Geduldig und sachkundig

Der Gewerkschaftspublizist Hermann Zoller im „Ruhestand“

Hoch in die Millionen dürfte die Auflage der Gewerkschaftszeitungen, Flugblätter, Pressemitteilungen und Bücher gehen, die er redaktionell verantwortet hat. Die Zahl der Zeilen, die er davon selber schrieb, und die Fülle der Seiten, die er auch visuell gestaltete, sind ebenfalls Legion. Nach fast vier Jahrzehnten als Redakteur und Pressesprecher bei der IG Druck und Papier, der IG Medien und ver.di ist er in diesem Sommer in den Ruhestand getreten: Hermann Zoller (65), gelernter Schriftsetzer, Sohn der Gutenberg-Stadt Mainz und Wahl-Schwabe.

Aber was heißt bei einem wie Hermann Zoller schon Ruhestand? Sein letzter Arbeitstag in hauptamtlichen Gewerkschaftsdiensten verlief genauso dynamisch wie vermutlich sein erster. Das war der 1. Oktober 1965. Damals hieß die jetzige ver.di-Branchenzeitung Druck+Papier im Untertitel noch „Zentralorgan“ der IG Druck und Papier, und Hermann Zoller wurde „zweiter Mann“ in der Redaktion der Mitgliederzeitung, die noch bis in die achtziger Jahre alle 14 Tage herauskam.

Für den Maurer Hermann Zoller sen. und seine Frau Charlotte hatte es in den Nachkriegsjahren eine erhebliche Kraftanstrengung bedeutet, dem Junior Realschulbesuch und Mittlere Reife zu ermöglichen. Der fühlte sich dann magisch angezogen von allem, was mit Büchern und Drucksachen zu tun hatte, und so ging er als Stift in die Druckerei, aus der später der renommierte Verlag Hermann Schmidt Mainz hervorging. Vom ersten Tag an Gewerkschaftsmitglied, avancierte der Schriftsetzer-Eleve bereits im ersten Lehrjahr zum Vertrauensmann der Büchergilde Gutenberg, und nach einigen Monaten hatte er 27 seiner 28 erwachsenen Kollegen als Mitglieder des gewerkschaftlichen Buchclubs geworben. „Wichtig war, dass wir damals das Denken in Zusammenhängen lernen konnten“, erinnert sich Hermann Zoller. Ein „langes Verhör“, wie er es nennt, musste er über sich ergehen lassen, bevor er als einer der ersten Kriegsdienstverweigerer anerkannt war.

Die Universitätsdruckerei war die letzte Mainzer Station, bevor der bildungshungrige Arbeitersohn vom Rhein an die Spree zog. Bei Springer arbeitete er halbtags als Korrektor in der Produktion von „Bild“ und „Welt am Sonntag“, und weil ihm nicht gefiel, was er dort Tag für Tag von Berufs wegen auch noch „verbessern“ musste, bot er dem Zentralorgan seiner Gewerkschaft eigene Beiträge an, und eines Tages kam von Chefredakteur Egon Lutz die Offerte, in die Redaktion der IG Druck und Papier nach Stuttgart zu wechseln.

„Hermann Zoller ist einer der letzten Aufklärer in unserem Beruf. Er will seine Leserinnen und Leser in die Lage versetzen, in der zunehmenden Nachrichtenflut die Orientierung zu behalten“, schrieb ihm 39 Jahre später sein langjähriger Weggefährte Hans Büttner (SPD-Bundestagsabgeordneter, einst dju-Bundesgeschäftsführer, im September verstorben – M 11 / 2004) ins Stammbuch. Aufklärung – also geduldig, sachkundig und überzeugend Argument an Argument zu reihen – ist in der Tat das Credo des Gewerkschaftspublizisten Zoller, nach seiner Überzeugung der einzige Weg, um der geballten Medienmacht der Kapitaleigner und ihrer politischen und publizistischen Handlanger wirksam etwas entgegenzusetzen. Nach dem Gewerkschaftstag 1983 wurde Hermann Zoller verantwortlicher Redakteur von Druck+Papier und feder und gleichzeitig Pressesprecher der IG Druck und Papier, nach Gründung der IG Medien Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Redaktionen. Mit der ver.di-Gründung wurde er stellvertretender Pressesprecher beim Bundesvorstand.

Vor der Gefährdung des Sozialstaats, vor Sozial- und Demokratieabbau hat Hermann Zoller schon vor Jahrzehnten gewarnt, als Helmut Kohl Anfang der 1980er Jahre die „geistig-moralische Wende“ propagierte, als der Neoliberalismus sich anschickte, die Herrschaft über die Köpfe vieler Menschen zu erobern. „Es ist schon bedrückend, wie sich diese Prognosen heute bewahrheiten.“ War also alles umsonst? „Das ist schwer zu entscheiden“, sagt Zoller: „Es gibt jedenfalls keine Alternative zum demokratischen gesellschaftlichen Engagement. Vielleicht wäre alles noch viel schlimmer, wenn wir uns nicht engagiert hätten.“

Mit Enttäuschung und gewaltigem Zorn beobachtet der überzeugte Anhänger der politisch unabhängigen Einheitsgewerkschaft die zunehmend neoliberale Orientierung der bundesdeutschen Gesellschaft im allgemeinen und seiner Partei, der SPD, im besonderen: Dagegen müssen die Gewerkschaften mehr Gegenöffentlichkeit schaffen im Dialog mit den Medien und mit eigenen Publikationen, fordert er. Dass dafür nicht mehr Geld da sein soll, will er nicht akzeptieren: „Das ist eine Frage der Prioritätensetzung.“

Eine tiefe Zäsur bedeutete für Hermann Zoller im Mai 1992 der plötzliche Tod seiner ersten Ehefrau Helga Zoller, Leiterin des IG-Medien-Archivs, die nicht zuletzt dank ihrer umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse eine wichtige Rolle in der internationalen Gewerkschaftsarbeit spielte. Mit seiner zweiten Ehefrau Ursula Zoller-Mugele, die als Mitarbeiterin in Redaktion und Pressestelle bei IG Medien und ver.di Ordnung in den Bürobetrieb und das kreative Chaos ihres Ehemannes brachte, bildete er ein unschlagbares Team. Das ist bis heute so. In ihrer Wahlheimat im württembergischen Schwaikheim haben sich beide ein kleines Büro eingerichtet, von dem aus sie einen Internet-Verlag weiterentwickeln wollen (www.internet-editionen.de). Und Hermann Zoller bleibt Chefredakteur von „werden“, dem renommierten „Jahrbuch für die deutschen Gewerkschaften“, und wird auch ansonsten publizistisch von sich hören lassen.

 

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