Störsender Parazit

Iraner lieben Satireprogramm von The Voice of Amerika

Im Lande der „Rosen und der Nachtigallen“ – eine literarische Beschreibung Irans – sind die Nachtigallen zum Schweigen gebracht worden und die Rosen verwelkt. Fröhlichkeit und Spaß sind Tabu. Nach einer Studie der University of Leicester (UK) gehört der Iran zu den Ländern, in denen die Melancholie das Verhältnis der Menschen untereinander bestimmt. Es ist bemerkenswert, dass der Iran dabei vor dem Irak und Afghanistan steht. Nun versorgt The Voice of Amerika (VoA) aus Washington die Iraner und Iranerinnen jeden Freitag mit kabarettistischen Fernsehsendungen und einer politischen Satireshow, die Zuschauer und Politik polarisiert.


„Parazit“ – neben Parasit auch mit „Störsender“ übersetzt – ist die beliebteste Fernsehsendung, die im Iran seit der Islamischen Revolution zu empfangen ist. Schätzungsweise schauen 15 Millionen Iraner und Iranerinnen wöchentlich dieses Programm. Es gilt gleichfalls als eines der größten Experimente in der Geschichte eines persisch-sprachigen Senders. Während die Regierenden in der Islamischen Republik mit Repressionen und harter Hand gegen Meinungs- und Pressefreiheit vorgehen und das iranische Staatsfernsehen stark unter Kontrolle des erzkonservativen religiösen Zensors steht, arbeitet „Parazit“ mit viel schwarzem Humor und Satire. Moderator Kambiz Hosseini versucht, provokant und unparteilich auf die Missstände im Iran aufmerksam zu machen. Der Hauptteil der Sendung besteht aus Videoausschnitten von Reden oder Dialogen amtierender iranischer Politiker und Freitagsprediger sowie aus iranischen TV-Sendungen. Ein Beispiel: In einer Sendung des iranischen Fernsehens zeigten sie einen Mann, der von einer Moderatorin nach seinen drei Ehefrauen gefragt wird. Der Mann erzählt, dass er gleichzeitig drei Frauen geheiratet hat, weil er dazu Lust hatte und das geschah mit dem Einverständnis von allen drei Frauen. Die Moderatorin lächelt nur, stellt aber keine kritischen Fragen.
Auch das häufige Auftreten der Mullahs im Fernsehen bietet für „Parazit“ gute Vorlagen. Kein Wunder also, dass dieses Programm den Mullahs ein Dorn im Auge ist, weil sie die Beeinflussung vor allem junger Menschen fürchten. Jedesmal am Anfang der Sendung stellt sich Kambiz vor und erzählt, dass diese Sendung von US-amerikanischem Imperialismus finanziert werde und, dass er ein Angestellter des „Feindes“ sei. Das ist eine Persiflage auf den iranischen Geheimdienst, der dies im Grunde jedem andersdenkenden Iraner unterstellt. Für die Hardliner, die den Iran regieren, sind die USA traditionell der „Große Satan“. Regelmäßig werden im Fernsehen Archivbilder von Iranern gezeigt, die während des Freitagsgebets „Tod Amerika!“ skandieren. In Wirklichkeit ist die Mehrheit der Iraner amerikafreundlich.

