Viel Lob – wenig Geld für Fachjournalisten

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Durch die Coronakrise erlebt der Wissenschaftsjournalismus einen Hype. Virologe Christian Drosten, der im NDR-Podcast Erkenntnisse zur Pandemie anschaulich vermittelt, erhielt am 1. Oktober das Bundesverdienstkreuz. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten verkündeten im September, „Qualität und Quantität“ ihrer Wissenschaftsberichterstattung auszubauen. Doch die Fachjournalist*innen bleiben skeptisch und suchen weiter nach Wegen, ihre Profession zu stärken.

„Derzeit bewegt sich der Wissenschaftsjournalismus in einer höchst paradoxen Welt“, konstatierte Nicola Kurth, Vorstandsmitglied des Fachverbandes WPK (Wissenschaftspressekonferenz), im Mai bei einer Bundestags-Anhörung zu Wissenschaftskommunikation. Sie kritisierte, dass ihrer Profession „auf der einen Seite und von höchsten Stellen Systemrelevanz attestiert“ wird, die Öffentlichkeit reagiere „wie nie zuvor auf wissenschaftsjournalistische Beiträge“, aber gleichzeitig würden Budgets für freie Autor*innen – besonders im Rundfunk – gekürzt oder gar komplett gestrichenen. Sie forderte genauso wie Volker Stollorz, Redaktionsleiter des Science Media Centers in Köln, eine Stiftung für Wissenschaftsjournalismus und machte sich für eine unabhängige wissenschaftsjournalistische Beobachtung von Forschung stark.

In der immer komplexeren Welt reiche Alltagsverstehen nicht mehr aus und die Menschen seien auf verlässliches Forschungswissen angewiesen, um sich zu orientieren, so Stollorz auf Nachfrage von M. Corona sei die erste schwere Pandemie, die in der Bevölkerung große Ängste und Unsicherheiten auslöste: „Darf ich noch rausgehen, darf ich meine Frau noch küssen?“ Zumindest in den ersten drei Monaten hätten Wissenschaftsjournalist*innen großen Anteil daran, dass mehr als drei Viertel der Menschen sich gut informiert fühlten und zu „drastischen Verhaltensänderungen“ bewegt wurden. Ihre Informationen bezogen sie laut Wissenschaftsbarometer der Robert-Bosch-Stiftung mehrheitlich aus den klassischen Medien TV, Radio und Print, nicht aus den „sozialen Medien“.

Intensiv und nachhaltig über existenzielle Themen berichten

Dieser „Hype“ für Wissenschaftsjournalismus und die Glaubwürdigkeit klassischer Medien könne nur nachhaltig sein, wenn man nach der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes genauso intensiv über andere existentielle Themen wie Klimawandel berichte, so Stollorz. Da die direkte Betroffenheit nicht so unmittelbar sei sowie „handfeste Interessen“ und hohe Kosten einem notwendigen Umsteuern in der Wirtschaftspolitik entgegenstehen, sei es hier schwieriger, die von der „Wissenschaft angeratenen Maßnahmen“ umzusetzen und zu vermitteln.

Ob es bei Tech-Plattformen überhaupt genügend kompetente Vermittler von Wissenschaft gibt und welche Informationen die Bürger*innen erreichen, hinterfragt der Kommunikationswissenschaftler Mike S. Schäfer in einem Interview. Die algorithmische Kuratierung der Inhalte führe nämlich dazu, dass nicht Qualität im Mittelpunkt stehe, sondern Aufmerksamkeitsmaximierung. Deshalb müsse man Tech-Plattformen durch Anreize oder Regulierung dazu bringen, ihre Empfehlungsalgorithmen so zu ändern, dass sie „kompetent zu wissenschaftsbezogenen Themen“ informieren.

Forschungsstand verständlich vermitteln

Nach Studienergebnissen im Kontext des Forschungsprojekts „Klimawandel aus Sicht der (Medien)Rezipienten“  übernehmen journalistische Medien vor allem eine Themensetzungsfunktion – auch in der Online-Laienöffentlichkeit. Jüngere Befragungen 2019 zeigten, dass das Informationsbedürfnis der Bürger*innen steigt, wobei einige aber nicht glaubten, dass “die Dinge so wiedergegeben werden, wie sie wirklich sind.“ Diese Herausforderung meisterten 2020 in der Coronakrise Wissenschaftsjournalist*innen, die den Forschungsstand kritisch und systematisch beobachteten und verständlich vermittelten.

Doch die meisten von ihnen arbeiten frei und zunehmend prekär. Einst verdienten Wissenschaftsjournalist*innen noch gut beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und konnten es sich leisten, auch für Zeitungen zu schreiben. Doch die Zeiten haben sich geändert, wie das Beispiel Hessischer Rundfunk (HR) zeigt, wo das Ressort nicht einmal im Organigram des Senders auftaucht. Beim HR baute die promovierte Neurobiologin und Journalistin Regina Oehler ab 1985 die Wissenschaftsredaktion im Hörfunk auf. Im Gespräch mit M erzählt sie, das Ressort sei immer wieder „umgetopft“ und erst in den letzten Jahren bei HR Info „strukturell verankert“ worden. Wissenschaftsthemen hätten nun eine größere Aufmerksamkeit, da sie in die Tagesplanung einbezogen würden, aber es fehle immer noch an „Manpower“.

