Kolumbien: Vom Staat im Stich gelassen

Frauen in Kolumbien wollen Gerechtigkeit: "Est ist nicht die Zeit zu Schweigen" Foto: El Tiempo

Knapp 21 Jahre nach ihrer Entführung und Vergewaltigung zieht die Journalistin Jineth Bedoya den kolumbianischen Staat vor dem Interamerikanischen Menschenrechts-Gerichtshof zur Verantwortung. Die Richter in San José sind die letzte Chance auf Gerechtigkeit für die 46-jährige, die in Kolumbien bereits alle Instanzen ausgeschöpft hat. Kolumbiens offizieller Vertreter zieht alle Register, um einen Schuldspruch zu vermeiden. Für die Opfer sexueller Gewalt und für zahllose bedrohte Berichterstatter*innen ist das eine erschütternde Nachricht.

Für Jonathan Bock hat der Fall Jineth Bedoya und der Umgang mit ihr Symbolcharakter. „Aus der Perspektive der Pressefreiheit, genauso wie aus der der Frauenrechte, so Jonathan Bock von der Stiftung für die Pressefreiheit (FLIP). „Eine Journalistin wird bei der Arbeit vor einer staatlichen Einrichtung, der Justiz-Vollzugsanstalt La Modelo, entführt, vergewaltigt und gefoltert und der Staat zeigt so wenig Wille zur Aufklärung – wie kann das sein?“, fragt Bock.

Die Frage sorgt derzeit in Bogotá für Schlagzeilen, denn Jineth Bedoya ist nicht nur ein bekannte Journalistin der größten Tageszeitung El Tiempo. Mit ihrer Kampagne „Es ist nicht die Zeit zu schweigen“ ist sie auch eine laute Stimme gegen die omnipräsente Gewalt gegen Frauen im Land. Seit fast 21 Jahren fordert die Journalistin Aufklärung und Gerechtigkeit für das, was ihr am 26. Mai 2000 angetan wurde. Damals wartete die Journalistin der Tageszeitung El Espectador vor der Justizvollzugsanstalt La Modelo im Zentrum von Bogotá auf Einlass, um Interviews mit paramilitärischen Comandantes zu führen. Unter den Augen der Sicherheitsbehörden wurde sie entführt, später vergewaltigt und gefoltert. Knapp 21 Jahre hat sich Bedoya durch Kolumbiens Justiz gekämpft, ihren eigenen Fall unter die Lupe genommen, die Täter den Richtern auf dem Silbertablett geliefert. Die wurden letztlich verurteilt, aber die Frage nach den Verantwortlichen nie beantwortet. „Warum gingen Beweise verloren? Warum gab es immer wieder Verzögerungen? Warum verschwanden Untersuchungsergebnisse, auch die Aussagen von Bedoya, so dass sie zwölfmal ihre Aussage wiederholen musste“, stellt Jonathan Bock die Fragen, die im Fokus des laufenden Prozesses gegen den kolumbianischen Staat stehen. Man habe Bedoya so wieder und wieder zum Opfer gemacht, meint Bock, der die Verhandlung für die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP) begleitet.

Dabei kam es am 15. März zum Eklat. Camilo Gómez, Direktor der „Nationalen Agentur zur juristischen Verteidigung des kolumbianischen Staates“ warf fünf von sechs Richtern vor den kolumbianischen Staat zu vorverurteilen und zog sich aus der Anhörung zurück, nachdem die Unterbrechung der Anhörung verweigert wurde. Ein Novum in der Geschichte des Gerichts, so Human Rights Watch, die das Handeln Kulumbiens ähnlich wie andere Menschenrechtsorganisationen als Angriff auf die Unabhängigkeit des Gerichts werten. Für Bock ist es ein weiterer Versuch Opfer zum Schweigen zu bringen. Der Fall Bedoya könnte zum Präzedenzfall werden.

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