„Bild“-Radio oder „RadioZeitung“

Bleibt Holtzbrincks „Hit-Radio“ in Niedersachsen auf Antenne oder kommt die neue „RadioZeitung“?

Die Niedersachsen können sich glücklich schätzen (Niedersachsen ist ein echtes Radio-Schlaraffenland). Hier hört man wirklich alle Hits. Da führt kaum eine Frequenz dran vorbei. Die Superhits der 80er und 90er und wer will, sogar die Superhits für Sachsen-Anhalt. Und der beste Mix. Mit mehr Abwechslung versteht sich. Hitradios allerorten. Manche nennen sich so, andere sind’s einfach. War es das, was die Landesmedienanstalt Niedersachsen (NLM) wollte, als sie am 31. 12. 1986 mit dem ersten landesweiten privaten Hörfunkprogramm „radio ffn“ das duale System einführte?

Nach gut 12 Jahren stehen die Medienhüter in Hannover wieder kurz vor der Entscheidung, dem niedersächsischen Hörfunk eine neue Wende zu geben. Am 17. März 1999 wird die NLM darüber befinden, wem die zweite landesweite Privatradiolizenz, die alle zehn Jahre neu vergeben werden muß, zugesprochen wird. Neben „radio ffn“ hat bislang „Hit-Radio Antenne“ in Niedersachsen die Lizenz zum Senden. Noch. Denn gesichert ist diese nur noch bis zum März 2000. Und aus dem „Hit-Radio“ könnte dann Deutschlands erstes „Reporter- und Ereignisradio“ werden. Denn die NLM hat neben „Hit-Radio Antenne“, das vor allem von dem übermächtigen und miliardenschweren Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern beherrscht wird und in der Republik mittlerweile diverse gleichartige Ableger hat, noch einen weiteren Bewerber: die „Niedersächsische RadioZeitung“. Dahinter verbirgt sich eine kleine regionale GmbH, die von niedersächsischen Unternehmern und Privatleuten ins Leben gerufen wurde und die nun mit dem vollmundigen Ansinnen antritt, eine Radiokultur zu neuem Leben zu erwecken, die in Niedersachsen schon vor längerem zu Grabe getragen wurde. Und die neuen Mitbewerber wissen, wovon sie reden: „RadioZeitung“-Gesellschafter Jürgen Köster und Hermann Stümpert gehören beide zu Deutschlands Privatradio-Pionieren, die mit „Radio Schleswig-Holstein (RSH)“ den allerersten Privatsender der Republik aufgebaut und zu seinem heutigen Erfolg geführt haben. Jürgen Köster war darüber hinaus mehrere Jahre Programmchef von „radio ffn“. Mit an Bord der „RadioZeitung“ ist auch Dietmar Wischmeyer, Kopf der Comedy-Ideenfabrik „Frühstyxradio“. Sie sind überzeugt davon, daß man in dem niedersächsischen Musikdudelfunkeinerlei von „radio ffn“, „NDR2“, „Hit-Radio Antenne“ und „N-JOY“ durchaus die Chance hat, einen anspruchsvolleren Sender erfolgreich zu etablieren.

„Während landauf, landab auf Wortreduktion, nervtötende Eigenwerbung und schrille Gewinnspiele gesetzt wird, ist die „RadioZeitung“ wieder ein Programm, das etwas zu sagen hat“ verspricht Dietmar Wischmeyer, dessen versammelte „Frühstyxradio“-Truppe (i.e. Oliver Kalkofe, Sabine Bulthaup, Oliver Welke und Matthias Liebhold) „radio ffn“ kurz vor Weihnachten entnervt den Rücken kehrte. Zu unterschiedlich waren die Programmphilosophien und das Verständnis von Qualität. Beliebte Comedy-Serien wurden auf Sendeplätze am hörerschwachen Abend geschoben oder wegen Überlänge oder geschmäcklerischer Differenzen ganz gekippt. Sie fügten sich nur noch schwerlich in sekundengenaue Sendeuhren und paßten schließlich auch nicht mehr zum vorherrschenden Moderationsstil. „Bei so einem formatierten Sender haben wir einfach keine Lust mehr zu arbeiten“ meint Wischmeyer halb resigniert, halb erleichtert. Statt dessen stellt er sich ein Formatradio mit wahrem „Format“ vor, bei dem nicht die „Moderationsmaschinen“ und Slogans im Vordergrund stehen, sondern die Redakteure vorort und deren Geschichten. Wischmeyer ist zuversichtlich: „Es gibt ihn wieder, den Beruf des schilderungsstarken, engagierten, begeisterungsfähigen und schnellen Radioreporters.[…] Hier wird wieder etwas mitgeteilt.“

