TeleMadrid in Regierungshand

Seit drei Jahren auf Sendung bei Telemadrid: „120 minutos“. Ihr Anteil bei Communication Telemadrid lag im Juni dieses Jahres bei 11,1 Prozent. Screenshot: telemadrid.es

Seit Sommer herrscht bei TeleMadrid Personenkult pur. Der öffentliche Fernsehkanal der spanischen Hauptstadtregion folgt der Chefin der Regionalregierung Isabel Díaz Ayuso auf Schritt und Tritt. Da kann es schon mal vorkommen, dass etwa anlässlich der Verleihung eines Preises an sie in Italien, ein ganzes Team mitfliegt und das Studio, in dem der Sprecher die vermeintlichen Errungenschaften seiner Regierungschefin lobt, gleich mit vier riesigen Bildschirmen versehen ist, die alle unterschiedliche Bilder von Ayuso zeigen.

Die Chefin der Regionalregierung von der Partido Popular (PP) hat TeleMadrid nur wenige Monate nach dem sie bei vorgezogenen Neuwahlen die absolute Mehrheit nur um drei Sitze verfehlte, endlich da, wo sie den Sender immer haben wollte. Der Wandel ging schnell von statten. Denn Ayuso regiert, wie sie will, dank der Unterstützung ihrer Regierungspolitik durch die rechtsextreme VOX. Und selbst dann, wenn sich VOX einmal enthalten sollte, kann Ayuso von der Opposition nicht überstimmt werden.

Der bisherige rechtsliberale Koalitionspartner, Ciudadanos, hat den Einzug ins Regionalparlament nicht mehr geschafft. Die meisten der Stimmen dieser Partei gingen an die PP. Damit fällt auch das letzte Korrektiv weg, wenn es um Ayusos Pläne für TeleMadrid geht. Ciudadanos hatte 2017 durchgesetzt, dass der Direktor der öffentlichen Anstalt mit Zweidrittelmehrheit im Regionalparlament gewählt werden muss. Der Sender wurde nach Jahren der Gängelung durch die PP wieder professionell und unabhängig. Doch mit der neuen Mehrheit im Regionalparlament änderten die Konservativen einfach dieses Gesetz. Der Direktor wird erneut mit einfacher Mehrheit bestimmt. Trotz gültigem Vertrag für weitere zwei Jahre, wurde der bekannte Journalist José Pablo López im Juli entlassen und durch José Antonio Sánchez ersetzt – einen treuen Parteigänger Ayusos.

„Sie kann nun schalten und walten, wie sie will“, beschwert sich Tirso Nohales. Er arbeitet in der Postproduktion und ist Vertrauensmann der kleinen Gewerkschaft CGT. „Mit Sánchez kam die Mannschaft zurück, die einst TeleMadrid ruiniert hat“, schimpft Nohales. Denn der neue Direktor José Antonio Sánchez ist kein Unbekannter. Er brachte vor Jahren das spanische öffentliche Fernsehen RTVE auf PP-Linie, und sparte nach Einbruch der Zuschauerzahlen den Sender kaputt.

Bei TeleMadrid wiederholte er die Operation. Er war 2013 für die Entlassung von über 800 der 1200 Mitarbeiter*innen verantwortlich – darunter alle Betriebsräte und Vertrauensleute. Sie klagten erfolgreich und kamen nach und nach zurück. Nohales war unter denen, die ihr Gerichtsverfahren gewannen, ebenso wie Luis Lombardo. Der Grafiker gehört der größten spanischen Gewerkschaft CCOO an und ist Betriebsratsvorsitzender.

„Rund 90 Prozent derer, die damals nicht entlassen wurden, hatten nie die Aufnahmeprüfung in den öffentlichen Dienst gemacht, sie waren wegen ihrer Parteitreue eingestellt worden“, beschwert sich Lombardo. Jetzt nach dem Wechsel in der Direktion haben diejenigen, die wegen ihres Parteibuches im Sender arbeiten, erneut das Sagen. „Vor allem die Nachrichtenredaktion ist völlig in der Hand der Regionalregierung“, sagt Lombardo. Dort wurden nicht nur der Nachrichtenchef ausgewechselt, sondern der gesamte Mittelbau der Redaktion, selbst Sprecher und einige Journalist*innen.

Seither darf Regionalpräsidentin Ayuso selbst bei den Olympischen Spielen mit der Sprecherin sportliche Ereignisse live kommentieren. Freilich ist es nicht mehr die gleiche Sprecherin, die vor dem Wechsel des Öfteren auch kritische Fragen für Ayuso bereit hatte. Natürlich dürfen auch mal andere als Ayuso ins Fernsehen, aber nur, wenn sie der konservativen Regionalregierung in den Kram passen. In den ersten zwei Wochen der neuen Politik-Etappe wurden in TeleMadrid und dem angegliederten Radio Onda Madrid 12 Live-Interviews ausgestrahlt. Dabei schafften es gerade einmal drei Personen aufs Plato, die nicht aus der politischen Rechten kamen. Sechs gehörten der PP an, drei der rechtsextremen VOX. Die Linke würde den Namen Madrids beschmutzen, durfte da etwa der konservative Bürgermeister der Hauptstadt José Luis Martínez-Almeida zum Besten geben. Auch er war mit Unterstützung der VOX ins Amt gekommen. Die Sprecher saßen dabei und schauten zustimmend. Längst macht der Begriff „TeleAyuso“ die Runde in Madrid.

„Es geht Ayuso nicht nur um die ideologische Manipulation des Senders, sondern darum ihn wirtschaftlich zu ruinieren und damit zur Bedeutungslosigkeit verkommen zu lassen“, ist sich Miguel Alvarez sicher. „José Antonio Sánchez ist ein Totengräber der Fernsehanstalten“, sagt der Professor an der Journalistenschule der Universität im zentralspanischen Castilla La Mancha. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Mängeln und der Gängelung öffentlicher Sender in Spanien. Die Zahlen geben ihm recht. In seiner ersten Zeit bei TeleMadrid sank die Zuschauerquote auf unter vier Prozent. Eine ähnliche Tendenz zeichnet sich jetzt wieder ab. Hatte TeleMadrid in den Jahren unter López erneut Prestige gewonnen, und einen Share von knapp acht Prozent erreicht, sank im August die Zuschauerquote auf 4,7 Prozent. Nachmittags ist der Sender nach dem Wechsel mit 1,5 Prozent zur Bedeutungslosigkeit verkommen. „Wenn sowas zum ersten Mal passiert, dann kann die Wahl von Sánchez zum Direktor ein Fehler gewesen sein. Aber wenn er zum dritten Mal so einen Posten bekommt, dann ist das gewollt“, resümiert Álvarez.

 

 

 

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