Wer gibt den Takt vor: Politik und Medien

Ausschließlich Expertinnen auf dem Podium: Politik und Medien - Wer gibt den Takt an? Foto: meko factory/Henrik Andree

„Politik und Medien – Wer gibt den Takt an?“ war die Frage im aktuellen Berliner Mediensalon in der taz-Kantine. Doch welchen Takt? Den der politischen Entscheidungen, der medialen Öffentlichkeit, der sogenannten Zivilgesellschaft? Und wer repräsentiert eigentlich wen? Um diese Begrifflichkeiten und Einordnungen drehte sich die Diskussion bis zum Schluss der Kooperationsveranstaltung. Ausgangspunkt für das komplett weiblich besetzte Podium bildeten neue Studienergebnisse zu TV-Talkshows.

„Wer spricht für wen?“ stand als Frage am Beginn des September-Mediensalons, als Paulina Fröhlich, Leiterin des Programmbereichs „Zukunft der Demokratie“ des „Progressiven Zentrums“, ihre neue Studie zur „Talkshow-Gesellschaft“ vorstellte, die sie zusammen mit  Johannes Hillje erarbeitet hat.

Paulina Fröhlich erläutert Studienergebnisse.
Foto: meko factory/Henrik Andree

Über einen Zeitraum von März 2017 bis einschließlich März 2020 hatten beide dazu die Talkshows von Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger sowie „Hart aber fair“ von Frank Plasberg untersucht, in punktuellen Vergleichen wurden „Markus Lanz“ sowie die „Phoenix-Runde“ herangezogen. Während die Zuschauerzahlen insgesamt eher rückläufig waren, stiegen sie im Corona-März 2020 bei den Talkshows um bis zu 30 Prozent an. Insgesamt kamen zwei Drittel der Gäste in den drei untersuchten Jahren aus den Bereichen Politik (43 Prozent) und Journalismus (23 Prozent). Bei den Politiker*innen wurden zu 70 Prozent Personen von der Bundesebene eingeladen, nur vier Prozent als Vertreter*innen der Europäischen Union, obwohl, so Fröhlich, „inzwischen jedes zweite Gesetz auf die EU zurückgeht“.

Bei Gästen aus der Wirtschaft stammte fast die Hälfte von der Unternehmerseite, Gewerkschaftvertreter machten nur zu rund acht Prozent aus. Die Eingeladenen, die von der Studie unter Zivilgesellschaft eingeordnet wurden, kamen ganz überwiegend aus dem Bereich von Klima- und Umweltschutz. Fröhlich: „Die ‚Fridays-For-Future‘-Bewegung hat es auf die Talkshow-Sessel geschafft.“

Der 21. Berliner Mediensalon fand am 28. September 2020 statt.
Foto: meko factory/Henrik Andree

Wer repräsentiert wen?

Elizabeth Prommer, Professorin für Medienforschung an der Universität Rostock, griff die Frage „Wer spricht für wen, wer repräsentiert wen?“ direkt auf. Sie fand eine solche Unterscheidung der Repräsentation Politik versus Zivilgesellschaft gefährlich, denn auch Politiker*innen seien Teil und Repräsentant*innen der Zivilgesellschaft, von der sie ja gewählt wurden. Die Unterscheidung Regierungsebene versus Zivilgesellschaft fand sie für eine solche Untersuchung hilfreicher.

Dass die Runden in solche Sendungen breiter angelegt sein könnten, etwa generell mehr Frauen auch bei den „Experten“ eingeladen werden sollten, darin war sie sich mit Cosima Kopp, Chefredakteurin der Studierendenzeitung der Humboldt-Universität „UnAufgefordert“, einig. Kopp wünschte sich außerdem noch mehr „People of Colour“ oder „LGBTQ“-Vertreter*innen in solchen Sendungen.

Dem politischen Interesse auf Ebenen unterhalb der Bundespolitik galt die Frage der Moderatorin Charlotte Bauer, Volontärin bei der „Berliner Morgenpost“. Die Studierenden-Parlamente an den deutschen Hochschulen stünden deutlich im Schatten der Aufmerksamkeit. Die Humboldt-Uni verzeichne seit Jahren eine Wahlbeteiligung unter zehn Prozent, auch das Interesse an den beiden Studi-Zeitungen sei nicht besonders ausgeprägt, räumte Kopp ein.

Laura Hofmann, früher Redakteurin beim „Tagesspiegel“ und heute Pressesprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus: Die Berliner Politik habe oft damit zu kämpfen, dass den Berliner*innen gar nicht richtig klar sei, dass die Hauptstadt auch ein Bundesland sei. Das Landesparlament werde nicht richtig wahrgenommen. Informationen dazu gebe es von der „Abendschau“ im RBB bis zu den Regionalteilen der Tageszeitungen. Die Frage sei aber, ob junge Leute über diese Kanäle noch ansprechbar seien.

Vertrauen beim Publikum

Prommer wies daraufhin, dass gerade die regionalen dritten Programme und die Lokalteile der Tageszeitungen besonderes Vertrauen beim Publikum genössen. Sie wolle „eine Lanze brechen“ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und das gesamte deutsche Medienwesen, gerade im Vergleich zu den USA, zu Italien oder Großbritannien, die sie als weitere Beispiele nannte. Ein Trend in den Vereinigten Staaten sei, dass immer mehr Menschen kritische Informationen aus den satirischen „Late Night Shows“ bezögen. Ein solches Phänomen sei beispielsweise bei der „Heute-Show“ in Deutschland noch nicht zu beobachten.

Wer bei Veröffentlichungen den Takt angebe, hinge auch von der Nachrichtenlage ab, sagte „Seitenwechslerin“ Hofmann. In Ferienzeiten sei es natürlich einfacher, die Aufmerksamkeit der Journalist*innen für eigene Themen zu gewinnen. Eine Vertrautheit, eventuell auch Vertrauen zwischen Politiker*innen und Journalist*innen, die sich ja immer wieder begegnen, sei ihrer Ansicht nach nicht von Nachteil für die Leser*innen, sondern könne ein Mehr an Information bedeuten – solange die professionelle Distanz gewahrt bleibe. Geschichten ließen sich nicht jemandem zuliebe unterdrücken, unterstrich auch Prommer, niemand sei mehr „safe“, weil er der „Buddy“ eines Chefredakteurs sei. Das habe die Geschichte mit Bundespräsident Christian Wulff und „Bild“ deutlich gezeigt.

Ob die Zusammenarbeit mit Aktivist*innen wie beim „Stern“ (und der taz) zum Thema Klimawandel ein Tabubruch sei, fragte Moderatorin Bauer. Nein, war die deutliche Antwort vom Podium, schließlich sei das transparent gemacht worden. Wer also hat den Takt angegeben? Laura Hofmann: „Die Medien reportieren, was sie von der Politik und der Zivilgesellschaft geliefert bekommen.“ In diesem Fall ein Thema, das allein am 25. September in mehr als 450 deutschen Städten Tausende auf die Straße gebracht hat.


Dieser Berliner Mediensalon wurde in Kooperation von Jugendpresse Deutschland und meko factory – Werkstatt für Medienkompetenz gGmbH veranstaltet,  gefördert von der Landeszentrale für politische Bildung Berlin  und unterstützt von der Otto-Brenner-Stiftung.
#Mediensalon ist eine Kooperation von Deutscher Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, Deutschem Journalistenverband DJV Berlin – JVBB e.V. und #mekolab.

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