Migration, Vielfalt und öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Integrations-Auftrag nicht erfüllt!

2007 wurde Mehmet Kurtulus Kommissar im Tatort und Dunja Hayali Moderatorin beim Heute Journal. Im Programm von ARD und ZDF scheint sich die bundesdeutsche Einwanderungsgesellschaft widerzuspiegeln. Doch dieser Eindruck täuscht: die Öffentlich-Rechtlichen erfüllen ihren Integrations-Auftrag nicht, denn die vermeintliche Gleichberechtigung von Migranten und Migrantinnen ist keine auf Augenhöhe, sondern eine paternalistische Gefälligkeitsgeste. Zu diesem Ergebnis kommt die Politologin Marie Mualem Sultan in ihrer jüngst veröffentlichten Forschungsarbeit „Migration, Vielfalt und öffentlich-rechtlicher Rundfunk“.

Um zu prüfen, inwieweit ARD und ZDF ihren verfassungsrechtlichen Auftrag zur Gleichberechtigung und Gleichachtung ethnisch-kultureller Vielfalt erfüllen, analysiert Sultan Fernsehprogramm und Personalpolitik durch Literaturauswertung und die Zusammensetzung der Rundfunkräte mittels einer Befragung.
Die Kluft, die bei ARD und ZDF zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft, zeigt sich z.B. in ihrer Personalpolitik. In offiziellen Verlautbarungen betonen die Öffentlich-Rechtlichen, wie sehr sie sich um mehr Personal mit einer Einwanderungsgeschichte als Identifikationsfiguren bemühen. Der WDR begrüße zwar seit 2005 in Stellenausschreibungen „die Bewerbung von Mitarbeiter(n) /innen ausländischer Herkunft“, so Sultan. Doch selbst diese schwache Positiv-Diskriminierung von Migranten und Migrantinnen sei bisher noch nicht ARD-weit vereinbart worden. Das lasse auf mangelnden Reformwillen schließen, der damit kaschiert wird, dass der Senderverbund sich immer wieder auf den WDR beruft, wenn er sich zu Vielfalt auf dem Bildschirm und in den Redaktionen bekennt.
Herzstück des Buches ist eine explorative Studie zum Rundfunkrat, in dem die dort vertretenen „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ als Korrektiv der festgestellten Schieflagen wirken könnten. Doch auch in diesem von Parteien dominierten Kontrollgremium der Öffentlich-Rechtlichen sind Migranten und Migrantinnen unterrepräsentiert: Von 500 Ratsmitgliedern haben nur 18 einen Einwanderungshintergrund. Acht von ihnen sitzen als Vertretung der zugewanderten Bevölkerung im Rat. Einen solchen Sitz gibt es nur in sechs der neun ARD-Anstalten, keinen beim ZDF. Um den „medial reproduzierten Exklusivmechanismen etwas entgegen zu setzen“ sei dieser Rundfunkratssitz aber „der absolut notwendige erste Schritt“, so Sultan. Sie fordert stärkeren öffentlichen Druck der Zivilgesellschaft, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfülle seinen Auftrag nur „in dem Maße, wie es die Öffentlichkeit einfordert“.
Analytisch stringente Literaturauswertungen, die ertragreiche Fallstudie und zahlreiche Schaubilder machen dieses Buch zu einer spannenden Pflichtlektüre für alle medienpolitisch Interessierten und Engagierten.

Marie Mualem Sultan: Migration, Vielfalt und öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Verlag Königshausen und Neumann GmbH, Würzburg
2011, 182 Seiten,
32 Euro

nach oben

weiterlesen

Auch intern unbequem

„Panorama“ ist nicht das erste, aber das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Und es hatte eine schwere Geburt. Was da am 4. Juni 1961 auf dem Bildschirm in Schwarz-Weiß Premiere feierte, war ein ziemlich unverdaulicher Kessel Buntes aus aktueller Politik, Auslandsreportage und Unterhaltung. Doch schon bald hatte „Panorama“ seine erste Sternstunde.
mehr »

Zwischen Utopie und Realität

Vor 75 Jahren, am 17. Mai 1946, schickte der Münchner Kabarettist Werner Finck ein launiges Telegramm nach Babelsberg: „Ein ferner Wink von Werner Finck, damit das Ding Euch wohl geling.“ Gemeint war die Deutsche Film-A.G., kurz DEFA genannt, die erste deutsche Filmfirma nach dem Zweiten Weltkrieg, die an jenem Tag eine Lizenz zur „Herstellung von Filmen aller Art“ erhielt. Neben deutschen, darunter auch einigen aus dem Exil zurückgekehrten Filmschaffenden waren Kulturoffiziere der Sowjetischen Besatzungszone maßgeblich an der Gründung beteiligt. Und doch verstand sich die DEFA zunächst als gesamtdeutsches Unternehmen. Viele der frühen, hochfliegenden Träume endeten…
mehr »

Polizeigewalt in Kolumbien

Kolumbiens Polizeieinheiten zur Aufstandsbekämpfung (ESMAD) werden für Dutzende von Toten und Schwerverletzten seit dem Beginn der sozialen Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht. Dabei wurden auch Journalisten gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen, kritisiert die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP). Videos, Fotos und Zeugenaussagen aus Städten wie Sibaté, Cali und Popayán belegen das. Doch die Regierung in Bogotá geht auch verbal gegen kritische Berichte vor allem in den sozialen Medien vor: von Cyber-Terrorismus ist die Rede. Für Jonathan Bock, FLIP-Direktor, ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung.
mehr »

Trauer um Karl Königbauer

Bei einem tragischen Unfall während einer Bergwanderung am Heuberg bei Brannenburg ist vor wenigen Tagen Karl Königbauer (65) ums Leben gekommen. Der erfahrende Bergsteiger, der auch schon einige Sechstausender bezwungen hat, ist offensichtlich abgestürzt und zog sich dabei tödliche Verletzungen zu.
mehr »