Zwischen Distanz und Nähe zum Filmprojekt

Filmemacherin Düzen Tekkal im Gespräch mit Anna Engel (hr2 Kultur). Foto: Jan Jacob Hofmann

„Nicht weggucken!“ Das war die zentrale Botschaft der Kriegsberichterstatterin und Investigativjournalistin Düzen Tekkal bei einer Veranstaltung des ver.di-Senderverbands im Hessischen Rundfunk und der dju am 26. April 2016 in Frankfurt am Main. Die Reporterin berichtete von ihren Erfahrungen in Syrien und im Irak, wo sie sich gemeinsam mit ihrem Vater 2014 auf die Suche nach ihren jesidischen Wurzeln machte – und mitten im Kriegsgebiet landete. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der allen Teilnehmer/innen der Veranstaltung sichtlich nahe ging.

Wie geht man damit um, wenn Kinder im Interview von der Ermordung ihrer Eltern berichten? Wenn Frauen erzählen, wie sie von den Terroristen des sogenannten Islamischen Staats vergewaltigt wurden? „Ich habe die Angst und meine Gefühle unterdrückt, sonst hätte ich das nicht machen können“, sagte Düzen Tekkal. „Die Tränen kamen erst, als der Film geschnitten war.“ Ohne diese journalistische Distanz wäre es nicht gegangen. Aber auch nicht ohne die Nähe zum Objekt der Berichterstattung. Denn ihr Dokumentarfilm „HÁWAR“ ist zugleich ein Bericht über den Völkermord an den Jesiden und eine Familiengeschichte. Er ist sehr persönlich. Und er ist politisch. „Den Anspruch der Neutralität habe ich mittendrin aufgegeben“, gab die Filmemacherin zu. Zugleich legte sie diese Subjektivität offen.

„Es geht mir darum, diesen Menschen eine Stimme zu geben“, so die 38-Jährige. Das ist ihr gelungen. „Es ist erstaunlich, was ein Film bewegen kann, obwohl er nicht im Kino läuft.“ Sie habe sehr viel Zuspruch bekommen, die Öffentlichkeit erreicht, auch die Politik. Leicht war das allerdings nicht. Keine Firma traute sich, den Film im Kino zu vertreiben – aus Angst vor Anschlägen. Düzen Tekkal und ihrer Mitstreiter_innen mussten die Verbreitung selbst übernehmen. Nun wird er von Flüchtlingsinitiativen und anderen Gruppen sowie in einzelnen Kinos gezeigt. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender weigerten sich lange, den Beitrag auszustrahlen. Im Mai wird ihn das ZDF nun endlich bringen.

„Wir müssen uns bewusst machen, dass die Probleme nicht so weit weg sind, wie wir denken“, so Düzen Tekkal. Auch in Europa sei die Pressefreiheit bedroht, insbesondere in der Türkei. Das hatte zuvor auch ver.di-Landesfachbereichsleiter Manfred Moos bei seiner Begrüßung betont. „Wir erleben, wie die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten behindert wird und sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern.“ Das gelte für Ungarn, Polen und vor allem die Türkei. Aber auch in Deutschland würden Reporter_innen angegriffen und beleidigt – zum Beispiel am Rande von Pegida-Demonstrationen.
Dass man als engagierte Journalistin auch hierzulande unter Druck kommen kann, hat Düzen Tekkal selbst erlebt. Im „Team Wallraff“ bei RTL arbeitete sie als Undercover-Reporterin als Küchenhilfe für die Marseille Kliniken AG. Sie berichtete über unhygienische Zustände in der Essenszubereitung und wurde vom Unternehmen dafür angezeigt. „Wir legen uns mit millionenschweren Konzernen an“, erklärte Düzen Tekkal. Umso wichtiger sei es, penibel, genau und mit großem Zeitaufwand zu recherchieren.

Wie man das lernt, war Thema der anschließenden Debatte mit Andreas Jung, der beim Hessischen Rundfunk für Aus- und Fortbildung zuständig ist. „Wir wollen in unseren Redaktionen den Blick auf die Realität aus verschiedenen Richtungen haben“, betonte er. Deshalb lege der Sender Wert darauf, als Volontär_innen auch Menschen mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen. Am Ende zähle aber die Qualität. „Von der journalistischen Qualität dürfen wir nicht abrücken, denn das ist der einzige Punkt, der uns von anderen unterscheidet, die veröffentlichen.“
Dass ein Redaktionsvolontariat keine zwingende Voraussetzung für journalistische Qualität ist, zeigt die Geschichte von Düzen Tekkal. „Ich habe kein Volontariat gemacht, dadurch hatte ich es aber auch schwerer“, berichtete sie. Sie plädierte dafür, bei der Auswahl angehender Journalist_innen auch Migrant_innen und anderen Benachteiligten eine Chance zu geben. In der Ausbildung sollten „Typen zugelassen und nicht alle gleich gemacht werden“. Und: „Mut sollte belohnt werden.“ Damit andere ebenfalls lernen, nicht wegzusehen.

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