Profitabler mit Politico?

Blick über die Zimmermannstraße in berlin vom neuen auf das ältere Axel-Springer-Gebäude Foto: Springer

Erklärtes Ziel von Springer: „Weltmarktführer im digitalen Journalismus“

Auf dem heimischen Printmarkt stottert das Geschäft. Aber international konnte Springer zuletzt mit dem Kauf des US-Portals „Politico“ punkten. Für die Zukunftsperspektiven demokratischer Medien ist die Digitalstrategie des Konzerns allerdings keine gute Nachricht: Nach Auffassung von Kritikern droht eine wachsende Spaltung der Gesellschaft durch Journalismus.

Das Timing war mehr als unglücklich. Gerade erst hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner mit dem vollständigen Kauf der US-Mediengruppe „Politico“ die größte Unternehmensübernahme der Firmengeschichte gefeiert. Dann passierte der „Fall Julian Reichelt“. Und die „New York Times“ publizierte eine süffisante Geschichte über die Unternehmenskultur im Springer-Konzern, die mehr auf Döpfner als auf den kurz danach geschassten Bild-Chefredakteur zielte. Peinlich für Döpfner, der kurz darauf obendrein in einer privaten und später durchgestochenen SMS deutsche Verhältnisse mit dem „DDR-Obrigkeitsstaat“ verglich und Journalist*innen als „Propaganda-Assistenten“ diffamierte. Entgleisungen, die für den reibungslosen Ablauf der Geschäfte in Übersee möglicherweise wenig zuträglich waren.

2015 war das Jahr, in dem Springer entscheidend auf dem US-Markt expandierte. Zuerst erwarb der Verlag das Online-Portal Business Insider. Gleichzeitig beteiligte er sich mit 50 Prozent an der europäischen Ausgabe des 2007 gegründeten Zeitung „Politico“. Noch 2014 hatte der Branchendienst „Horizont“ gelästert, europäische Verlage seien offenbar nicht in der Lage, der „Hegemonisierung US-amerikanischer Medien und Distributoren“ etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, zum Beispiel in Form eines „europäischen Politmediums“.

Die Komplettübernahme von „Politico“ – kolportiert wird ein Kaufpreis von über einer Milliarde US-Dollar – folgt dem erklärten Ziel Döpfners, „Weltmarktführer im digitalen Journalismus“ zu werden. Dem dient auch die strategische Partnerschaft, die der Konzern 2019 mit dem US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR) eingegangen ist. Die Auflage von „Politico“ in den USA beträgt rund 40.000 Exemplare. Rund 350 redaktionelle Mitarbeiter*innen, dem Vernehmen nach in der Mehrheit nicht eindeutig einem der polarisierten politischen Lager zugeordnet, liefern pro Monat durchschnittlich an die 3.000 Geschichten. Außerdem werden rund 2.500 Newsletter verschickt, einige davon angeblich zu Abopreisen von bis zu 10.000 US-Dollar jährlich. Die Online-Reichweite liegt bei monatlich 54 Millionen Nutzer*innen. Kern der Veröffentlichungen sind ausführliche Hintergrundberichte über die politischen Ereignisse im US-Kongress. Daneben erscheint ein Blog über das aktuelle Geschehen im Weißen Haus.

Anlässlich der Übernahme des US-Portals ließ Springer-Chef Döpfner verlautbaren, man habe „immer fest daran geglaubt, dass es erfolgreiche Geschäftsmodelle für digitalen Journalismus geben kann“. Und er lobte das „starke Wachstum“ und die „hohe Profitabilität“ von „Politico“. Lauter Attribute, die für die einstigen Flaggschiffe auf dem heimischen Kernmarkt schon lange nicht mehr gelten. Im Gegenteil. Sowohl „Bild“ als auch „Die Welt“ verzeichnen seit Jahren dramatische Auflagenverluste. Im dritten Quartal 2021 fiel der Boulevardtitel um satte 8,5 Prozent auf nun noch 1,006 Millionen Exemplare (Abo und Einzelverkauf) zurück. Zum Jahresende dürfte erstmals die Millionenmarke unterschritten werden – klarer Beleg dafür, dass die Skandalchronik um den geschassten Ex-Chef Reichelt und die populistische Berichterstattung in Sachen Corona selbst bei den treuesten Leser*innen Wirkung gezeigt haben.

„Die Welt“ gab für das dritte Quartal erst gar keine neuen Zahlen preis. „Keine Meldung aufgrund Angebotsänderung“, heißt es lapidar auf der IVW-Homepage. Gemeint ist offenbar das Vorziehen einer Frühausgabe der „Welt am Sonntag“ auf den Samstag. Dass diese Umstellung bessere Zahlen hervorbringt, ist kaum zu erwarten. Bereits im zweiten Quartal war die Auflage der „Welt“ auf knapp 43.000 Exemplare geschrumpft. Möglich, dass das Printgeschäft Springers in nicht allzu ferner Zeit in die Verlustzone rutscht. Auch bei Bild-TV sieht es nicht nach einer Erfolgsgeschichte aus. Die Quote des auf Dauerkrawall gebürsteten Senders dümpelt konstant bei 0,1 Prozent. Zu allem Übel kommt nun auch noch öffentlich-rechtlicher Spott dazu vom Magazin Royale im ZDF.

Bedauern für den immer mehr in rechtspopulistische Richtung abdriftenden Konzern erscheint unangebracht. Aber Springers Digitalstrategie hat weitreichende Konsequenzen für die Restbestände von Journalismus, die im Hause noch vorhanden sind. Darauf verwies kürzlich Wolfgang Michal in einer gelungenen Analyse im „Freitag“. „Das grassierende Newsletter-Unwesen“ zerstöre allmählich, „jene Öffentlichkeit, die sich durch allgemeinen und freien Zugang zu Informationen auszeichnet und verwandelt sich in zersplitterte, den Massen vorborgen bleibende Dienstleistungen für Unternehmen und Regierungen, kurz: in Vorzugswissen für Insider“. Die Folge sei eine Spaltung der Gesellschaft durch Journalismus: Info-Brosamen für die Normalos, „Fünf-Gänge-Menüs“ aus exklusiven Hintergrundberichten für die Entscheidungsträger. Keine schönen Aussichten.

 

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