Alltag der Russen im Spiegel der Presse

Ein Gespräch mit Boris Feldmann, Chefredakteur der „Russkaja Germanija“, mit Sitz in Berlin

«M»: Der 5. Weltkongress der russischen Presse wird im Herbst in Baku stattfinden. Zum 4. Kongress trafen sich über 200 Vertreter russischer Medien aus 35 Staaten im letzten Oktober in Berlin, veranstaltet von den Berliner Vertretern der Weltassoziation der Russischen Presse WARP, der Verlagsgruppe „Russkaja Germanija“ und der russischen Presseagentur Itar-Tass. Was waren die Hauptthemen dieses Treffens?

Boris Feldmann: Wir haben uns natürlich gefreut, dass dieses bedeutende Treffen erstmals in Deutschland abgehalten werden konnte. Russische Medien gibt es heute in rund 60 Ländern, selbst in so exotischen Ländern wie Thailand oder Südafrika. Als ein Resultat des Berliner Kongresses ist eine gemeinsame Website in Vorbereitung, auf der wir künftig in einem Informationspool unsere Materialien austauschen. Wichtigstes Thema war deshalb der Aufbau solcher Netzwerke im wachsenden russischen Sprachraum als eine Reaktion auf die Globalisierung.

«M»: Was hat die in Deutschland erscheinende Wochenzeitung „Russkaja Germania“ mit ihren Regionalausgaben, darunter „Russkij Berlin“, mit deutschen Zeitungen gemeinsam, was unterscheidet sie?

Boris Feldmann: Wir verstehen uns nicht als Migrantenzeitung, sondern als eine deutsche Zeitung in russischer Sprache, deren Leser sich erst einmal für dieselben Fragen interessieren wie alle anderen in Deutschland auch. Aber natürlich gibt es Unterschiede. Zum einen ist die Berichterstattung über Russland umfangreicher und etwas anders gelagert, und das muss auch so sein. Und wir berichten viel mehr darüber, wie unsere Landsleute in Deutschland leben. Darin sehe ich als Gründer der Zeitungen meine Aufgabe und Bestimmung. Bevor wir mit der Herausgabe der Zeitung begannen, haben wir lange in den Archiven gestöbert und in den vielen russischen Emigranten-Zeitungen gelesen, die in den Anfängen der 20er Jahren erschienen waren. Es gab damals allein vier Tageszeitungen, mehrere Dutzend Wochenzeitungen, 89 Verlage – es war wirklich sagenhaft. Geschrieben wurde über Politik und Kriegsgeschehen, philosophische Betrachtungen und alles Mögliche. Aber was wir kaum widerspiegelt fanden, war das Alltagsleben der Russen in Deutschland. Das ist bei „Russkaja Germanija“ anders. Ich bin sicher: Wenn jemand in 50 oder 100 Jahren unsere Zeitung nimmt, um etwas darüber zu erfahren, wie die Russen im Jahr 2003 in Deutschland lebten, wird er auf eine Fülle an Material stoßen.

«M»: Wer arbeitet in Ihren Redaktionen, gibt es eine Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen?

Boris Feldmann: Wir haben etwa 40 fest angestellte Mitarbeiter, außerdem 25 – 30 Freie sowie Autoren, die nur ab und zu für uns arbeiten. Die Mehrzahl sind natürlich Russen oder Menschen russischer Herkunft, auch deutsche Kollegen haben wir, Juden, Ungarn, wobei die Frage der Nationalität für uns wenig Bedeutung hat.

Wir arbeiten mit den deutschen Medien gut zusammen, unter anderem mit dem Springer-Verlag, mit der „Berliner Zeitung“, unserem Nachbarn „Der Tagespiegel“, aber auch mit der „BZ“ und dem Sender 100,6 oder der „Rheinischen Post“. Ein Problem ist es für uns oft, gute Fotos zu bekommen. Zwar haben wir Verträge mit AP und dpa, aber für unsere spezifischen Interessen können sie wenig anbieten, und wir können auch nur normal durchschnittliche Bildhonorare zahlen.

«M»: Wie bewerten Sie die Berichterstattung der deutschen Medien über Russland?

Boris Feldmann: Die rein negative Berichterstattung mit dem Tenor Kriminalität, Korruption, Mafia und Chaos ist wesentlich zurück gegangen. Zwar ist es nun einmal so, dass ein guter Mensch, der gute Arbeit macht, kein spannendes Medienthema abgibt. Trotzdem erscheint mir die Berichterstattung nicht nur der deutschen Kollegen oft etwas oberflächlich, da sie aus Moskau-Mitte wenig herauskommen und Dienstreisen sie bestenfalls noch nach Petersburg oder entlang der Route der Transsibirischen Eisenbahn führen. In der letzten Zeit ist jedoch spürbar, das sich die deutsch-russischen Beziehungen verbessert haben. Außerdem gibt es in Deutschland mittlerweile 3 Millionen Menschen russischsprachiger Herkunft.

«M»: Das Thema Pressefreiheit – oft und kontrovers diskutiert. Wie fällt Ihr Vergleich aus?

Boris Feldmann: Wissen Sie, ich bin seit 25 Jahren Journalist, lebe jetzt seit 13 Jahren in Deutschland. Was die Lage hier betrifft, so gibt es wirklich nichts zu klagen. Was die Pressefreiheit in Russland betrifft, so würde ich nicht sagen, dass sie nicht existent ist. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass es keine wirklich unabhängigen oder öffentlich-rechtlichen Medien gibt. In Deutschland besteht keine so enge Verflechtung von Politik und Geschäft. In Russland sind enge Beziehungen zur Politik unerlässlich, um wirtschaftlich zu überleben. Über Abonnements und Werbung kann man sich nicht finanzieren, also braucht man finanzielle Zuwendungen und begibt sich damit in gewisse Abhängigkeiten. Außerdem haben die russischen Redaktionen noch immer eine unwahrscheinlich hohe Zahl fest angestellter Mitarbeiter und sind so nicht konkurrenzfähig. Anders ist es zum Beispiel bei einer Zeitung wie „Kommersant“, die dem in London lebenden Geschäftsmann Beresowski gehört, der der Politik fern steht. Das alles sehe ich als Entwicklungsprozess und denke, dass die Unabhängigkeit der Presse zunehmen wird. Und vergessen Sie nicht: in Deutschland ist ein Fernsehsender schlicht ein Fernsehsender, in Russland ist der Besitz eines Fernsehkanals eine Waffe, um die unerbittlich gestritten wird.

Das Gespräch führte Monika Strukow-Hamel

Vier Regionalausgaben

Die Wochenzeitung „Russkaja Germanija“ erscheint mit weiteren vier Regionalausgaben, darunter „Russkij Berlin“ sowie für Franken, die Rheinregion und Hamburg. Die Gesamtauflage der Wochenzeitung liegt zurzeit bei 88 000 Exemplaren, davon die Berliner Ausgabe mit 15 000 Exemplaren, und einem Einzelverkaufspreis von 54 Cent. Erstmals erschien „Russkij Berlin“ im Jahr 1996, im Jahr darauf dann „Russkaja Germanija“. Gründer und Chefredakteur ist Boris Feldmann, seit 25 Jahren als Journalist tätig, davon seit sieben Jahren in Deutschland.

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