Dem Boulevard hinterher

Frauen und Männer bei der medialen Popularisierung

Die französische Präsidentschaftskandidatin Segolène Royal präsentierte sich im Bikini, die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wirbt für „Bild“. Geht mit dieser Boulevardisierung ein Verfall des „seriösen“ Journalismus einher oder entstehen neue Chancen politischer Teilhabe? Medienforscher/innen und Journalistinnen diskutierten Ende September in Berlin über Möglichkeiten, dem demokratischen Diskurs in den Medien neue Impulse zu geben.


„Der politische Journalismus rennt dem Boulevard hinterher, damit Politik überhaupt noch einen Platz in der modernen Mediengesellschaft hat“, so Tissy Bruns vom Berliner Tagesspiegel. Politik müsse sich durch die Integrität ihrer Protagonist/innen legitimieren, denn die alte „Lagerzuordnung“ sei „zusammengebrochen“ und Glaubwürdigkeit lasse sich nur noch „an Personen ablesen“. Wie wichtig deshalb die „private Hinterbühne“ von Politiker/innen ist, bestätigt eine Studie zur Politikverdrossenheit von Jugendlichen. Jungen warfen den Volksvertreter/innen Machtmissbrauch vor, Mädchen vermissten Alltagsnähe, referierten die Medienwissenschaftlerinnen Katrin Döveling und Dagmar Hoffmann. Beide Geschlechter wünschten sich von den Politiker/innen mehr Authentizität und „ehrliches Engagement“ für ihre Belange.

Personalisierung, Emotionalisierung und mehr Alltagsnähe in der Themenwahl politischer Berichterstattung können die Distanz zwischen Volk und Regierenden verringern und dazu beitragen, bisher vernachlässigte Bevölkerungsgruppen für gesellschaftspolitische Probleme zu interessieren – ebenso wie eine plakativere Sprache. „Journalismus soll verstehbar sein, um so viele Menschen wie möglich abzuholen“, forderte die „bekennende Boulevardjournalistin“ Eva Kohlrusch. „Promis, so die „Bunte“-Kolumnistin und Vorsitzende des Journalistinnenbundes, „werden benutzt als Projektionsfläche für eigene Themen“ und bieten Identifikationsmöglichkeiten.
Um die Wählerbindung zu erhöhen, gewähren Politiker/innen Einblicke in ihr Privatleben. Das birgt aber unkalkulierbare Risiken. Ex-Kanzler Gerhard Schröder habe sich – so Bruns – „dem Boulevard ausgeliefert“: Mit Zigarre im Brionianzug punktete er zwar als Staatsmann, wirkte so als Hartz-IV-Reformer aber fragwürdig. Minister Horst Seehofer, der sich als Familienmensch inszenierte, stolperte politisch über eine Geliebte. Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen schirmt ihre Privatsphäre ab und erlaubt nur begrenzte Einblicke (Foto mit Ehemann am Ostseestrand). Dass diese Dosierung für Politikerinnen vorteilhaft ist, belegten Genderforscherinnen wie Liesbet van Zoonen und Margreth Lünenborg. Personalisierung wirke für Politikerinnen eher statusmindernd. So erscheine eine Familie für sie „problematisch“: Sie „leidet“. Der Status eines Politikers werde dagegen durch eine Familie erhöht: Sie „unterstützt“ ihn. Die unterschiedliche Wirkung des gleichen Phänomens hänge mit Geschlechter bezogenen Erwartungen zusammen. Die Akzeptanz von Frauen sei immer noch an ihre „Mütterlichkeit“ geknüpft, so van Zoonen.
Öffentliches und privates Leben verschwimmen im politischen Journalismus. Mit ihrem Slogan „Das Private ist politisch“ erkannte die Frauenbewegung bereits in den siebziger Jahren, wie private Lebensverhältnisse gesellschaftliche Normen und politische Öffentlichkeit prägen und damit auch die Medienberichterstattung beeinflussen. So hat sich zum Beispiel auch die mediale Einstellung zur Homosexualität von Politikern geändert: „Wird Wowi der 1. schwule Kanzler?“ fragte die vor allem von Männern gelesene Bild im September 2006. Eine mehrdeutige Schlagzeile bekam Angela Merkel mit „Es ist ein Mädchen“ nach ihrer Wahl zur Kanzlerin in der tageszeitung (taz), deren Leserschaft immerhin zur Hälfte weiblich ist. Das sei der „erfolgreichste Titel“, erklärte Redakteurin Ulrike Herrmann, die den Weg der Boulevardisierung des linksalternativen Blattes nachzeichnete.
Die politische Realität wird – nicht zuletzt durch die Globalisierung – unübersichtlicher und die Medienberichterstattung vieldeutiger. Politische Fronten verschwimmen, wenn die Feministin Schwarzer für die von ihr einst heftig kritisierte Bild-Zeitung posiert. Geschlechterrollen von Politikerinnen werden vielfältiger, wenn Segolène Royal in Frankreich ihre Weiblichkeit inszeniert, Hillary Clinton sich in den USA aber „aseptisch als Mainstream-Politikerin“ präsentiert. Die Genrevermischung z.B. im Polit-Talk löst die konstruierten Gegensätze zwischen männlich besetzter Information und weiblich konnotierter Unterhaltung auf.
Die mediale Popularisierung von Politik wirkt ambivalent: Sie öffnet die Medien für neue Akteure und Akteurinnen aus der Zivilgesellschaft, für alltagsnähere Themen und plakativere Vermittlungsformen. Doch diese Boulevardisierung wurde nicht nur politisch durch die Frauenbewegung vorangetrieben, sondern auch durch ökonomische Interessen privater Fernsehanbieter und das hat nach Ansicht der Salzburger Professorin Elisabeth Klaus auch negative Folgen: „Lifestyle statt politischer Debatte“ und „Vermarktung statt Ermächtigung“.

Vorträge als Sammelband

Die Tagung „Politik auf dem Boulevard? – Die Rolle von Männern und Frauen bei der Popularisierung von Politik durch die Medien“ wurde von der Fachgruppe Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Kooperation mit der Freien Universität Berlin veranstaltet. Organisatorin Margreth Lünenborg will 2008 eine Auswahl der 15 Vorträge in einem Sammelband veröffentlichen. www.dgpuk.de

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