Engagement ohne Eigennutz?

Kirchliche Publikationen im Spannungsfeld zwischen Mandat und Markt

Als vor einigen Wochen die Einstellung der Wochenzeitung Rheinischer Merkur verkündet wurde, hat mancher mit Erstaunen registriert, dass die Deutsche Bischofskonferenz über Wohl und Wehe des Blattes befinden konnte: Kaum jemand weiß, dass beide Kirchen ein umfangreiches publizistisches Engagement betreiben. Dabei tun sie das seit mindestens einem Jahrhundert; so alt ist zu Beginn dieses Jahres der Evangelische Pressedienst (epd) geworden.

Lange folgten Protestanten wie Katholiken der Maxime des vor hundert Jahren geborenen evangelischen Publizisten Robert Geisendörfer, der ein „Engagement ohne Eigennutz“ forderte. An seinen Forderungen orientiert sich die Evangelische Publizistik noch heute: „Etwas öffentlich machen. Fürsprache üben. Barmherzigkeit vermitteln. Stimme leihen für die Sprachlosen.“ Beide Kirchen betreiben mit „epd medien“ und „Funk-Korrespondenz“ renommierte Fachdienste, beide geben anspruchsvolle Filmzeitschriften heraus (epd Film und film-dienst). Die katholischen Organe sind vor einigen Jahren in die Obhut des Merkur-Verlags gegeben worden und sollen nun bei der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) angesiedelt werden. Der Rheinische Merkur wiederum wird auf den Umfang einer Beilage reduziert. Die Abonnenten können, wenn sie wollen, vermutlich ab Januar zu Lesern der Wochenzeitung Die Zeit werden; dort wird dann auf Wunsch das Supplement Rheinischer Merkur Christ und Welt beigefügt. Betroffen von der Umstellung sind 47 Mitarbeiter, davon zwanzig Redakteure.
Über die Anzahl ihrer treuen Leser kursieren derzeit allerdings sehr unterschiedliche Angaben. Offiziell sind zuletzt 64.000 Exemplare verkauft worden, davon gut die Hälfe in Form von Abonnements. Eine inoffizielle Zahl ist jedoch wesentlich niedriger. Die Entwicklung, sagt ein Kenner der kirchlichen Publizistik, erinnere an den rasanten Abstieg des vor zehn Jahren eingestellten Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts, dem Merkur-Pendant auf protestantischer Seite, das zuletzt nur 18.000 bezahlte Abos gehabt haben soll: „Da gab es dann gezielte Aktionen etwa in Form von Patenschafts-Abos oder Freiexemplaren für die Lufthansa, um die Auflagenzahlen zu schönen.“
Selbst Experten aber waren vom Zeitpunkt der Merkur-Einstellung überrascht. „Offenbar ist der wirtschaftliche Druck so groß geworden, dass man die Reißleine gezogen hat“, kommentiert der Insider, der nicht genannt werden will, die Aktion. Er kritisiert aber auch die Haltung der Deutschen Bischofskonferenz: „Die katholische Kirche sucht noch nach einer Struktur, in der sie ihre publizistischen Kräfte bündeln kann.“ Beobachter sprechen von einer „komplexen Gemengelage“ und „divergierenden Kräften“; die katholische Kirche sei „längst nicht der homogene Block, als der sie sich gern darstellt.“ Der Merkur hat versucht, die Vielfalt der Positionen abzubilden, und genau das ist ihm womöglich zum Verhängnis geworden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass so mancher kritische Beitrag etwa über den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch dem Kölner Kardinal Meisner, dessen Bistum das Gros der Anteile hielt, ein Dorn im Auge war. In Reihen der Kirche hält man es „nicht für abwegig“, dass Meisner die treibende Kraft hinter der Aktion war, „aber nicht allein, er wird Verbündete gefunden haben.“ Laut Chefredakteur Michael Rutz habe der Merkur zuletzt Zuschüsse in Höhe von 2,5 Millionen Euro pro Jahr benötigt. Trotzdem hält man die Einstellung der Wochenzeitung bei beiden Kirchen für ein „Armutszeugnis“. Selbst Rutz, der sich ansonsten mit Kommentaren zurückhält, ist der Meinung, die katholische Kirche „müsste eine Kommunikation dieser Art hochhalten.“
Im Unterschied zu den Katholiken hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und ihre publizistischen Aktivitäten in einem Gemeinschaftswerk zusammengefasst. Nachfolgeorgan des Sonntagsblatts wurde Chrismon, eine modern gestaltete Zeitschrift, in der es buchstäblich um Gott und die Welt geht; sie liegt kostenlos verschiedenen Tageszeitungen sowie der Zeit bei. Die Kirchen sind jedoch nicht nur im Printbereich aktiv, sie unterhalten auch Produktionsfirmen. Außerdem sind sie mit jeweils 12,75 Prozent am Fernsehkanal Bibel TV beteiligt. Die EKD ist allerdings einen großen Schritt weiter: Vor einem Jahr hat sie das Internet-Portal evangelisch.de gestartet. Das Pendant katholisch.de, laut einem Sprecher der Bischofskonferenz als „strategischer Schwerpunkt“ geplant, befindet sich noch in der Entwicklung.
Deutliche Kürzungen aber hat es auch bei der EKD gegeben. Oberkirchenrat Udo Hahn, Leiter des Referats Medien und Publizistik, argumentiert zwar ganz im Sinne Geisendörfers, wenn er über das publizistische Engagement der EKD spricht. Er weist aber auch darauf hin, dass sich die Publikationen „auf dem Medienmarkt behaupten und möglichst viele Erlöse erwirtschaften“ müssten. Natürlich bedauert er die Einstellung des Merkur, dessen Ressort „Christ und Welt/Evangelische Kirche“ er von 1989 bis 1999 selbst geleitet hat. Aber „angesichts knapper Ressourcen muss man Prioritäten setzen.“ Die EKD hat das auch getan. Renommierte Veranstaltungen wie die „Tutzinger Medientage“ wurden sang- und klanglos abgeschafft, Redaktionen verkleinert, Etats reduziert. Der Titel des letzten publizistischen Gesamtkonzepts der EKD aus dem Jahr 1997 scheint aktueller denn je: „Mandat und Markt“. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Medienarbeit beider Kirchen.

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