Vom Setzen der Segel im Journalismus

Mediensalon mit Cherno Jobatey (Mitte), Olaf Hoffjann und Christoph Nitz von der mekofactory (r.) in Berlin
Foto: Tobias Koch

„Segel setzen – Journalismus hat Perspektiven“ war das Thema des ersten Mediensalons von DJV, dju in ver.di und mekofactory am 26. September nach der Sommerpause in Berlin. Gesprächspartner waren Cherno Jobatey, Moderator und Herausgeber der deutschen Ausgabe der Huffington Post und Olaf Hoffjann. Der Professor von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften präsentierte und diskutierte Ergebnisse der Studie „Deutschlands Blogger – Die unterschätzten Journalisten“.

„Es gab eine Zeit“, erzählt Cherno Jobatey, da habe man im Journalismus ziemlich gut Karriere machen können, „indem man einfach vor sich hinarbeitete und machte, was man wollte. Diese goldenen Zeiten, wenn es sie wirklich gab, sind eindeutig vorbei – und das ist auch gut so.“ Die Fettpolster der Verlage seien nun nicht mehr so dick, aber das sei kein Grund zur Sorge. „Jetzt kommen noch bessere Zeiten“, meint Jobatey.

Keine Krise des Journalismus, sondern des Geschäftsmodells

Die größte Veränderung, welche die Digitalisierung in den Medien mit sich gebracht habe, ist die Messbarkeit von Inhalten, wie Jobatey betont. Wie oft werden sie gelesen, von wem, wie lange – alles Informationen, die in der gedruckten Zeitung nicht zu bestimmen sind. Diese Vergleichbarkeit bringe dem Journalismus eine riesige Fülle neuer Konzepte und Ideen: Beispielsweise experimentiere die Branche mit Arten der Berichterstattung. Jobatey schwärmt von einer neuen Vielfalt an Formaten von kurz über lang bis audiovisuell. Es gebe neue Textformen wie die berüchtigten „Listicles“ (15 Dinge, die…), die Listen in Artikelform präsentieren und besonders häufig angeklickt werden. Videos, die früher aufwändig und teuer waren, könnten heute einfach mit dem Handy gedreht werden. Außerdem freut sich Jobatey über eine neue Pluralität der Stimmen, die in der Öffentlichkeit gehört werden.

Die oft beschworene Krise des Journalismus ist also in Wirklichkeit eine Krise des Geschäftsmodells, stellt Jobatey fest. Der Journalismus sei nicht gefährdet, er verändere sich nur. Lediglich der Umstellungsprozess könne etwas kompliziert werden. Sowohl für die Redaktionen als auch die geschäftliche Ebene gelte: „Es ist zu lange nach dem gleichen Schema gearbeitet worden, ohne sich weiter zu entwickeln“, sagt Jobatey. Das klassische Modell, in dem ein Artikel neben einer Anzeige steht, sei endgültig veraltet und nicht mehr tragfähig. Kein anderer Unternehmenszweig habe so lange überleben können, ohne die Produktionsbedingungen zu verändern.

Neue Vielfalt und unbegrenzte Möglichkeiten für den Journalismus also – aber gilt das auch für Journalistinnen und Journalisten? Wer sich auf die neuen Anforderungen einlässt, den erwarten rosige Zeiten, so Jobateys Credo. Überall würden Journalisten gesucht und abgeworben, die innovativen Schreiberlinge könnten sich jetzt und auch in Zukunft aussuchen, wo sie arbeiten wollten.

Selbstausbeutung als Zukunftsvision? 

Prof. Olaf Hoffjann von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Foto: Tobias Koch

Professor Olaf Hoffjann von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften sieht das anders. Im Auftrag der Otto Brenner Stiftung hat er gerade eine Studie über deutsche Blogger veröffentlicht. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Blogger arbeiten oft viele Stunden, ohne mit ihren Inhalten veritable Einnahmen zu erzielen. Kaum einer kann vom Schreiben alleine leben. „Das ist Selbstausbeutung, das muss man ganz klar so sagen“, sagt Hoffjann. Könnte dieses Schicksal in Zukunft auch professionellen Journalisten blühen? „Wenn ich sehe, dass Verlage kurz davorstehen, Publikationen ganz einzustellen, dann mache ich mir schon Sorgen“, sagt Hoffjann. Für den Wissenschaftler steht die wirtschaftliche Lage der Schreibenden in direktem Verhältnis zur Qualität des Geschriebenen. Vor diesem Hintergrund stimmt die Abnahme der Fettpolster, die sich inzwischen bis an die harten Reserven einiger Medienhäuser fortgesetzt hat, dann doch nachdenklich.

Bei allen neuen Möglichkeiten und Perspektiven muss auch ein Optimist wie Jobatey sich am Ende einem Dilemma stellen: „Man muss sich überlegen, wie Journalismus finanziert werden kann.“ Vorschläge dazu bot der Diskutant leider nicht an. In jedem Fall lohnt es sicher, in die von Prof. Hoffjann gemeinsam mit Oliver Haidukievicz vorgelegte Studie über Blogger und  Journalisten bei der Otto-Brenner-Stiftung zu schauen.


Save  the date!

Der nächste Mediensalon findet am 24.Oktober beim Vodafone-Institut in Berlin statt. Mehr dazu demnächst auf M Online!

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