Algerien: Prominenter Journalist verurteilt

Demonstration für die Freilassung von Ihsane El Kadi in Paris Foto: AP/Christophe Ena

Mitte April hat das algerische Parlament die Pressefreiheit per Gesetz weiter eingeschränkt. Das verbietet einheimischen Medienunternehmen unter Androhung von Strafe eine Finanzierung aus dem Ausland oder „direkte und indirekte materielle“ ausländische Hilfe. Schon Anfang des Monats verurteilte ein Gericht in Algier den prominenten Journalisten und Herausgeber Ihsane El Kadi wegen „ausländischer Finanzierung seiner Geschäfte“ zu fünf Jahren Haft, wobei zwei auf Bewährung ausgesetzt wurden. Seine Tochter hatte ihm Geld aus dem Ausland geschickt, dass er in sein Medienunternehmen investierte.

Außerdem befand das Gericht El Kadi am 2. April der „Gefährdung der nationalen Sicherheit des Staates“ für schuldig. El Kadi muss nach dem Urteil eine Geldstrafe von 700.000 algerischen Dinar, umgerechnet rund 4.700 Euro, zahlen. Zugleich ordnete das Gericht die Auflösung seines Medienunternehmens an, das zu den letzten unabhängigen des Landes gehört. Eine weitere Geldstrafe von zehn Millionen algerischen Dinar (etwa 67.500 Euro) muss an die algerische Regulierungsbehörde für audiovisuelle Medien entrichtet werden.

Amnesty International spricht bei der Verurteilung El Kadis von einem klaren Verstoß „gegen sein Recht auf freie Meinungsäußerung“. Es sei das jüngste Beispiel dafür, dass „die algerischen Behörden kritische Stimmen und unabhängige Medien immer stärker unterdrücken“. Sein Anwalt Abdelghani Badi will laut AFP gegen das Urteil Berufung einlegen.

Ihsane El Kadi gründete und leitet das Medienunternehmen Interface Médias, zu dem Radio M und die Nachrichtenwebsite Maghreb Émergent gehören. El Kadi spiele in Algerien eine journalistisch bedeutende Rolle, hatte der aus Algerien stammende Politikwissenschaftler Rachid Ouaissa, Professor an der Universität Marburg, im Gespräch mit der Deutschen Welle im Januar erklärt. „Mit Radio M und Maghreb Emergent nutzt er die wenigen medialen Freiräume, die es in Algerien überhaupt noch gibt.“ Die jüngsten Anschuldigungen seien „absolut aus der Luft gegriffen“, so Ouaissa. „Die Regierung sieht noch in der sachlichsten Kritik eine von außen gesteuerte Anklage gegen sie.“

Der Regierungskritiker war am 24. Dezember verhaftet worden. Schon im Juni wurde er zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt, blieb aber zu diesem Zeitpunkt auf freiem Fuß, da kein Haftbefehl vorlag. Die spätere Festnahme erfolgte laut Amnesty unmittelbar nach Veröffentlichung eines Artikels, in dem er seine Prognosen für die nächsten Präsidentschaftswahlen 2024 abgegeben und sich zur Rolle der Armee bei der Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Algerien geäußert hatte. Wegen der kritischen Berichterstattung wurden die Webseiten seiner Medien in Algerien seit 2020 immer wieder gesperrt. Im Januar wurden beide Seiten aber wieder blockiert.

Beobachter beschreiben eine partielle Pressefreiheit unter dem langjährigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, wobei diese auch klare rote Linien hatte. Letztere betrafen unter anderem das Militär. Die relative Offenheit Anfang der 2000er Jahre sei durch den Einfluss der Clans auf verschiedene Medien gekommen. In dieser Phase hätten sich eine Reihe von Online-Medien gegründet, zu denen auch die von El Kadi gehörten. Die zunächst kleinen Medien wurden über die Zeit professioneller und erlangten mehr Einfluss. 

Zu den jüngsten Entwicklungen erklärte Reporter ohne Grenzen (RSF): „Die Regierung hat die gegen sie gerichteten Proteste der Hirak-Bewegung und die Corona-Pandemie zum Anlass genommen, die Pressefreiheit noch stärker einzuschränken. Strafverfolgung, willkürliche Festnahmen und Behördenschikanen machen unabhängigen Journalismus in Algerien riskant.“ Zudem hielten sich viele Medien mit politischer Kritik zurück, um keine Werbeanzeigen zu verlieren, die ihre wirtschaftliche Basis bildeten. Das neue Gesetz besagt nun außerdem, dass „das Berufsgeheimnis ein Recht ist“, erlaubt es aber Gerichten, Journalisten zur Offenlegung ihrer Quellen zu zwingen.

Hinzu komme, dass Algerien kaum ausländische Journalisten ins Land lasse und somit auch die Berichterstattung über die Landesgrenzen hinweg eingeschränkt sei. Nur vereinzelt gebe es Kurzzeitvisa für Algier, so Sofian Philip Naceur. Der ehemaliger Ägypten-Korrespondent berichtet vor allem über Entwicklungen in Ägypten und Algerien sowie Grenzregime im Mittelmeerraum und in Nordafrika.

In den vergangenen zwei Jahren wurden laut Amnesty International mindestens 280 Journalist*innen, Blogger*innen, Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen schikaniert und rechtswidrig inhaftiert. Reporter ohne Grenzen (RSF) listet Algerien im Ranking der Pressefreiheit 2023 auf Platz 136 von 180 Ländern. RSF wie auch Amnesty International fordern die sofortige Freilassung El Kadis.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »

Österreichs „Standard“ in Deutschland

Kann eine österreichische Tageszeitung im zehnmal größeren deutschen Markt bestehen? Während viele Medienhäuser bei Expansionsversuchen viel Geld investierten und scheiterten, verfolgt der Wiener „Standard“ seit Jahren einen anderen Weg. Die deutsche Website derstandard.de ist weniger Angriff auf etablierte Anbieter als vielmehr ein strategisches Versuchslabor. Dort testet der Verlag Technologien, Geschäftsmodelle und digitale Strategien – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
mehr »