Facettenreich, nicht immer wertneutral

Westpropaganda der DDR über den Deutschlandsender

Seit 1997 veröffentlicht der LIT Verlag Münster-Hamburg-London seine Reihe zur Geschichte der Kommunikation in Deutschland. Die Herausgeber sind Prof. Dr. Arnulf Kutsch und Prof. Dr. Walter Hömberg. Bisher sind 15 Bände in dieser Reihe erschienen. Der jüngste trägt den Titel „Kalter Krieg im Äther – Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR“ und wurde von Klaus Arnold im Rahmen seiner Dissertation am Institut für Kommunikationswissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München erarbeitet.

Wie die Bundesrepublik den Deutschlandfunk und den RIAS, so hatte auch die DDR Hörfunksender, die über die Grenzen hinweg deutschsprachige Propaganda ausstrahlten. Bereits sehr früh, noch in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) begann der Deutschlandsender im Oktober 1948 den Ätherkampf. Später kamen weitere Mittel- wie Langwellensender hinzu. Auf Vorgänge in der Bundesrepublik reagierte die SED im eigenen politischen Interesse immer recht schnell. Bereits einen Tag nach dem Verbot der KPD durch das Bundesverfassungsgericht am 17. August 1956 nahm auf der Mittelwelle der Freiheitssender 904 den Sendebetrieb auf. Auf der gleichen Frequenz sendete ab 1. Oktober 1960 der Deutsche Soldatensender 904. Der Senderkennung folgte regelmäßig der Zusatz: „Ein Sender, der nicht unter der Kontrolle der Bundesregierung steht“. War der Freiheitssender als Stütze der verbotenen KPD gedacht, so wendete sich der Deutsche Soldatensender an die jungen Wehrpflichtigen.

Bis zum Ende der 50er Jahre orientierten die Hörfunkprogramme der DDR auf das Ziel der nationalen Einheit Deutschlands. Das änderte sich mit Beginn des neuen Jahrzehnts, nun wurde die internationale Anerkennung der DDR der Schwerpunkt. Nach wie vor agitierten die DDR-Sender weiter für Systemveränderung in der Bundesrepublik, besonders zu Wahlkampfzeiten und speziell gegen die CDU / CSU.

Noch vor Beginn des VII. Parteitag im Juni 1971 erklärte Walter Ulbricht seinen Rücktritt als 1.Sekretär des ZK der SED. Nachfolger in der Funktion wurde Erich Honecker. Der Wechsel brachte Veränderungen beim DDR-Hörfunk: Im September des Jahres beschließt das Politbüro, den Deutschlandsender in „Stimme der DDR“ umzubenennen. Im gleichen Monat wird der Freiheitssender abgeschaltet, am 30.Juni 1972 enden auch die Sendungen des Deutschen Soldatensenders.

Die Geschichte des Ätherkrieges der DDR gegen die Bundesrepublik beschreibt Klaus Arnold auf über 740 Seiten mit allen Facetten. Dabei geht der Autor häufig nicht wertneutral vor. Ob die DDR-Sender einst ein konspiratives Korrespondentennetz in der Bundesrepublik hatten, muss bezweifelt werden. Seit Sendebeginn lieferten Journalisten, die im Westen für den Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst (ADN) tätig waren, den DDR-Sendern zu. Das in Westdeutschland bestehende ADN-Korrespondentennetz wurde Anfang der 50er Jahre in Berliner Pressebüro umbenannt, aus dem 1972 die Progreß Presse Agentur (ppa) hervorging. Auch hatte der Deutschlandsender zeitweilig ein eigenes Korrespondentennetz in der Bundesrepublik.

Besonders für jüngere Leser hilfreich ist die Zeittafel, in der Arnold für den Zeitraum von 1945 bis 1972 die deutsch-deutsche Politik der Bundesrepublik wie der DDR den Aktivitäten des DDR- Rundfunks gegenüberstellt.

Als Ergänzung zur Aufarbeitung des Kalten Kriegs im Äther wären Darstellungen zur Funktion des RIAS sowie des Deutschlandfunks wünschenswert.


Klaus Arnold: Kalter Krieg im Äther.
Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR.
LIT Verlag Münster-Hamburg-London, 2002
752 Seiten, EUR 45,90, ISBN 3-8258-6180-5


 

nach oben

weiterlesen

Buchtipp: Ausbildung mit „blinden Flecken“

Wirtschaftspolitische Berichte spielen eine Schlüsselrolle in den meisten gesellschaftlichen Diskussionen, erklärt Valentin Sagvosdkin in der Studie der Otto-Brenner-Stiftung zur Ausbildung von Wirtschaftsjournalist*innen. Doch mangele es an Pluralität, wichtige Themen wie „Gerechtigkeitsdebatten“ würden kaum aufgegriffen, denn eine einseitige Fokussierung auf neoliberale Wirtschaftstheorien werde schon in der Ausbildung vermittelt. Diese „blinden Flecken“ im Wirtschaftsjournalismus seien spätestens seit der Finanzkrise 2008 offenkundig.
mehr »

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »