Abseits von Schlagzeilen

Medienübergreifendes NDR-Projekt gegen Neonazis in Norddeutschland

Mit einem bislang einmaligen Projekt will der NDR in seinem gesamten Sendegebiet neonazistische Aktivitäten jenseits der medialen Tagesaktualität dokumentieren: im Hörfunk, Fernsehen oder im Web, mit Reportagen und Dokumentationen, als Blog oder virtuelle Landkarte. Das Projekt soll außerdem all diejenigen porträtieren und ermutigen, die sich seit Jahren gegen rechts engagieren, unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit.

Rechtsradikale Gewalt, Hintergrund und Gegenwehr. Dokumentiert undanalysiert im NDR-Projekt "Der Norden schaut hin - Die rechte Szene4 in Norddeutschland" Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Rechtsradikale Gewalt, Hintergrund und Gegenwehr. Dokumentiert undanalysiert im NDR-Projekt „Der Norden schaut hin – Die rechte Szene4 in Norddeutschland“
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Den Startschuss gab NDR-Intendant Lutz Mamor in seinem Grußwort zur diesjährigen Tagung von netzwerk recherche in Hamburg, während gleichzeitig in der Hansestadt zehntausende gegen NPD und rechten Terror demonstrierten: „Heute startet im NDR auch ein trimediales Projekt im Zusammenhang mit rechter Gewalt. ‚Der Norden schaut hin – Die rechte Szene in Norddeutschland’. Darin geben die Kolleginnen und Kollegen einen Überblick in Hörfunk, Fernsehen und Online über rechte Übergriffe und Gegenaktionen von Menschen, die das nicht hinnehmen wollen“, so Mamor. Besonderen Dank zollte der Intendant seinen redaktionellen Mitarbeitern: „Dem Engagement von NDR-Journalisten ist es zu verdanken, dass es dieses Projekt gibt.“
Doch vor dem Engagement stand, wie so oft, eine bittere Erkenntnis: Wieso bedurfte es erst einer Mordserie der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund), um sich mit der alltäglichen rechten Gewalt zu beschäftigen? Wieso das immer gleiche Warten auf Schlagzeilen, auf exklusive Fotos oder skandalträchtige Bilder, wenn doch der Kampf gegen rechts täglich in der Region stattfindet? Gleich nebenan.
Kuno Haberbusch, Initiator des NDR-Projekts: „Natürlich müssen wir uns genau diese Frage stellen: Haben wir – mit Ausnahmen – als Medien immer so genau hingeguckt, oder waren wir nicht ganz froh, dass wir so ein paar Einzelkämpfer hatten, auf die wir uns, wenn es etwas Spektakuläres gab, bequem zurückziehen konnten. Wie sieht es da mit unserer Pflicht aus? Natürlich gab es Versäumnisse.“
Diese Versäumnisse aufzuholen, das war die Idee, die in Kollegengesprächen erörtert wurde und sofort Anklang fand. Haberbusch: „Die Idee ist so banal: Abseits von Schlagzeilen zeigen wir drauf. Im Mittelpunkt stehen hier ausschließlich die Aktivitäten in Norddeutschland.“
Und dabei kann der NDR trotz aller Hierarchien und gewachsener Eigenständigkeit auf einen gewaltigen Fundus zurückgreifen: Neben der Zentrale in Hamburg gibt es die vier Landesfunkhäuser (Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hamburg). Hinzu kommt noch Radio Bremen, das mitten im Sendegebiet liegt. Haberbusch: „Ich bin ganz erstaunt, was die Landesprogramme da geliefert haben. Das kriegen wir hier nur nicht so mit, weil es halt Regionalprogramm ist. Wir haben eine Auflistung gemacht, was da alles über Rechtsradikale lief? Wir nehmen vieles nur nicht wahr, was da gemacht wird.“
Zum ersten Mal spielen Fernsehen, Hörfunk und Online Hand in Hand, lernen voneinander: Die TV-Macher erfahren die Selbstverständlichkeit, dass ein Fernseh-O-Ton im Hörfunk nicht unbedingt sendefähig ist. Und die Onliner stellen fürs Web klar: Alles kann rein, aber nie länger als fünf Minuten.
Jede Menge juristischer Probleme müssen geklärt werden: Was darf auf die Seite (http://www.ndr.de/regional/rechtsextremismus179.html) gestellt werden? Was ist mit dem Drei-Stufen-Plan für die Mediathek, mit der Verweildauer von alten und neuen Beiträgen auf der NDR-Internetseite? Was mit gedrehtem, aber (noch) nicht gesendetem Material? Welche Persönlichkeits- und Senderechte sind bei Archivstücken zu beachten? Gerade im NDR-Archiv liegt ein wahrer Schatz, der wieder zugänglich gemacht werden soll. Aktuelle Beiträge werden mit Archivmaterial ergänzt, Entwicklungen aufgezeigt und rechte Strömungen ebenso wie Gegenaktivitäten eingeordnet.
Haberbusch: „Es war noch nie der Fall, dass sich so viele Akteure beteiligt haben. Alle Landesfunkhäuser, das Zentralprogramm, der Hörfunk, die Onliner. Von daher ist es schon ein Riesenprojekt mit dem ehrgeizigen Ziel, zu reportieren, zu dokumentieren, was da los ist. Abseits von NSU und aktuellen Schlagzeilen.“ Und auch abseits der eingefahrenen NDR-Strukturen. Ein festes Projektteam mit Vertretern der Landesfunkhäuser wurde gebildet. Dazu kommen Mitglieder aus Redaktionen aller Bereiche, 18 Festangestellte, die sich regelmäßig treffen. Im Netz wurde ein Laufwerk eingerichtet, zu dem sie Zugriff haben. Dort findet die Kommunikation statt. Etwa 25 freie Autorinnen und Autoren arbeiten mit.
Abseits der Aktualität wird für das Sendegebiet dokumentiert, worüber sich die Öffentlichkeit nur noch in Ausnahmefällen medial aufregt. Haberbusch: „Ein banales Beispiel: Es gibt die Finanziers der NPD. Wir fragen die, warum sie die NPD finanziell unterstützen. Ganz banal. Dann ist für andere Organisationen bekannt, wer die Hintermänner sind. Wir versuchen, mit denen in Kontakt zu kommen, sie bei ihren Aktivitäten zu filmen. Das stellen wir online und verorten das zu der Region. Gleichzeitig wird eine Liste und eine Landkarte rechtsradikaler Gewalt erarbeitet.“
Es ist ein Projekt des gesamten NDR. Extra freigestellt wurde niemand. Aber der Sender steht dahinter. Haberbusch, früher Leiter von Panorama: „Am Anfang, als ich die Idee hatte, war die Euphorie groß. Und diese Euphorie, diese Motivation müssen wir halten.“

