Radio „La Luna“ eroberte sich die Hörer

Bürgerradio in Ecuador besticht mit Kritik und klaren Standpunkten

Wenn sich in Ecuador etwas Außergewöhnliches tut, dann schalten die Menschen mal das ansonsten ununterbrochen laufende Fernsehen mit all seinen Telenovelas aus, und das gute alte Radio ein. Und immer häufiger wird in Quito und Umgebung die Welle 99.3 FM gewählt, auf der seit nunmehr fast 15 Jahren das Bürgerradio La Luna zu hören ist.

Trotz der allein 48 stadtweiten und circa 320 landesweiten Konkurrenzsender, die sich auf dem UKW-Band drängeln, ist es Chefredakteur Paco Velasques und seinem Team gelungen, sich einen festen Platz bei den Hörern zu erobern. Das Erfolgskonzept ist eine gute Mischung aus populären und kritisch-alternativen Programmanteilen. Seit dem der Sender eine durchaus konventionelle Sportsendung mit bekannten Sportjournalisten ins Programm genommen hat, wird er auch von Taxifahrern gehört und avanciert zunehmend zum Hauptstadtradio Nr.1.

Herzstück des politischen Radiojournalismus à la „La Luna“ sind die Sendungen „La Clave“ (was sich ungefähr mit „Der Schlüssel“ übersetzen lässt) die werktäglich von 6 bis 9 Uhr, 12.30 bis 13.30 und 19.00 bis 19.30 Uhr einen festen Platz im Programm haben. Velasques und seine beide Mistreiter Luis Ramiro Pozo und Atta Ukfor Tobar legen sich in die diesem Magazin mit einem für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichen hohen Wortanteil keinerlei Scheuklappen an. Mit bissigen Kommentaren und bisweilen bitterbösen Radiosatiren sorgen die drei für journalistischen Klartext und klare Standpunkte. Die bei uns übliche Trennung von Kommentar und Nachricht kennen die ecuadorianischen Radiojournalisten nicht. „Wir sind ganz offen subjektiv“ sagt Velasquez. Und da wird dann auch schon mal im Anschluss an eine der zahlreichen Unfallmeldungen ganz heftig über die schon lange angekündigten aber immer noch nicht ausgeführten Straßenbauarbeiten der Regierung gewettert.

Unangepasst

Vor der Wahl im November 2002 hat der Sender ganz offensiv für den derzeitigen Regierungschef, den früheren Putschobersten und linksnationalisten Luzio Gutiérrez geworben, der seitdem mit Unterstützung des politischen Arms der Indiginabewegung „Pachatuik“, der marxistisch-leninistischen MPD und den Gewerkschaften regiert. Diese Unterstützung bereut der Sender inzwischen, seitdem der Rechtsruck von Gutierréz und seine Anbiederung an die USA unübersehbar geworden sind.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten lebt das alternative Hauptstadtradio von seinen Einnahmen, kann seinen 11 festangestellten Redakteuren immerhin ein Einheitsgehalt von 480 Dollar zahlen und hat für sein Programm inzwischen nationale und internationale Radiopreise bekommen. Zu den Werbekunden gehören Coca Cola und Banken genauso wie das mächtige Energie- und Minenminsterium. Was in Deutschland schlicht unvorstellbar ist, erlauben sich die alternativen Radiomacher einfach: Sie karikieren gelegentlich auch schon mal die Botschaften ihrer Werbekunden. „Und wenn die dann abspringen, müssen wir einen Lohnverzicht hinnehmen“ , beschreibt Velazques das rigorose journalistische Selbstverständnis. Aber diese Art von Programmpolitik scheint anzukommen, auf immerhin 150.000 Hörer bringt es der Sender in Spitzenzeiten. Deshalb kann Velasques mit Stolz verkünden: „Wir haben es geschafft, das Kartell von etwa 80 meinungsbildenden Personen in Ecuador zu brechen. Inzwischen werden wir auch im Regierungspalast gehört.“

La Luna wäre natürlich kein Bürgerradio, wenn dort nur Radioprofis zu Wort kämen. Deshalb werden im Zentrum für Volksbildung, Centro Educacion Ecuador (CEDEP), dem auch „La Luna“ angeschlossen ist, Bürger fit gemacht, um eigene Sendungen und Beiträge zu produzieren. Gewerkschaften und Stadtteilinitiativen, Homosexuelle und Kunsthandwerker finden genauso einen Sendeplatz bei „La Luna“ wie die sozialen Minderheiten und vor allem die Indiginas, die gut ein Drittel der ecuadorianischen Bevölkerung ausmachen.