Mit journalistischer Kompetenz haben die beiden großen Privaten Niedersachsens tatsächlich schon lange nicht mehr geglänzt. Bei „Hit-Radio Antenne“ ist es keine Seltenheit, daß Redakteure in den Nachrichten gefällige, sponsorenfreundliche Cross-Promotion-Aufsager für die laufende MA-Aktion einsetzen. Wozu da noch lästige Agenturmeldungen: Der Vertrag mit dpa wurde gekündigt. Und auch bei „radio ffn“ sind die Tage vorbei, in denen man mit investigativem Spürsinn Umweltskandale aufdeckte und maßgeblich daran beteiligt war, daß Ende der 80er Jahre die sogenannte „Spielbankenaffäre“ publik wurde, in deren Folge Niedersachsens Innenminister Hasselmann seinen Hut nahm. Inzwischen schmückt sich „radio ffn“ nur noch mit Auszubildenden, die sich in blindem Aktionismus unbemerkt an Sicherheitssperren von Flughäfen und Bundeswehrkasernen vorbeimogeln.

Lizenzkriterium Meinungsvielfalt

Die von der NLM als Bewertungskriterium bei einem Lizenzverfahren geforderte größtmögliche „Meinungsvielfalt“ haben sowohl „Hit-Radio Antenne“ als auch „radio ffn“ weitestgehend aus dem Visier verloren. Im Visier haben sie sich vielmehr gegenseitig: Seit „Hit-Radio“ mit einer Verjüngungskur dazu anhob, „radio ffn“ die Zielgruppe streitig zu machen, herrscht „Krieg“, wie es Programmverantwortliche beiderseits der Demarkationslinie zuweilen propagieren. Der Fehdehandschuh war spätestens geworfen, als „Hit-Radio Antenne“ unmittelbar vor einem geplanten „ffn“-Relaunch kurzerhand dessen neuen Slogan „Hits die brennen“ klaute. Seither haben die beide Sender einen gewissen sportlichen Ehrgeiz entwickelt, gegenseitig on air das Konkurrenzprodukt madig zu machen. Und sich im Formatieren ihrer Programme gegenseitig zu übertreffen. Mit dem Ergebnis, daß das, was in stereo empfangbar ist, immer monotoner und austauschbarer klingt. Und nicht nur „radio ffn“ und „Hit-Radio Antenne“ haben sich in den letzten Jahren fast bis zur Unkenntlichkeit einander angeglichen: Während „radio ffn“ nach dem Ausscheiden von Köster reformfreudig in den letzten drei Jahren Wortsendungen, Musikspecials und kritische Mitarbeiter über Bord warf, um so aus dem Quotenwindschatten des entworteten „Antenne“-Programms zu kommen, tat’s „NDR2“ den beiden Privaten gleich und holte sich professionelle Nachhilfe bei der Beraterfirma BCI, um sein Programm formatgerecht und somit stromlinienförmig zu stylen und um im Verteilungskampf nicht den Kürzeren zu ziehen. Mittlerweile gelten bei allen drei Sendern Gesetzmäßigkeiten, die bis zur Selbstaufgabe durchexerziert werden: Verpackung statt Inhalt, Promotion und Populismus statt Profil und Persönlichkeit, Spiele, Slogans und Styling statt Information, Interaktion und innovativer Ideen allenthalben. Da ist der Unterschied zwischen dem „Neuen Morgen“, dem „Morning-Män“ und der „Morgenshow“ ein rein gradueller. Da wird mit garantiert wortfreien Sendestrecken und mit „Vier Hits am Stück“ geworben und drei von vier redaktionellen Sendeplätzen pro Stunde gekippt.

