Nachrichten von Frauen für Frauen

Eine Frau und ein Mädchen der Tarahumara-Ethnie in Ciudad Juarez. Die Tarahumara wurden in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch Bergbau und Tourismusindustrie, die ihr Land vereinnahmen, immer tiefer in die Berge Mexikos verdrängt.
Foto: REUTERS/Jose Luis Gonzalez

Frauen indigener und afrikanischer Herkunft spielen in der Berichterstattung zwischen Mexiko und Feuerland kaum eine Rolle. Das soll sich nun mit „Notimia“ ändern. Notimia ist die Kurzform für „Nachrichtenagentur von Frauen indigener und afrikanischer Herkunft“, die erste Nachrichtenagentur, die aus deren Perspektive berichtet. Gegründet wurde sie am 5. April in Mexiko-Stadt.

„Strategien gegen die Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ hieß das Panel, über das Yalina Ruiz Ende April aus New York für Notimia berichtete. Ihren ersten Einsatz hat die Agentur beim „Forum Indigener Fragen der Vereinten Nationen“ in New York, von wo aus vom 24. April bis zum 5. Mai 2017 elf Korrespondent_innen berichten – darunter Yalina Ruiz. Für die mexikanische Journalistin, die zu den Gründer_innen von Notimia gehört, war die Reise eine spannende Erfahrung, denn es war nicht nur etwas Neues bei den Vereinten Nationen (UN) ein und aus zu gehen, sondern auch indigenen Vertreter_innen wie Nadia Kenaja Fenly von der Ethnie der Miskito aus Nicaragua und ihrer Schilderung der Lebensumstände in den Dörfern an der nicaraguanischen Atlantikküste zuzuhören. Dort haben die Miskitos begonnen, Untersuchungen über die Ursachen von Gewalt aus Genderperspektive durchzuführen und Frauen weiterzubilden. „Initiativen, die auch für die indigenen und afroamerikanischen Gemeinden in Mexiko interessant sind, denn Gewalt ist nicht nur dort eines der Grundprobleme. Frauen sind überproportional stark davon betroffen“, so die 27-jährige Journalistin. Ihre Eltern stammen aus der Sierra Norte des im Süden Mexikos gelegenen Bundestaates Oaxaca, sind Zapoteken und haben ihrer Tochter die zapotekische Identität nahe gebracht. „In den letzten Monaten habe ich an meinem Zapoteco gefeilt. Ich will meine Texte alsbald auch ins Zapoteco übersetzen“, so die Journalistin, die an der Autonomen Universität Mexiko (UNAM) studiert hat.

Das Übersetzen von Reportagen, Berichten und Interviews gehört zum Angebot von Notimia, denn schließlich gebe es allein in Mexiko rund 68 Sprachen, die von den traditionellen Medien kaum bedient würden, so Ruiz. An der UNAM hat sie als Dozentin gearbeitet, bevor sie über das spanische Kulturzentrum in Mexiko Stadt auf die erste Konferenz Indigener und Afroamerikanischer Journalist_innnen (ECIA) aufmerksam wurde.

Nachrichtenagentur als „Stimme der Frauen“

 Das war die Keimzelle für Notimia. Die Nachrichtenagentur soll „Frauen eine eigene Stimme geben“, so Guadalupe Martínez von der „Allianz indigener Frauen in Mittelamerika und Mexiko“. Ihre Organisation war eine treibende Kraft hinter der Gründung von Notimia. Doch viel mehr als die Homepage, eine Facebook-Seite und viel verbale Unterstützung durch Frauenorganisationen hat Notimia bisher nicht erhalten. „Natürlich müssen wir mittelfristig auch Geld verdienen, um unsere Recherchen zu finanzieren. Bisher haben wir weder ein Büro noch die Tarife für die Nutzung unserer Texte festgelegt. Wir stehen in vielen Bereichen noch am Anfang“, sagt Yalina Ruiz. Ihr Flugticket nach New York zur UN-Konferenz hat sie selbst bezahlt und für Notimia arbeitet sie vorerst ehrenamtlich. Warum, das weiß sie genau: „Wir brauchen eine unabhängige Nachrichtenagentur, die auf Themen für Frauen und von Frauen sowie auf die Rechte von Frauen aufmerksam macht. Gewalt gegen Frauen ist beispielsweise ein Problem, von dem wir in ganz Lateinamerika betroffen sind“, sagt Ruiz. Genau deshalb sei es wichtig gewesen, nach New York zum Forum zu fahren, zu berichten und zu lernen.

Über die Erfahrungen der Miskito in Nicaragua genauso wie über die der Charrúa in Uruguay. Die seien, so die Deligierte Mónica Díaz auf dem UN-Forum, systematisch unterdrückt worden. Die Kinder wurden ihren Müttern entrissen, man habe eine Kultur verschwinden lassen wollen, einen Ethnozid angestrebt. Die Konsequenz sei, dass die 76.000 Menschen zählende Ethnie heute kaum sichtbar und vom Staat kaum wahrgenommen werde, kritisierte Mónica Diaz auf dem UN-Forum.

Derartige Berichte, aber auch solche aus den Gemeinden, über deren Geschichte und den Alltag in den Gemeinden, will Notimia genauso anbieten wie Beiträge über Menschenrechte und die indigene Kultur – nicht nur in Spanisch und Englisch, sondern auch in indigenen Sprachen wie nuú tu’un savi, eine Sprache, die im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca gesprochen wird, oder in Zapateco (auch Nahuatl), der Sprache der Azteken. Die traditionellen, großen Medien des Landes reproduzierten oft Geschlechtervorurteile und könnten von Notimia lernen, warb Julliet Bonnafé von der UN-Frauenorganisation bei der Präsentation der Nachrichtenagentur am 5. April in Mexiko Stadt. Das Angebot richtet sich an kommunale Radios oder alternative Webpages von indigenen Gemeinden, auf denen Notimia-Berichte, -Interviews, -Reportagen laufen könnten. Die erste Resonanz auf die Berichterstattung aus New York sei ganz positiv gewesen, so Ruiz. Ein Teil der Konferenz wurde auch live ins Netz gestellt. „Ein Novum“, erklärt Yalina Ruiz. Sie selbst wird noch ein Feature über die Konferenz auf Zapateco verfassen. Das dürfte nicht nur ihre Eltern freuen.

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