In diesen Sendungen kommen dann all die Themen zur Sprache, die in den kommerziellen Sendern weitgehend unter den Teppich gekehrt werden: Die zunehmende Umweltverschmutzung, die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten seit der Dollarisierung des Landes, die Probleme in den städtischen Slums, und die ökologischen Probleme, die durch die Erdölförderung im Amazonasgebiet ausgelöst werden und den gerade erst entstehenden Ökotourismus bedrohen. Da es in Ecuador nach wie vor viele Analphabeten gibt, ist das Radio eine der wenigen Möglichkeiten viele Menschen zu erreichen. Zum bürgernahen Programmansatz von La Luna gehört es auch, dass sich die Zuhörer regelmäßig ins Programm einschalten können, um ihre Anliegen kund zu tun oder um sich einfach zu verabreden. Da sich viele Ecuadorianer eigene Medikamente nicht leisten können oder weit ab von jeglicher medizinischer Versorgung leben, gehören auch überlebenswichtige Tipps aus der Naturmedizin zum festen Programm.

Ungewöhnlich

Paco Velasques ist optimistisch, dass sich sein ungewöhnlicher und unangepasster Sender noch einige Zeit im ecuadorianischen Mediengeschäft halten kann, das ansonsten von einigen wenigen einflußreichen Familien dominiert wird: Die wirtschaftliche Basis ist jedenfalls gesichert. Erst unlängst konnte La Luna seine Preise für die Werbespots erhöhen.

 

nach oben

weiterlesen

Lesbos: Die Simulation von Pressefreiheit

Wenn hoher Besuch auf die griechischen Inseln zu den Camps voller Geflüchteter kommt, dann „wird eine Simulation von Pressefreiheit aufgebaut“. Dann sind kurze kontrollierte Besuche von Pressevertreter*innen im Lager möglich. So hat die deutsche Journalistin Franziska Grillmeier den Besuchstag der EU-Kommissarin Ylva Johansson auf Lesbos Ende März erlebt. Sonst möchte die Regierung das Thema aus der Öffentlichkeit heraushalten und behindert jede Berichterstattung.
mehr »

Turkmen.News: Wie ein Staatsfeind gesehen

Keine andere ehemalige Sowjetrepublik hat sich nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates derart isoliert wie Turkmenistan. Nach Gorbatschows Perestroika folgte ein beispielloser Personenkult an der Spitze des Staates, der seine Bürger bis heute von Informationen aus der Welt abschneidet und in dem es offiziell kein Coronavirus gibt. Die Plattform „Turkmen.News“ gilt faktisch als einziges freies Medium. Fragen an den Gründer.
mehr »

„Wiener Zeitung“: Aus oder doch Rettung?

Es geht um mehr, als nur das neuerliche Ableben eines Printmediums. Mit dem Ende der „Wiener Zeitung“ würde der österreichische Qualitätsjournalismus eine wichtige Plattform verlieren. Die derzeit diskutierten Optionen einer Umwandlung in eine Wochen- oder eine reine Online-Zeitung sieht nicht nur die Redaktion skeptisch. Ein offener Brief zahlreicher Prominenter aus Politik, Kultur und Wirtschaft Österreichs soll helfen, das Blatt zu retten.
mehr »

Zunehmende Angriffe auf Medienschaffende

Als schrillendes Alarmsignal bezeichnete die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Deutschlands Platzierung in der heute vorgestellten Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF). Das Land habe die schlechteste Punktzahl seit Einführung der aktuellen Methodik im Jahr 2013 eingefahren, die Lage der Pressefreiheit musste von „gut“ auf nur noch „zufriedenstellend“ herabgestuft werden. Als Grund dafür nannte RSF die zahlreichen Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten im Zusammenhang mit den Corona-Demonstrationen.
mehr »