Chefredakteure ausgetauscht

Tausende Journalistinnen und Journalisten in Spanien arbeitslos

Spanien belegt auf der Rangliste 2014 der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (ROG) den Platz 35. Das ist eine Verbesserung zum Vorjahr um zwei Plätze. Nur das zeigt nicht, wie frei die Presse in dem Land ist. Die ökonomische Krise brachte über 9.000 Journalisten die Arbeitslosigkeit. Drei Chefredakteure mussten auf politischen Druck gehen.

Proteste in Madrid gegen die Festnahme von zwei Fotografen und gegen weitere Behinderungen der Pressefreiheit durch die Regierung im Mai 2013. Foto: picture alliance/Rodrigo Garcia
Proteste in Madrid gegen die
Festnahme von zwei Fotografen und
gegen weitere Behinderungen der
Pressefreiheit durch die Regierung
im Mai 2013.
Foto: picture alliance/Rodrigo Garcia

Betroffen vom Wechsel in der Chefredaktion ist auch die Tageszeitung El País (Das Land). Abgelöst wird der Chefredakteur Javier Moreno vom Washington-Korrespondenten der Zeitung, Antonio Caño. Dem neuen Mann werden gute Kontakte zur regierenden konservativen Partido Popular (PP) unter Ministerpräsident Mariano Rajoy nachgesagt. In einem Kommentar zum Wechsel des Chefredakteurs stellt die Tageszeitung Público, die aus Geldmangel nur noch online erscheint, fest, dass mit dem Führungswechsel bei El País auch ein Rechtsruck verbunden sei. Die Veränderung der Leitung sollte erst im Mai bekannt werden. Eine vertrauliche E-Mail von Antonio Caño an den Prisa-Präsidenten Juan Luís Cebrian hat die Entwicklung beschleunigt. Sie gelangte fälschlicherweise an die Adresse mehrerer Mitarbeiter. In seiner Mail hat Caño sich für die Absetzung der Führungsriege starkgemacht, da sie fern der „gesellschaftlichen Mehrheiten“ lebe. Der Vorgang wird als Annäherung an den Kurs der in absoluter Mehrheit regierenden konservativen Regierung Rajoy interpretiert, was sich bereits in einer veränderten Wirtschaftsberichterstattung spiegelt. Auch konnte Moreno den Auflagenschwund nicht stoppen. Vor fünf Jahren verkaufte El País 435.000 Exemplare, heute sind es noch 290.000. Zudem hängt Spaniens größter Medienkonzern Prisa, dem El Pais gehört, mit drei Milliarden Euro Schulden am Tropf der Banken. Fraglich, inwieweit die Finanzspritze von 650 Millionen US-Dollar, mit der Karstadt-Investor Nicolas Berggruen bei Prisa eingestiegen ist, hier Abhilfe schafft.
Zwei Wochen vor bekanntwerden des Leitungswechsels bei El País Anfang März war der langjährige Chefredakteur des Konkurrenzblattes El Mundo (Die Welt) Pedro J. Ramírez entlassen worden. Die Zeitung, 1989 gegründet, gehört zur italienischen RCS MediaGroup, die 2013 einen Verlust von 176 Millionen Euro eingefahren hat. Bei Ramírez waren es nicht die finanziellen Probleme, sondern der politische Druck, der zu seiner Kündigung führte. Dabei hat Pedro J. Ramírez das konservative Blatt mit gegründet, immer wieder Skandale aufgedeckt, damit linke wie rechte Regierungen in Schwierigkeiten gebracht. Es waren seine Enthüllungen in der Korruptionsaffäre um den königlichen Schwiegersohn Iñaki Urdangarin, die das Image der königlichen Familie ins Wanken brachten.
Zum Fall brachte den Vollblutjournalisten Ramírez die Aufdeckung schwarzer Kassen der konservativen Partido Popular. Seine Interviews mit dem ehemaligen Schatzmeister der PP, Luis Bárcenas, zeigen, wie Gelder mit Hilfe Schweizer Banken verschleiert wurden. Dennoch heißt es auf von Konzernseite, es gäbe keinen politischen Hintergrund zum Wechsel, vielmehr seien es wirtschaftliche Fakten. Beerbt wurde Ramírez von seinem Stellvertreter Casimiro García-Abidillo. Bei seinem Abschied sagte Ramírez in der Redaktion: „Verflucht sei der Tag, an dem ich mit Bárcenas sprach.“
Noch vor Ramírez musste im Dezember 2013 der Chefredakteur der katalanischen Zeitung La Vanguardia (Die Vorhut) in Barcelona, José Antich, den Schreibtisch räumen. Offenbar wurde ihm sein Engagement für die Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens zum Verhängnis. Sein Nachfolger wird Marius Carol, der schon einige Jahre in führender Position bei La Vanguardia arbeitet.

nach oben

weiterlesen

Kapstadt: Beim Radio drohen Kündigungen

Ein perfekter Sturm aus jahrelanger Misswirtschaft, Korruption und gesunkenen Einnahmen infolge der Corona-Krise hat Südafrikas öffentlich-rechtlichen Rundfunk SABC in schwere finanzielle Nöte gebracht. Leidtragende sollen die Beschäftigten sein, mindestens 303 festangestellten Mitarbeiter*innen droht im Zuge von Umstrukturierung die Entlassung. Die Gewerkschaften kritisieren den Prozess als unfair und ungesetzlich - auch weil es bei der Ausschreibung neuer Stellen hakt.
mehr »

Mumia Abu Jamal an Corona erkrankt?

Die Nachricht über die akute Bedrohung für die Gesundheit des seit 1981 inhaftieren US-Journalisten erreichte in den letzten Tagen Solidaritätsgruppen in aller Welt. Sie fürchten um das Leben des 66-Jähigen, der wegen zahlreicher Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehört. Der Aktivist der Black-Panther-Party wurde wegen der angeblichen Ermordung eines Polizisten zum Tode verurteilt. 2011 hat ein Bundesgericht die Strafe in lebenslange Haft ohne Revisionsmöglichkeit umgewandelt.
mehr »

Australische Medien müssen zahlen

Nach rund dreieinhalb Monaten ist das spektakuläre Verfahren gegen ursprünglich 36 Journalist*innen und Medienunternehmen in Australien beendet. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Nachrichtensperre im Prozess gegen den australischen Kardinal George Pell wegen Kindesmissbrauchs im Dezember 2018 verstoßen zu haben. Der Prozess gilt als einzigartig für ein demokratisches Land, weil er offenbart, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in Australien weiterhin ist: durch Gesetze, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen. 
mehr »

Aktion für Andrea Sahouri, USA

Mai 2020: Eine Reporterin im US-Bundesstaat Iowa geht mit der Berichterstattung über eine Black-Lives-Matter-Demonstration friedlich ihrer Arbeit nach. Doch als die Polizei die Kundgebung auflöst, gerät die Journalistin Andrea Sahouri ins Visier der Sicherheitskräfte. Es bleibt nicht nur bei einer Festnahme, sondern es kommt in der Folge sogar zu einer Anklage, die am 8. März 2021 verhandelt werden soll.
mehr »