Da wird der klassische BmE (Beitrag mit Einspielungen) als journalistisches Stilmittel komplett verbannt, dem Moderator häppchenweise O-Ton-Material geliefert, aus dem er sogenannte Live-Interviews nachstellt. Beitragsplätze heißen intern nur noch „Stopsets“ und „Events“, die unter Androhung von Disziplinarstrafen die Länge von 1:30 Minuten nicht überschreiten dürfen, und dem Nachwuchs wird im Zuge dieser redaktionellen Flurbereinigung eingetrichtert, Wort in jedweder Form sei stets ein Störfaktor und potentieller „Abschalter“. Stattdessen werden Auszubildende zweckentfremdet, um möglichst telegen bei der Bundestagswahl in Bonn Mikrofon-Dummies mit deutlich sichtbarem Sender-Logo vor Kameralinsen zu halten. Moderatoren werden in Formatkorsetts gezwängt, ganze Moderationspassagen wörtlich von der Promotionabteilung vorgegeben und inhaltliche Musikmoderationen auf Redaktionskonferenzen abgestraft. Und als Credo wird das „KISS“-Prinzip ausgegeben: „Keep it short and simple“. Oder steht das zweite „s“ doch für „stupid“? Die BILD-Zeitung wird als das Maß aller Dinge vom schnellsten Medium der Welt nachgebetet. Davon scheint die Philosophie der neuen „RadioZeitung“ weit entfernt, auch wenn man laut Gesellschafter Jürgen Köster durchaus ein anspruchsvolleres „Boulevardradio“ anstrebt. Während „Hit-Radio Antenne“ hofft, die Lizenz zum Weitersenden im Jahr 2000 mit unverändertem Konzept zu bekommen, setzt die „RadioZeitung“ auf etwas, was bei anderen Sendern nach und nach Mangelware wird: Mit 25-30Prozent Wortanteil (exklusive Werbung) will man sich deutlich von den bisherigen Massenbegleitprogrammen absetzen, die oft mit weniger als 10% Wortanteil (inklusive Gewinnspielen, Eigenpromotion etc.) versuchen, ihrem Informationsauftrag gerecht zu werden. Mit der „RadioZeitung“ würde möglicherweise ein Stück Radiokultur wiederbelebt werden, das im niedersächsischen Quotenkrieg auf der Strecke geblieben ist: Im Lizenzantrag kündigen die Gesellschafter an, für „Information, Aktualität und Unterhaltung“ zu stehen und die „Ereignisse, Entwicklungen und Bedürfnisse Niedersachsens landesweit und regional aus Politik, Wirtschaft und Sozialem“ wiederzugeben. Um dieses Vorhaben umzusetzen, soll ein eigenes Reporter- und Korrespondentennetz aufgebaut werden, ähnlich, wie es bei „radio ffn“ einmal existierte, mit Liveschaltungen, Interviews und gut recherchierten Beiträgen aus allen Lebensbereichen. Ein Anspruch, dem Lizenzhalter „Hit-Radio Antenne Niedersachsen“ nicht im Ansatz gerecht wird. Die von der Landesmedienanstalt vorgegebenen regionalisierten Sendestrecken werden mittlerweile ebenso halbherzig wie widerwillig gefüllt: Was bei „Hit-Radio Antenne“ morgens in der Frühsendung um 6:25 Uhr als topaktuell in den Regionalschienen läuft, muß am Vortag um 18 Uhr bei Redaktionsschluß aus den Außenstudios vorliegen. Wettermeldungen und Veranstaltungshinweise werden (bis zu) zweimal wiederholt, um zumindest ansatzweise die Zeitvorgaben auf dem Regionaltacho der Medienhüter einzuhalten.

Auch „radio ffn“ hat seine Regionalkompetenz dem Rotstift geopfert: Das Personal der Regionalstudios wurde auf die Hälfte zurückgefahren, freie Mitarbeiter zu 90 Prozent eingespart. Alle Regionalschienen werden komplett in der Zentrale in Hannover zusammengestellt, geschrieben und produziert. Da war’s zumindest konsequent von „ffn“-Programmdirektor Rainer M. Cabanis, den Slogan „Nah dran“ zu kippen.

„ffn“-Chef Cabanis käme die „RadioZeitung“ sicherlich gelegen, wäre für ihn damit doch wieder eine Konkurrenzsituation geschaffen, die der Wirtschaftlichkeit seines Senders zugute käme: Zwar streben die Neulinge naturgemäß bei Lizenzerteilung eine „Übernahme“ der Antenne-Hörerschaft an, doch wird die Luft an der Spitze lange nicht mehr so dünn sein wie bis-her. Denn auch musikalisch würde sich die „RadioZeitung“ deutlicher von „radio ffn“ absetzen, als dies bislang bei „Hit-Radio Antenne“ der Fall ist. Der research-geprüften Playlist wollen Köster und Co.

