden mitnimmt. Ich würde versuchen, niemanden mitzunehmen, wenn machbar, aber das entscheidet die Situation vor Ort.


  • Das Gespräch mit Christoph Maria Fröhder führte Hardy Prothmann
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