Jetzt ist Oehler im Ruhestand, ihre Wissenschafts-Planstelle gibt es nicht mehr und das Ressort wird von zwei freien Redakteur*innen auf Honorarbasis geleitet. Sie sieht das kritisch, denn nur die Sicherheit der Festanstellung garantiere die Freiheit, Themen zu setzen und abzulehnen. Wie wichtig dieses Standing für die journalistische Glaubwürdigkeit ist, zeigt sich am Beispiel einer PR-Meldung der Uni Heidelberg über Bluttests zur Erkennung von Brustkrebs. Oehler wurde skeptisch, fragte beim Krebsforschungszentrum Heidelberg nach und als diese nichts von dem vermeintlichen Forschungserfolg wussten, weigerte sie sich, darüber zu berichten, um Frauen nicht zu verunsichern. Später schlug das Thema dann als Bluttest-Skandal hohe Wellen und belastete den Ruf der Uni Heidelberg schwer.

Den Richtigen das Mikrofon hinhalten

Wissenschaftsjournalist*innen seien nicht „Dr. Allwissend“, aber ein „bisschen kritischer sollten sie schon sein“, so Oehler und auch Stollorz betont, wie wichtig es sei, „den Richtigen das Mikrofon hinzuhalten“. Und die entdecke man nur mit entsprechender Expertise. Deshalb sei Spezialisierung „ein Wesenskern“ von Wissenschaftsjournalismus, der seine Qualität durch Diversität steigere. Stollorz: „Guter Wissenschaftsjournalismus zertifiziert verlässliches Wissen unabhängig von der selbst vermittelten Wissenschaftskommunikation.“

Diese Aufgabe übernimmt u. a. das Stiftungsfinanzierte Science Media Center SMC, das 2015 in Köln gegründet wurde und wegen seiner Verdienste als „knowledge-broker“ in der Coronapandemie mit einem Sonder-“Leuchtturm“ des Netzwerks Recherche ausgezeichnet wurde. Das SMC unterstützt nicht nur Wissenschaftsjournalist*innen bei der Einordnung von Studien und Statistiken zu Covid19 und liefert bei virtuellen Press-Briefings auch O-Töne von relevanten Forscher*innen. Insbesondere für Freie ist das eine Arbeitserleichterung. Aber auch Regionalzeitungen ohne Wissenschaftsressorts, die sich früher an die nächste Uni wandten, sind  froh, hier Unterstützung zu finden und nicht Desinformationen aufzusitzen.

In der Coronakrise erhält das SMC Anfragen aus allen Redaktionen und die im Leipziger Impuls II der Rundfunkanstalten geforderte „Verzahnung mit tagesaktuellen Informationsangeboten“ ist  Realität. Trotz SMC-Expertise könnten Wissenschaftsjournalist*innen nicht durch andere Kolleg*innen ersetzt werden, so Stollorz: „Man kann nicht in den Dschungel reinrennen ohne die Bäume zu kennen.“ Regina Oehler befürchtete anfangs, dass der SMC-Service Monopolisierung und Mainstreaming von Fachwissen Vorschub leistet, meint nun aber: „Es ist supernützlich für meine Arbeit, denn so kann ich meine eigene Einschätzung leichter überprüfen.“

Stiftung zur Förderung des Wissenjournalismus

Wissenschaftsjournalismus erfordert Fachwissen, kostet Zeit und Geld. Da viele Medien das nicht finanzieren (können), wird über eine staatlich finanzierte Stiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus diskutiert. Sie solle z. B. unabhängige Berichterstattung, digitale Innovationen und Fachjournalismus im Regionalen fördern, so Volker Stollorz. Die Öffentlich-Rechtlichen sieht er aber weiterhin in der Pflicht: „Sie haben einen Informationsauftrag!“ Vom Leipziger Impuls II erwartet er nicht viel – zumal nur MDR und WDR für die ARD unterschrieben haben. MDR-Pressestellenleiter Michael Naumann erklärt auf M-Nachfrage: „Es gibt weitere Medienhäuser, die sich gern anschließen möchten.“ Und zu Maßnahmen, wie der Wissenschaftsjournalismus gestärkt werden soll, sagt er: „Jedes Haus wird nun konkret prüfen, wo man steht und wie man sich weiterentwickeln will.“

Regina Oehler setzt auf eine demokratisch verankerte Medienpolitik, die auch die digitale Präsenz der Öffentliche-Rechtlichen etwa über eine europäische Plattform vorantreiben müsse. Die Leipziger Initiative sei nur ein „Impülsle“, dem mehr Engagement folgen müsse. Das meinte wohl auch Nicola Kurth, als sie bei der Bundestags-Anhörung warnte: „Beim nächsten Großereignis, bei dem wir wieder die systemrelevante Arbeit der Wissenschaftsjournalist*innen als Gatekeeper brauchen, werden erheblich weniger Kolleginnen und Kollegen da sein, die diese Arbeit noch leisten können.“ Noch kann umgesteuert werden!

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