Wann, wenn nicht jetzt?!

Beschäftigte griechischer Medienbetriebe streiken für Tarifverträge

Ein sonniger Mittag in der Athener Innenstadt. Der Verkehr staut sich vor dem griechischen Parlament. Das Radio des Taxifahrers sendet ausschließlich Musik, und auch die Fernsehkanäle können nur Aufgezeichnetes senden. Am nächsten Morgen wird es keine Tageszeitungen geben. Denn diesmal demonstrieren nicht Bauern oder Müllwerker vor dem Parlament, sondern etwa 600 Journalistinnen und Journalisten.

Nahezu alle Beschäftigten der griechischen Printmedien und der Radio- und Fernsehsender führten am 6. März von 6 Uhr morgens an einen 24-stündigen Warnstreik durch. Ziel war unter anderem die Einführung eines für alle Betriebe und Beschäftigten geltenden Flächentarifvertrages.

Miserable Arbeitsbedingungen

Laut einer aktuellen und umfangreichen Studie, die das europäische Netzwerk griechischer Journalisten in Auftrag gab, sind die 12.000 Journalistinnen und Journalisten in Griechenland schlecht bezahlt und arbeiten unter miserablen Arbeitsbedingungen. Mit einer wöchentlichen Durchschnittsarbeitszeit von 55,5 Stunden liegen sie z.B. um mehr als 10 Stunden über den für griechische Industriearbeiter ermittelten Werten. Über ein Drittel verdienen monatlich bis zu 880 Euro, etwa 30 Prozent erreichen bis zu 1.460 Euro Vergütung. Damit arbeiten 22,3 Prozent der Kolleginnen und Kollegen unter dem Mindestlohn, der im Tarifvertrag der Journalists Newspaper Association Athens (JNAA -Vereinigung der Journalisten der Tageszeitungen Athens) festgelegt ist. Kein Wunder also, wenn die Studie berichtet, dass fast die Hälfte der schlecht bezahlten Beschäftigten einen journalistischen Zweitjob haben.

Anlass des Streiks sind Entlassungen von nicht festangestellten Beschäftigten in den letzten Monaten. 14 Prozent der Journalisten sind feste Freie, von denen die Hälfte gegen Rechnung und ein Viertel schwarz arbeitet. 5 Prozent geben an, nicht bezahlt zu werden. Dies führt dazu, dass 22 Prozent der festen Freien nicht versichert sind. Diese Unsicherheit wirkt sich auf den gesamten Bereich aus: Fast die Hälfte aller Beschäftigten fühlen sich nicht sicher in ihren Jobs. Schon im Dezember des letzten und im Februar diesen Jahres gab es jeweils eintägige Warnstreiks.

Der Streik am 6. März ist der erste gemeinsame aller Beschäftigten in den griechischen Medienbetrieben. Die Hauptforderungen des Streiks sind: die Rücknahme der Kündigungen; die Einführung eines Flächentarifvertrages mit landesweiter Gültigkeit in allen Betrieben; die Aufhebung der Niedrigstlohngruppen; eine gestaffelte Lohnerhöhung mit einem Gesamtvolumen unter 8 Prozent, wobei die unteren Gruppen mehr angehoben werden sollen; die Einhaltung der gesetzlichen Arbeitszeiten wie die 5-Tage-Woche; die Verbesserung des Copyright-Schutzes für Journalistinnen und Journalisten.

In der letzten Forderung spiegelt sich ein erschreckendes Ergebnis der Studie wieder: Fast 80 Prozent der Kolleginnen und Kollegen geben an, dass ihre Inhalte entsprechend politischer oder ökonomischer Einflussfaktoren verändert werden; 12,4 Prozent üben deshalb nach eigenen Angaben Selbstzensur. Dies führt dazu, dass etwa Dreiviertel der Beschäftigten unzufrieden mit der Qualität der Informationen sind, vor allem in Berichten über Flüchtlinge und Behinderte.

