Erinnern, feiern und kämpfen

100 Jahre Internationaler Frauentag

Die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen in August 1910 beschloss: „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient …“ Clara Zetkin und Käte Duncker setzten alles daran, dass in Deutschland ab 1911 Sozialdemokratie und Gewerkschaften diesen Tag mit großem Erfolg durchführten.

Zu Beginn des 1. Weltkriegs änderte sich das Thema; jetzt standen Kampagnen gegen den Krieg im Vordergrund. Als mit ihm auch das Kaiserreich endete, bekamen Frauen das Stimmrecht; der Frauentag hatte sich anscheinend erledigt. Ganz im Gegenteil gab es aber in der Weimarer Republik zwei Frauentage. Clara Zetkin war der neu gegründeten Kommunistischen Partei beigetreten, hatte den Frauentag sozusagen mitgenommen und durchgesetzt, dass er weltweit am 8. März begangen wurde. Die SPD führte ihn 1926 für sich wieder ein, aber ohne festes Datum. Dass die Nationalsozialisten beides verboten, versteht sich von selbst.
Nach 1945 geriet der Internationale Frauentag geradezu zwingend in den Sog des kalten Krieges. Sowohl die Westalliierten als auch die Sowjetunion waren höchst interessiert daran, Frauen für ihr jeweiliges System zu gewinnen. Im Westen förderten sie die wieder belebten und neuen Frauenverbände, im Osten wurde der zunächst überregionale Demokratische Frauenbund Deutschlands gegründet. Er hatte auch im Westen aktive Gruppen, die am 8. März vor allem zum Kampf gegen die Wiederbewaffnung aufriefen.

1956 wurde mit der KPD auch der westdeutsche Zweig des DFD verboten. Der Internationale Frauentag verschwand von der bundesrepublikanischen Bildfläche. Er hatte ohnehin keine Chance allein schon deshalb, weil die DDR ihn sofort bei Gründung wieder eingeführt hatte. Was es im Osten gab, durfte im Westen nicht einmal gedacht werden und umgekehrt. Und so wurden auch die Frauenbilder Symbole der verfeindeten Ideologien: die Traktorfahrerin als Schreckgestalt für die Einen, die Hausfrau in Kittelschürze für die Anderen. In der DDR wurde der 8. März vom Kampftag zum Festtag. Das war durchaus logisch, denn im Sozialismus gilt die Überzeugung, dass der Hauptwiderspruch in der Klassengesellschaft der zwischen Kapital und Arbeit ist. Wenn dieser Widerspruch durch die Abschaffung des Privatkapitals überwunden ist, löst sich auch der untergeordnete Nebenwiderspruch zwischen Männern und Frauen auf. Der täglich gelebte Widerspruch zwischen der im Arbeitsleben annähernden Gleichstellung und der Zuständigkeit von Frauen für die Familienarbeit war kein Thema.
Genau diese Frage aber, ob in erster Linie die Klassenzugehörigkeit oder das Geschlecht Herrschaftsverhältnisse herstellt, löste in den frühen Jahren der neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik heftigste Diskussionen aus. Die Bildungsreform hatte mehr jungen Frauen den Weg an die Universitäten geebnet. Hier rebellierten die Studierenden mit Sit-ins, studierten die kritische Theorie der „Frankfurter Schule“ und demonstrierten gegen die Notstandsgesetze. Diejenigen, die sich aktiv engagierten, merkten bald, dass die alte Rollenverteilung ihnen das Kopieren und Kaffeekochen zuwies, während die linken Männer Befreiungstheorien entwickelten, in denen das Geschlechterverhältnis nicht vorkam. Über ihre eigene Analyse der Situation der Frau, die dadurch gekennzeichnet sei, dass das sogenannte Private allein in ihre Verantwortung fällt und politisch irrelevant ist, wollten die Genossen im führenden Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) nicht einmal diskutieren. Aus diesem innerlinken Konflikt ging die neue Frauenbewegung hervor, deren oberste Maxime folgerichtig Autonomie wurde: Unabhängigkeit von Institutionen einschließlich Parteien und Gewerkschaften, Unabhängigkeit von Männern und Unabhängigkeit der Gruppen untereinander.
Dass die Ideen einer kleinen Avantgarde schon bald enorme Sprengkraft entwickeln konnten, lag vor allem daran, dass der Ansatz, von sich selbst auszugehen und ein Bewusstsein zu schaffen für die Zusammenhänge zwischen privat und öffentlich, zwischen individuell und gesellschaftlich, weit über das studentische Umfeld hinaus Frauen in Bewegung setzte. Der Funke zündete bei der Reform des §218. Abtreibung – das persönlichste und höchst angstbesetzte Geheimnis – brachte Frauen aller Schichten und Lebenslagen auf die Straße. Sehr bald wurden alle Aspekte von Unterdrückung öffentlich diskutiert und die rasante Ausbreitung der Bewegung bewies, dass Frauen ihre Sache selbst in die Hand nehmen können. Gewerkschaften und SPD warfen den autonomen Feministinnen Spalterpolitik vor. Und doch wuchs auch in diesen Organisationen die Unzufriedenheit von Frauen darüber, dass ihre Anliegen ständig nachrangig behandelt wurden.
Als 1980 die Bundesfrauenkonferenz verlangte, den Frauentag wieder einzuführen, lehnte der DGB-Vorstand ab, weil er das Prinzip der Einheitsgewerkschaft verletzt sah. Das spornte die Gewerkschafterinnen erst recht an und zwei Jahre später erreichten sie ihr Ziel. Zur selben Zeit griff auch die SPD die Idee wieder auf und versöhnte sich mit dem von den Kommunistinnen fest gelegten Datum 8. März.
Rückblickend waren die 80er Jahre mit feministischen Projekten und institutioneller Frauenpolitik die erfolgreichsten. Vieles wurde in dieser Zeit gesetzlich verbessert und im Bewusstsein verändert. Über die Kernforderungen besteht heute Konsens: eigenständige Existenzsicherung mit allem was dazu gehört von Lohngleichheit über individuelle Besteuerung bis zu öffentlicher Kinderbetreuung. Aber der Gegenwind bläst scharf: Familien- statt Frauenpolitik, Bedarfsgemeinschaft statt Eigenständigkeit, scheinbare Chancengleichheit statt Gleichstellungsgesetz, Abbau von frauenpolitischen Strukturen. Es wäre gut, sich daran zu erinnern, dass der 8. März als Kampftag begonnen hat.

Inge von Bönninghausen

Dr. Inge von Bönninghausen leitete und moderierte das erste politische Frauenprogramm beim WDR-Fernsehen. Sie war Mitgründerin des Journalistinnenbundes und nach der Pensionierung vier Jahre Vorsitzende des Deutschen Frauenrates. Heute ist sie u.a. im Vorstand der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel ehrenamtlich tätig.

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