Mexiko: Kampf für faire Bezahlung

SutNotimex heißt die Gewerkschaft bei Mexikos staatlicher Nachrichtenagentur Notimex. Dort wurden zunächst 241 Mitarbeiter*innen entlassen. Die Betroffenen befinden sich im Streik - seit dem 21. Februar 2020. Hier ein Protestmarsch im Zentrum von Mexikos Hauptstadt. Foto: Notimex

Das Ziel ist klar: die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft in Mexikos Mediensektor. Dafür hat sich 2019 mit der „Versammlung Wir müssen reden“ ein Kollektiv engagierter Journalist*innen gegründet. Sie protestieren gegen die permanente Ausbeutung von Berichterstatter*innen. Mit „Business Insider“, einer Tochter von Axel Springer, hat das Kollektiv ein Medium in den Fokus genommen, bei dem permanentes Mobbing anscheinend Usus ist.

Anfang Juli wurde der Leichnam von Luis Martín Sánchez in der Stadt Tepic im Bundesstaat Nayarit aufgefunden. Sánchez war Korrespondent von „La Jornada“, einer der wichtigsten Zeitungen der Hauptstadt. Er ist der sechste Journalist, der in Mexiko in diesem Jahr ermordet wurde. „Journalist*innen arbeiten in Mexiko unter riskanten Bedingungen, das ist international bekannt. Dass sie obendrein prekär bezahlt werden, ist aber kaum bekannt. Deshalb haben wir uns 2019 gegründet. Wir wollen eine Gewerkschaft aufbauen, die für faire Arbeitsbedingungen eintritt“, erklärt der 28-jährige Alex, der seinen Nachnamen lieber für sich behält.

Das gilt für eine ganze Reihe der Aktivist*innen hinter „Asamblea Tenemos que hablar“ (Asamblea TQH), was so viel heißt wie „Versammlung: Wir müssen reden“. Die Initiative der „Medien- und Kommunikationsmitarbeiter*innen gegen die Prekarisierung der Arbeit“ will eine Branchengewerkschaft aufbauen, um die eigenen Arbeitsrechte zu verteidigen. Die werden in Mexiko systematisch unterlaufen. Die Arbeitsbedingungen des ermordeten 59-jährigen Sánchez sind dafür ein gutes Beispiel. „Die Korrespondenten, selbst die der großen Tageszeitungen, werden nach Veröffentlichung bezahlt – pro Artikel, ohne Grundlohn. Sie arbeiten unter prekären Bedingungen, erhalten für jeden Artikel 400 mexikanische Pesos, rund zwanzig US-Dollar“, kritisiert Alex von der Asamblea TQH. Das zwinge die Journalist*innen immer öfter dazu, Nebenjobs anzunehmen. „Eine Korrespondentin oder ein Korrespondent wird selten mehr als drei Beiträge pro Woche für eine Redaktion liefern. Er oder sie muss also für mehrere Redaktionen arbeiten, um über die Runden zu kommen. Das ökonomische Risiko wird auf den Korrespondenten oder die Korrespondentin abgewälzt“, heißt es von der Gewerkschaft im Aufbau.

Prekäre Verhältnisse – staatlich geduldet

Unterstützung von der Regierung gibt es nicht. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador hat im Frühjahr verkündet, die mexikanische Nachrichtenagentur Notimex nach einem langjährigen Arbeitskonflikt zu schließen. Sie sei nicht mehr nötig, so López Obrador. Das Los der rund 200 seit Februar 2020 streikenden Beschäftigten, die unter Verletzung geltenden Rechts entlassen worden waren, spiele für den Präsidenten dabei keine Rolle, kritisieren die Aktivist*innen. Anfang Oktober einigten sich die Regierung und die Gewerkschaft der Notimex-Beschäftigten auf die Schließung der Agentur wie auch die Zahlung von Entschädigungen.

Realität sei, dass nur wenige Journalist*innen mehr als 600 US-Dollar im Monat verdienen, faire Arbeitsbedinungen nicht die Regel, sondern die Ausnahme seien. Das soll sich ändern und dafür engagieren sich die rund dreißig Medienaktivist*innen hinter der Asamblea TQH.

Dabei steht derzeit mit „Business Insider“ ein Unternehmen im Fokus, das zu Axel Springer gehört. Die „Marke für Wirtschaftsnachrichten für die digitale Generation“, wie sie der Mutterkonzern nennt, ist seit Februar 2020 in Mexiko aktiv. Seitdem hat es zahlreiche, wiederkehrende Beschwerden der Angestellten gegeben: permanentes Mobbing innerhalb der Redaktion oder auch die Zahlung von Minimallöhnen. So führt die Tatsache, dass nicht mehr als ein Mindestlohn gezahlt wird dazu, dass die Angestellten von „Business Insider“ schlechte Karten haben, wenn sie schwer erkranken. Tatsache, sei, dass komplizierte Operationen kaum durchgeführt werden bei Patient*innen mit geringen Löhnen. Mehrere ehemalige Redakteur*innen müssen zudem ihnen laut Gesetz zustehenden Abfindungszahlungen hinterherklagen. Das betreffe drei Redakteur*innen, von denen sich mindestens eine bei der Asamblea TQH engagiert. Die Frau will anonym bleiben, da sie einen Arbeitsrechtsprozess führt. Sie berichtet außerdem von permanentem Mobbing durch die Chefredaktion: „Es hat mindestens zwei Selbstmordversuche von Redakteur*innen gegeben“, so die ehemalige Redakteurin, die auch fast ein Jahr nach ihrem Ausscheiden bei „Business Insider“ ihre Abfindung noch nicht komplett erhalten hat.

Axel Springer reagiert

Für diese Praktiken ist in erster Linie das Management der Grupo CAABSA verantwortlich ist. Der mexikanische Mischkonzern, der im Bau- und Immobiliensektor aktiv ist, aber auch Dienstleistungen anbietet, managt „Business Insider“ in Mexiko. Die Asamblea TQH wurde bei der deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt vorstellig, um auf die Arbeitsrechtsverstöße durch die Gruppe CAABSA aufmerksam zu machen, von denen Axel Springer in Deutschland zumindest indirekt profitierte. Das hat dazu geführt, dass zwischen ehemaligen Mitarbeiter*innen und der Gruppe CAABSA nun direkte Verhandlungen stattfinden. Ein positiver Effekt. „Noch besser wäre es, wenn sich der Mutterkonzern Axel Springer direkt einschalten würde, um die Arbeitsrechtskonflikte direkt beizulegen“, meinen die Aktivist*innen der Asamblea TQH. Immerhin ist der deutsche Mutterkonzern im Hintergrund aktiv, so Pressesprecherin Julia Sommerfeld von  Axel Springer. „Wir nehmen Arbeitssicherheit sehr ernst und werden immer aktiv, wenn es begründete Beschwerden gibt“, erklärt sie auf M-Anfrage.

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