Journalistin und Menschenrechtlerin

Tommy Morales während des Interviews im taz-Café in Berlin
Foto: Knut Henkel

Tommy Morales aus Honduras arbeitet für unabhängige Medien wie das Internetmagazin „Pasos De Animal Grande“ und ist für die honduranische Vereinigung für Demokratie und Menschenrechte ASOPODEHU tätig. Anfang November verließ die 42jährige für sechs Wochen Honduras und beobachtet von Deutschland aus den Wahlkampf des Präsidenten Juan Orlando Hernández, der eine zweite Amtszeit anstrebt, obwohl die Verfassung dies eigentlich verbietet.

M | In Honduras hat sich der amtierende Präsident Juan Orlando Hernández zur Wiederwahl gestellt. Was halten Sie davon?

Tommy Morales | Seit dem Staatsstreich vom 28. Juni 2009 herrscht in Honduras quasi die totale Straflosigkeit – für die regierende politische Klasse. Die macht was sie will, hat die Unabhängigkeit der Justiz unterminiert, kriminalisiert die Opposition und manipuliert Wahlergebnisse. Im Jahr 2013 etwa hatte bei der Präsidentschaftswahl eigentlich die Kandidatin von „Libre“, Xiomara Castro de Zayala, die Wahlen gewonnen. Doch das Wahlergebnis wurde manipuliert, sodass der heutige Präsident Juan Orlando Hernández in den Präsidentenpalast einzog. Oder nehmen Sie die aktuelle Wahl: Bei den ersten Auszählungen hatte der Gegner des amtierenden Präsidenten, Salvador Nasralla vom Oppositionsbündnis „Alianza contra la Dictadura“ anfangs 43 Prozent gegenüber den 34 Prozent von Juan Orlando Hernández vom „Partido Nacional“. Dann fiel das Computersystem aus und als es drei Stunden später wieder lief, hatte Juan Orlando Hernández Salvador Nasralla auf einmal überholt.

Ein Zufall?

Oh nein, denn 2103 ist etwas Ähnliches passiert und so viele Zufälle kann es nicht geben, es wird manipuliert. Es gab auch zahlreiche Wähler, die zu ihrem Wahlbüro kamen, um zu wählen, denen aber gesagt wurde, dass sie schon gewählt hätte.

Und was macht die Judikative in dieser Situation?

Es gibt keine unabhängige Justiz mehr, die Exekutive untersteht de facto dem Präsidenten, die Legislative und eben auch die Justiz mit dem Ministerio Público sind in der Hand von Juan Orlando Hernández.  Es wurden Gesetze manipuliert, um eine zweite Amtszeit zu ermöglichen, aber auf internationaler Ebene hat das keine Folgen für die Regierung.

Welche Rolle spielen die Medien dabei – sie sollen doch auch die Regierung kontrollieren?

Die Regierung gibt viel Geld aus, um in den großen Medien des Landes zu werben, sowohl in der Presse als auch im Radio und im Fernsehen. Über diese enormen Werbebudgets nehmen sie Einfluss auf die redaktionelle Linie, diktieren die Themen. Es wurde Stimmung gemacht für die Wiederwahl des Präsidenten.

Gibt es alternative Medien, die informieren und nicht nach der Pfeife der Regierung tanzen?

Ja, das sind vor allem Online-Zeitungen und -Magazine sowie die kommunalen Radios und die sozialen Netzwerke. Eine wichtige Funktion haben etwa „Radio Progreso“ und andere kommunale Radios, aber das sind nur wenige.

Eines der einflussreichen alternativen Radios war Radio Globo – wie steht es um den Sender?

Anfangs war Radio Globo ein Radiosender mit einer radikalen Position. In den letzten Jahren kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen Journalisten und dem Oppositionsbündnis. Ich möchte hier keine Namen nennen, aber die Partei „Libre“ wurde offen angegriffen und es wurde Zwietracht gesät.

Wann begann das und wer steckt dahinter?

Zu Beginn der Gründungsphase der Oppositionsallianz. Die Leute wendeten sich dann von Globo ab – das war im Mai letzten Jahres. Das Radio und auch der Fernsehsender hatten an Glaubwürdigkeit verloren und als die Sendelizenz aufgrund von rechtlichen Problemen im Mai letzten Jahres nicht verlängert wurde, haben nur wenige dem Sender eine Träne nachgeweint. Parallel dazu kam ein neuer Kanal, UNTB, ins Spiel, der heute praktisch die Rolle von Radio Globo und Globo TV übernimmt. Wer dahinter steckt? Wir vermuten, dass Ex-Präsident Carlos Flores Facussé seine Finger im Spiel hatte, der einer der einflussreichsten Familien Honduras angehört und der Liberalen Partei vorsteht, die 2009 den Staatsputsch unterstützt hat, können es aber nicht beweisen.

Welchen Stellenwert haben die kleinen, kritischen Medien?

Die kritischen Medien sind der Regierung ein Dorn im Auge, aber sie erreichen natürlich nur einen Teil der Bevölkerung. Doch Medien wie das Internetmagazin „Pasos De Animal Grande“, für das ich arbeite, versuchen Berichterstattung und das Engagement für die Menschenrechte zu verbinden. Wir sind also noch spezifischer, versuchen einen anderen Journalismus zu machen, der breiter angelegt und den Menschenrechten verpflichtet ist. Das hat uns eine hohe Glaubwürdigkeit gebracht.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Fußball-EM: Eine Halbzeitbilanz

Spätestens seit dem Gruppensieg der deutschen Nationalelf wechselte die Stimmung im Lande von Skepsis zu Optimismus. Ausgedrückt in Zahlen: Vor dem Start des Turniers trauten gerade mal sieben Prozent der Mannschaft den Titelgewinn zu, nach drei Partien stieg dieser Wert auf 36 Prozent. Entsprechend wuchs auch das Interesse an den TV-Übertragungen.
mehr »

N-Ost: Alles ist europäisch

Vor fast 20 Jahren wurde N-Ost als Korrespondentennetzwerk für Berichterstattung und Expertise über Osteuropa gegründet. Mittlerweile versteht sich N-Ost als Medien-NGO, die sich für die europaweite Zusammenarbeit zwischen Journalist*innen einsetzt. Zum Netzwerk, das seinen Sitz in Berlin hat, gehören nach eigenen Angaben mehr als 500 Journalist*innen und Medien aus ganz Europa. Einen wesentlichen Schwerpunkt bildet die Berichterstattung aus der Ukraine.
mehr »

Das Internet als Nachrichtenquelle

„Das Internet stellt erstmals die wichtigste Nachrichtenquelle der erwachsenen Online-Bevölkerung in Deutschland dar“. So der aktuelle Reuters Institute Digital News Report 2024.  Er liefert interessante Befunde für die journalistische Arbeit – etwa zu Nachrichtenvermeidung, Medienvertrauen und Erwartungen an Nachrichtengestaltung in Zeiten zunehmender Internetnutzung.
mehr »

Fußball-EM: Zu Gast bei Freunden?

Vier Wochen vor EM-Start überraschte der Deutsche Fussballbund (DFB) mit einer originellen Kaderpräsentation. Anstelle einer drögen Pressekonferenz setzte man auf eine teils witzige Salami-Taktik: Mal durfte ein TV-Sender einen Namen verkünden, dann wieder druckte eine Bäckerei den Namen Chris Führich auf ihre Tüten. Das Bespielen sozialer Netzwerke wie X oder Instagram dagegen funktionierte nicht optimal – da hat der Verband noch Nachholbedarf.
mehr »