„die ganze Spannbreite der zeitgenössischen Popmusik“ entgegensetzen. Neuland will Köster mit der „RadioZeitung“ nicht nur inhaltlich begehen: Dem SPIEGEL-Vorbild ähnlich werden ca. 20% der „RadioZeitung“-Gesellschafteranteile Mitarbeitern und Hörern zugesichert. Ca. weitere 5% der Gesellschafteranteile sollen dem noch zu gründenden Verein zur Förderung zeitgenössischer Rock- und Popmusik zur Verfügung gestellt werden. Diese Anteile werden schon jetzt treuhänderisch von der Kreissparkasse Hannover verwaltet. Ebenso ein Novum in der bundesrepublikanischen Privatfunklandschaft die Übernahmegarantie für alle „Antenne-Mitarbeiter“ im Lizenzantrag. In Verbindung mit der Beteiligungsmöglichkeit an „ihrem“ Unternehmen, der wesentlich stärkeren Ausrichtung an einem journalistisch geprägten Programm, zusätzlich abgesichert durch ein Redakteursstatut, kann es für sie richtig interessant werden.

Bis zum 15. Januar hatten die beiden Lizenzbewerber „Hit-Radio Antenne“ und die „RadioZeitung“ noch Gelegenheit, sich auf ein gemeinsames Konzept zu einigen. Damit war aber kaum zu rechnen, zumal Gesellschafter der „RadioZeitung“ inzwischen zu spüren bekommen, was es heißt, dem Vorzeigeobjekt der Holtzbrinckgruppe die Lizenz abspenstig machen zu wollen. In der Gesellschafterzusammensetzung der „RadioZeitung“ wird es womöglich noch einige Veränderungen geben, da einige dem beruflichen und politischem Druck der Antennebesitzer nicht werden standhalten können. Die endgültige Entscheidung, wer ab März 2000 auf den bisherigen „Antenne“-Frequenzen sendet, wird durch die NLM am 17. März gefällt. Würde die sich für die „RadioZeitung“ entscheiden, wäre das ein Signal, das mit Sicherheit bundesweit Aufsehen erregen würde und zu neuen inhaltlichen Diskussionen in puncto Radiokultur führen könnte.

 

 

nach oben

weiterlesen

Chance nicht vergeben: Whistleblowing regeln

Vor genau einem Jahr hat die Europäische Union eine Richtlinie zum Schutz von Personen, die Verstöße gegen das Unionsrecht melden, die sogenannte Whistleblowing-Richtlinie, verabschiedet. Die Umsetzung in nationales Recht kommt in Deutschland nicht voran. Statt Rechtssicherheit für Hinweisgeber*innen zu schaffen und damit auch investigativen Journalismus zu stärken, streiten die zuständigen Ministerien darüber, ob sie die Richtlinie überhaupt national anwenden oder auf EU-Recht beschränken sollen.
mehr »

Bayerischer Rundfunk hat neue Intendantin

Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks (BR) hat am 22. Oktober Dr. Katja Wildermuth zur neuen Intendantin gewählt. Wildermuth ist damit die vierte Frau, die aktuell einen Chefsessel in den elf öffentlich-rechtlichen Sendern besetzt und die erste Intendantin in der Geschichte des BR. Für ihre Wahl hatten sich auch das BR Frauennetzwerk mit Appellen an die Rundfunkratsmitglieder stark gemacht. Die neuen Intendantin wurde überraschend klar mit 38 von 48 Stimmen im ersten Wahlgang gekürt.
mehr »

Bußgeld für politische Werbung

Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) hat ein Bußgeld in Höhe von 65.000 Euro gegen den Regionalsender L-TV verhängt, weil dieser gegen Bezahlung Demonstrationen der Initiative „Querdenken 711“ beworben und übertragen hatte. Das Verfahren war bereits im August eingeleitet worden. Grundlage ist ein Verstoß gegen § 11 Abs. 1 des Landesmediengesetzes in Verbindung mit § 7 Abs. 9 des Rundfunkstaatsvertrags, wonach politische Werbung im Rundfunk unzulässig ist.
mehr »

Öffentliche Medien in privaten Zeiten

In der Corona-Krise erweist sich, wie stark die Gesellschaft auf Öffentlichkeit und transparenten Austausch angewiesen ist. Gleichzeitig zwingen die Hygiene-Auflagen den Menschen ein nicht gekanntes Maß an Privatheit auf. „Öffentliche Medien in privaten Zeiten“ – so der Titel einer Online-Konferenz, die die Heinrich-Böll-Stiftung am 30. September in Kooperation mit Reporter ohne Grenzen und Neue deutsche Medienmacher*innen veranstaltete.
mehr »