Vor dem Hintergrund, dass die Hälfte der Journalistinnen und Journalisten zwischen 25 und 34 Jahre alt und nur 45,9 Prozent der Beschäftigten in der JNNA organisiert sind, ist der gemeinsame Streik auch Ausdruck einer notwendigen gewerkschaftlichen Neuorientierung. Der Schritt von der Berufsgruppenvertretung zu einer Mediengewerkschaft, die alle Beschäftigten der Branche gleichberechtigt vertritt, wird von vielen gefordert. Auf einer gemeinsamen Kundgebung aller 14 an den Streikaktionen beteiligten gewerkschaftlichen Organisationen und Verbände sprachen Vertreter wie der Präsident der JNNA Aristides Manolakos sowie der Vorsitzende der gesamtgriechischen Vereinigung der Journalistenverbände Dimitrios Glavas.

Streikberichte untersagt

Ein weiterer – zweitägiger – Streik war für den 16. März geplant. Damit sollten die Unternehmerverbände, die bisher lediglich Lohnerhöhungen in Höhe von etwa 4 Prozent angeboten haben, sich aber zu den anderen Forderungen nicht äußerten, an den Verhandlungstisch gezwungen werden. Außerdem galt es, vor allem die Arbeitsbedingungen im staatlichen Rundfunk- und Fernsehsender ERT, in dem viele mit Zeitverträgen von zwei bis drei Monaten arbeiten, verstärkt in den Streikaktionen zu thematisieren. Doch bevor es dazu kam, lenkte ERT ein. Von nun an gelten für alle festen Freien, die für den Sender tätig sind, Tarifverträge.

Um jedoch für alle journalistischen Kolleginnen und Kollegen Verbesserungen und vor allem eine tarifliche Regelung zu erreichen, wurde mit einem dreitägigen Streik Ende März weiter Druck auf die Arbeitgeber ausgeübt. Die Leser der griechischen Presse erfuhren übrigens nichts von den Kämpfen der Journalisten. Die Zeitungsverleger hatten jegliche Berichterstattung untersagt.


nach oben

weiterlesen

In Deutschland angekommen

Auch sie kamen in den Jahren 2014 oder 2015 in erheblicher Zahl nach Deutschland: Arabische Medienmacher*innen. Ich traf im Herbst 2015 vor allem syrische Journalist*innen und portraitierte sie für verschiedene Medien und ein eigenes Buch. Mit vielen von ihnen und ihren deutschen Unterstützer*innen blieb ich seitdem in Kontakt. Für „Menschen Machen Medien“ traf ich sie jetzt in Berlin und Frankfurt wieder und fragte, wie es  ihnen seitdem beruflich und persönlich in Deutschland ergangen ist.
mehr »

Gegen Visa-Kürzung für Korrespondenten

Der Europäische Journalistenverband (EFJ) und der Internationale Journalistenverband (IFJ) fordern gemeinsam mit der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und 21 anderen Organisationen aus der ganzen Welt die US-Regierung auf, die vorgesehenen Visa-Beschränkungen für Korrespondenten aufzuheben. Mit dieser zeitlich verkürzten Akkreditierung werde die Arbeit ausländischer Journalist*innen in den Vereinigten Staaten „erheblich erschwert und verteuert“, erklärte EFJ-Generalsekretär Ricardo Gutiérrez.
mehr »

Chance nicht vergeben: Whistleblowing regeln

Vor genau einem Jahr hat die Europäische Union eine Richtlinie zum Schutz von Personen, die Verstöße gegen das Unionsrecht melden, die sogenannte Whistleblowing-Richtlinie, verabschiedet. Die Umsetzung in nationales Recht kommt in Deutschland nicht voran. Statt Rechtssicherheit für Hinweisgeber*innen zu schaffen und damit auch investigativen Journalismus zu stärken, streiten die zuständigen Ministerien darüber, ob sie die Richtlinie überhaupt national anwenden oder auf EU-Recht beschränken sollen.
mehr »

USA und EU behindern „Fair Use“ in Südafrika

Um den Zugang zu Bildung und Informationen gerechter zu gestalten, wollte sich Südafrika ein neues Urheberrecht geben. Nach jahrelangen Konsultationen verabschiedete das Parlament in Kapstadt die Gesetzesnovelle schließlich im März 2019. "Ein exzellentes Gesetz", urteilten zivilgesellschaftliche Organisationen. Allein: In Kraft ist die Novelle noch immer nicht - was maßgeblich daran liegt, dass die USA und die EU Südafrika Daumenschrauben angelegt haben.
mehr »