Zuschauer bestimmen mit

Der Spott von „Parazit“ traf auch die Sendung „Regenbogen“ auf persisch „Ranginkaman“ im iranischen TV. Sie ist für Kinder gedacht und ist an die deutsche „Sesamstraße“ angelehnt. Die Moderatorin mit dem Spitznamen „Tante Nargis“ fragt einen Fünfjährigen in der Sendung, was er schon allein fertig machen könne, ohne Hilfe seiner Eltern. Der Junge gibt an, dass er seinen „Schuschul“ (Penis in Kindersprache) bereits allein waschen könne. Daraufhin fragt ihn „Tante Nargis“ schnell, um die Situation zu entschärfen, ob er schon allein an die Waschmaschine rangehen dürfe. Neben „Parazit“ trägt inzwischen auch eine extra gegründete Facebook-Seite zur Belustigung der Iraner über die Sendung „Ranginkaman“ auf der ganzen Welt bei.
Allein 10 Millionen Iraner haben Zugang zum Internet. 245.416 mal wurde bisher auf der Facebook-Seite von Kambiz Hosseini „gefällt mir“ angeklickt. Vor der Ausstrahlung von „Parazit“ werden die Zuschauer zur nächsten Sendung befragt: Wer ist diese Woche mit seinem Charakter lobenswert? Oder: Wer soll wegen seines schlechten Charakters Schelte erhalten? Per E-Mail oder per Telefon kommen die Vorschläge. Der Staatspräsident Ahmadineschad und Ayatollah Janati, Chef des islamischen Wächterrats, hatten bisher von den Zuschauern die meisten schlechten Noten mit Buhrufen erhalten. Aber es werden auch gute Aktionen für Demokratie oder für die Umwelt im Lande gelobt. So zum Beispiel die Menschen, die in der Stadt Tabriz gegen Untätigkeit des Staates wegen der Versalzung des Urmiya-Sees protestiert haben. (Die ehemals 5.700 Quadratkilometer große Wasserfläche ist inzwischen um 2.700 Quadratkilometer geschrumpft).
In Iran dürfen die Medienmacher auch keine Witze über Schiiten machen. Zugleich darf man den Unterschied zwischen dem Aberglauben und dem „Wahren Islam“ nicht in Frage stellen. Vor allem, wer sich erlaubt die Populisten, Hofgläubigen und Gelegenheitsmoslems zu kritisieren, spielt mit dem Feuer. Iranische TV-Sender sind jedoch voll von diesen Schwindlern. „Parazit“ nimmt sie aufs Korn. Und hat nunmehr einen Verbündeten. Der Rundfunksender Radio Fard aus Prag, ehemaliges Radio Freies Europa, bringt die Menschen im Iran von Samstag bis Mittwoch eine Stunde täglich zum Lachen. Dabei beteiligen sie die Zuhörer. Sie erzählen Witze über das Regime, verlesen satirische Gedichte und singen sogar. Bemerkenswert an beiden Sendern ist, dass die Moderatoren professionelle Mitarbeiter des iranischen Rundfunks und Fernsehen gewesen sind und wie unzählige Journalisten das Land verlassen haben. Farshide Manafi von Radio Fard war vor seiner Flucht einer der beliebtesten Radiomoderatoren im Iran gewesen. Seine Stimme ist immer noch sehr vertraut unter den Jugendlichen im Land.

nach oben

weiterlesen

Es geht um Wahrheit, Transparenz, Integrität

Die Journalism Trust Initiative (JTI) ist eine Plattform, die vertrauenswürdige Nachrichtenquellen identifizieren und stärken will. Unter der Regie von Reporter ohne Grenzen (RSF) soll ein Beitrag gegen Hass, Propaganda und Fake News geleistet werden. Ende Mai wurde die Webseite freigeschaltet. Am 29. Juli diskutierten Projektteilnehmer verschiedener internationaler Medien zum Thema „Glaubwürdiger Journalismus als Gegengift gegen Desinformation“ über Funktionsweise und Aufgaben der Plattform.
mehr »

Algerien zieht gegen freie Presse zu Felde

Meinungs- und Pressefreiheit stehen in Algerien so heftig unter Druck wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Journalist*innen werden eingeschüchtert, systematisch an ihrer Arbeit gehindert, gar verhaftet und strafrechtlich verfolgt. Seit 2019 ließ die Regierung den Zugang zu mindestens 16 regimekritischen Nachrichten-Websites sperren und verabschiedete Gesetze, die als Frontalangriff auf die freie Presse bewertet werden. Entspannung ist nicht in Sicht.
mehr »

Repression und Pressefreiheit in Kuba

Bei den anhaltenden Protesten in Kuba geht die Regierung mit großer Härte gegen Protestierende und Journalist*innen vor. Amnesty International zufolge wurden mindestens 115 Menschen festgenommen, darunter prominente Journalist*innen. Die Regierung versucht zu verhindern, dass Informationen nach außen dringen. Das Internet wurde gesperrt, um vor allem die sozialen Medien lahmzulegen. Denn auf What’s App, Facebook, Instagram und Co. wird berichtet, kommentiert und dokumentiert.
mehr »

Türkischer Journalist in Berlin angegriffen

Der im Exil lebende türkische Journalist Erk Acarer ist am 7. Juli an seinem Wohnort in Berlin-Neukölln von mehreren Männern angegriffen worden. Nach Angaben der Polizei wurde er am Kopf verletzt und musste im Krankenhaus medizinisch versorgt werden. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di verurteilt den gewalttätigen Angriff auf den Kritiker der türkischen Regierung. Der 48jährige Journalist lebt seit April 2017 in Berlin.
mehr »