 

nach oben

weiterlesen

ver.di weist CDU-Pläne zum Rundfunk zurück

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) weist die Versuche der CDU in Sachsen-Anhalt entschieden zurück, Stimmung gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu machen oder und gar die Abschaffung des „Ersten“ der ARD zu betreiben. Es gelte das Grundrecht zur Rundfunkfreiheit sowie die Staatsferne und Programmautonomie von Rundfunk-Redaktionen, betont die Gewerkschaft zu gerade bekanntgewordenen Plänen aus dem sachsen-anhaltinischen Landtag.
mehr »

Bedenken bei neuem Medienstaatsvertrag

Am 19. November hat die Rundfunkkommission der Länder einen „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ vorgelegt. Bis 14. Januar lief die öffentliche Konsultationsphase. Grundsätzlich begrüßen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di den Entwurf zum neuen Medienstaatsvertrag und das Vorhaben, der digitalen Transformation der Anstalten einen rechtlichen Rahmen zu geben. Allerdings haben ver.di und der DGB neben einzelnen Ergänzungen bei anderen Vorschlägen verfassungsrechtliche Bedenken. 
mehr »

Deutsche Welle Thema im Kulturausschuss 

Der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien wird sich voraussichtlich im Februar mit der Aufklärung der antisemitischen Vorfälle bei der Deutschen Welle (DW) beschäftigten. Die Initiative dafür ging von der Unions-Bundestagsfraktion aus. Angesichts der schwerwiegenden Vorwürfe sei eine transparente und sorgfältige Prüfung geboten, so die stellvertretende Unionsfraktionschefin Dorothee Bär in einer Medieninformation.
mehr »

Radiomarkt in NRW von außen aufgemischt

Die Taktik des Aussitzens. Manchmal geht sie gut, oft scheitert sie. In NRW ist das Hinhalten des Digitalradios durch den Platzhirsch Radio NRW gründlich nach hinten losgegangen. Statt selbst neue Programmvielfalt geschaffen zu haben, muss das Radio nun dabei zuschauen, wie fremde Häuser den neuen digitalen Radiomarkt im eigenen Bundesland aufmischen. Ganz vorn mit dabei: die expansionsfreudigen Bayern.
mehr »