Wenn Herkunft doch eine Rolle spielt

Die Herkunft werde meist nur dann genannt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind, so ein zentraler Befund der Expertise von Prof. Dr. Thomas Hestermann für den Mediendienst Integration.
Foto: Christian von Polentz

In Zeitungsberichten werden ausländische Tatverdächtige mittlerweile 32 Mal so häufig erwähnt, wie es ihrem realen Anteil in der Kriminalstatistik entspricht. Zeichnen Medien das Angstbild des gewalttätigen Migranten? Diese Frage stellte sich bei einer Veranstaltung unter dem Titel „Wenn Herkunft doch eine Rolle spielt“. Der ver.di-Migrationsausschuss organisierte sie am 6. März als Beitrag zur Internationalen Woche gegen Rassismus.

Wesentliche Diskussionsgrundlage bildeten Erkenntnisse, die Journalistikprofessor Dr. Thomas Hestermann von der Macromedia Hochschule Hamburg bei der Analyse von Mustern medialer Berichterstattung über Gewalttaten seit 2015 gewonnen hat. In einer kürzlich vorgelegten Expertise für den Mediendienst Integration wird etwa festgestellt: 2019 verwies nahezu jeder dritte TV-Beitrag über Gewaltkriminalität auf die Herkunft der Tatverdächtigen. Das ist fast eine Verdopplung gegenüber 2017. In überregionalen Zeitungen lag der Anteil der Herkunftsverweise aktuell mit 44 Prozent sogar noch höher. „Die Herkunft wird meist nur dann erwähnt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind“, erklärte Hestermann den Debattenteilnehmer*innen in der ver.di-Bundesverwaltung.

Seit Köln alles anders?

Wendepunkt bildeten die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16, zuvor habe die Herkunftsnennung nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Seither, und nachdem der Deutsche Presserat die Ziffer 12.1 des Pressekodex‘ geändert habe, ergebe sich nach Hestermann eine „extreme Verzerrung“ der Berichterstattung gegenüber der polizeilichen Kriminalstatistik: „Während die Polizei 2018 mehr als doppelt so viele deutsche wie ausländische Tatverdächtige erfasste, kommen in Fernsehberichten mehr als 8 und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen.“ „Lügenpresse“-Rufe und der öffentliche Vorwurf an die Medien, von Ausländern ausgehende Gewaltkriminalität kleinzureden oder zu verschweigen, zeige von Land zu Land unterschiedliche Auswirkungen: So sei man in Hamburg dazu übergegangen, die Nationalität von Tatverdächtigen in der Kriminalitätsberichterstattung immer zu nennen. Im Saarland, neuerdings auch in Sachsen und in NRW geschähe das überwiegend. Die neue Formulierung im Pressekodex, nach der statt eines begründeten Sachzusammenhangs zur Tat nun nur ein „begründetes öffentliches Interesse“ maßgeblich sei, sah der Experte kritisch. Ein Gremium wie der Presserat sollte „nicht nach Markt und Publikumsinteresse entscheiden, sondern ethische Maßstäbe setzen“. Für Hestermann ein gewisses Zurückweichen auch vor der AfD, die Furcht vor Zuwanderern und „Ausländerkriminalität“ bewusst schüre, etwa mit Schlagworten wie „Messerepedemie grassiert“.

Handwerk gefordert

Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di und als solche Vertreterin einer Trägerorganisation des Deutschen Presserates, erläuterte, dass es fast zwei Jahre bis zum Kompromiss der Neuformulierung von Ziffer 12.1 gebraucht habe. Diese werde von ver.di jetzt mitgetragen, dennoch „sehen wir kritisch darauf und haben uns vorgenommen, die Entwicklung zu evaluieren. Der Druck ist groß.“ Die Zahlen, die die Expertise erbracht habe, „entsetzten“ auch sie, man müsse in die Debatte kommen. Die dju in ver.di wirke darauf hin, dass auch die Polizei – bekanntlich in Länderhoheit ­­– sich in ihrer Berichterstattung dem Pressekodex unterwerfe.

„Täter sind verantwortlich für ihre Taten, nicht für ihre Nationalität“, empörte sich Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin der Neuen Deutschen Medienmacher*innen. Ihr sei völlig unverständlich, wieso die ursprüngliche Pressekodex-Formulierung mit der Forderung nach einem direkten Sachbezug gekippt worden sei: „Ein Sachbezug ist nur dann gegeben, wenn die Geschichte sonst nicht zu verstehen ist. Andernfalls eben nicht.“ Die jetzige Formulierung von 12.1 leiste Vorschub, „ganze Nationalitäten zu verdächtigen und mit kultureller Diskriminierung abzustempeln“. Es dennoch nicht zu tun, sei eine Forderung an die Professionalität von Journalist*innen und die Beherrschung des Handwerks.

Allerdings, hielt Hestermann dagegen, seien Journalist*innen „darauf trainiert, Details zu erfassen und Dinge so präzise zu benennen, wie es eben geht“. Er empfehle die Vorgehensweise der „New York Times“. Wenn dort die Herkunft von Tätern genannt sei, werde stets begründet, warum.

Konstruktiv gegensteuern

Auf die Frage von Moderator Rhomin Khan, ver.di-Referent für Migrationspolitik, was künftig besser zu machen sei, verwies Cornelia Berger auf die sorgfältigen Beschwerdeverfahren im Presserat – „man kann auch online Verstöße gegen Ziffer 12.1 melden“. Aber auch darauf, dass ver.di im Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestages offensiv gegen Hass und die Bedrohung von Journalist*innen vorgehe. Jeder brauche Rückgrat, erklärte eine Teilnehmerin aus dem Plenum. Öffentlicher Druck auf die Medien und Zeitdruck in den Redaktionen seien für Journalist*innen oft schwer auszuhalten.

Vassiliou-Enz rief die Debattenteilnehmer*innen „zu massenhaften Beschwerden“ auf, die auch an Redaktionen gerichtet werden sollten, um dort aufzuschrecken. Geschichten „ganz und präzise zu erzählen“ und „mit Informationen dagegenzuhalten“ könne beitragen, „nicht der AfD auf den Leim zu gehen“. Dabei beträfen mediale Verzerrungen übrigens nicht nur „Bild“, sondern auch „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Welt“, ergänzte Hestermann. Er regte außerdem an, sich im Netz für eine konstruktivere und positive Debattenkultur einzusetzen. Auch YouTuber und Influencer etwa könnten „Ermutigung geben und Bilder der kulturellen Vielfalt zeigen“.


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