„Es liegt eine ätzende Unzufriedenheit über dem Verlag“

Beim Heinrich Bauer Verlag in Hamburg: Sparen für noch einen Hubschrauber?
Der zentralen Programmredaktion stehen Massenentlassungen bevor.

Stehen Programm-Zeitschriften vor einem Umbruch? Studenten sind billige Arbeitskräfte. Das macht sich die Firma PPS in Berlin zunutze und beliefert die gesamte Branche mit „konkurrenzlos günstigen“ Programm-Seiten. Damit wiederum erpreßt das Managment des Heinrich Bauer Verlages den Betriebsrat, um Entlassungen durchzudrücken. Immerhin will man 20 Freien Arbeitsplätze auf Abruf zur Verfügung stellen.

Verleger Heinz Bauer ist dafür bekannt, daß er schon mal eigenhändig Streikbrecher mit dem Hubschrauber in einen bestreikten Betrieb fliegt. So geschehen im Frühjahr 1997 bei der „Magdeburger Volksstimme“. Das kostet. Und irgendwo muß das Geld herkommen. Also ist Sparen angesagt. Zum Beispiel bei Redakteurinnen und Redakteuren in der zentralen Programmredaktion (RZP). Am 21. September 1998 verkündete Chefredakteur Klaus Köhler, die RZP soll auf rund 100 Beschäftigte verkleinert werden. Für 33 festangestellte Redakteurinnen und Redakteuren und ein gutes Dutzend Freie sei zukünftig keine Arbeit mehr vorhanden.

Mit den „überflüssigen“ Beschäftigten sollen Aufhebungsverträge abgeschlossen werden. Das soll möglichst schnell geschehen, da nach dem derzeit noch gültigen Arbeitsförderungs“reform“gesetz der Kohl-Regierung (Bonner Sparpaket) ab 6. April 1999 Abfindungen im viel stärkeren Maß als bisher auf das Arbeitslosengeld angerechnet werden, argumentiert Köhler. Trage der Betriebsrat das Konzept nicht mit, stehe unter Umständen die gesamte Programmredaktion auf der Kippe, da man dann mit der Berliner Firma PPS noch stärker kooperiere. So gesehen sei sein Konzept die harmlosere Variante, ließ Köhler die Beschäftigten wissen. PPS steht für Presse-Programm-Service und wurde von Klaus Homann gegründet, der früher das Anzeigenblatt „Der zweite Markt“ machte. Die Firma mit gut 40 Beschäftigten gehört keinem Arbeitgeberverband an und einen Tarifvertrag gibt es auch nicht. Die gesamte Branche der Programmpresse, aber auch Tageszeitungen, bedienen sich bei PPS. Geliefert werden die einzelnen Sendefahrpläne der Sender, aber auch redaktionell gestaltete Seiten. Und das zu einem konkurrenzlos günstigen Preis. Der Axel Springer Verlag hat an PPS eine Minderheitenbeteiligung, ohne diese näher zu verifizieren; nach Auskunft von Branchenkennern gehören Homann 51 Prozent. Die Firma beschäftigt überwiegend Studenten zu Stundenlöhnen von brutto 22,- Mark; ausgebildete Akademiker bekommen schon mal 30,- Mark Stundenlohn. Das erklärt die günstigen Preise von PPS – der umgerechnete Stundenlohn einer Redakteurin oder eines Redakteurs bei Programmzeitschriften liegt bei um die 40,- Mark.

Wahnsinn mit Methode

So wundert es nicht, daß die geplanten Massenentlassungen mit Kostenmanagement und Kostenkonkurrenz begründet werden. „Der Wahnsinn hat Methode“ sagt der Betriebsrat zu dieser Bauer-spezifischen Sparpolitik. Wahnsinn sei das aber auch deshalb, weil mittlerweile viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der RZP fragen, ob sie nicht aufgrund ihres Wissens und Könnens den eigenen Arbeitsplatz wegrationalisiert haben. Viele haben in redaktionsinternen Projektgruppen mitgearbeitet und Anforderungen an ein neues Redaktionssystem erarbeitet. Produktionsabläufe wurden hinterfragt und Wünsche bezüglich der Automatisierung der Programmspaltenerstellung formuliert. Ein neues Archivsystem mit Textdatenbank wurde in Angriff genommen. „Die vorgetragene Dimension der Massenentlassung alleine durch die Möglichkeit der neuen Technik kann sich niemand so recht vorstellen“, heißt es in einem Betriebsratsinfo.

Die Betriebsratsvorsitzende Brigitte Schiffler erzählt, niemand im Betriebsrat oder in der Belegschaft bestreite, daß weiterentwickelte technische Systeme mittels Digitalisierung und effizienteren Produktionsabläufen auch Möglichkeiten der Rationalisierung böten. Dies rechtfertige aber in keiner Weise die annähernde Halbierung der Kernressorts. So könne es dann auch nicht angehen, daß langjährige Beschäftigte rausgeschmissen würden, die Arbeit sich unerträglich verdichte und dazu noch die Arbeitszeit verlängert werde. Dann zitiert sie den amerikanischen „Produktivitätsapostel“ Stephen Roach: „In Wahrheit kann man die Arbeitskräfte nicht ewig ausquetschen wie eine Zitrone.“

Bei einer Betriebsversammlung im Sommer habe sie gesagt, aufgrund sinkender Auflagenzahlen befinde sich das Management unter großer Anspannung. Das führe zu überhöhten Ansprüchen an die Arbeit, zu unklarer Arbeitsorganisation und zu einer kaum noch kalkulierbaren Arbeitsverdichtung: „Individuelle Unzufriedenheit, innere Kündigung und zum Teil unkollegiales Verhalten sind die Folgen.“ Dieses immer nur festzustellen, ist Brigitte Schiffler mittlerweile zu verständnisvoll. „Wer übernimmt von den Vorgesetzten eigentlich noch soziale Verantwortung“ fragt sie. „Ich bin es leid, wenn man zu unzähligen Komplikationen, Schikanen, Kränkungen und Ausgrenzungen immer nur sagt, das sei bedauerlich, aber leider unvermeidbar.“ Ihre Stimme hebt sich: „Es liegt eine ätzende Unzufriedenheit über dem Verlag.“

Keine individuellen Gespräche

Zu den Jahresbilianzen 1997/98 der Verlagsbranche (die „Top-50“ setzten 62,8 Milliarden Mark um) heißt es im Branchenblatt „Horizont“. „Von den Großen haben Bertelsmann, Bauer, Süddeutscher Verlag, Burda und Springer insgesamt 1761 Stellen abgebaut. Mit weniger Leuten haben diese Verlage mehr verdient – alle fünf haben Zuwächse zu verzeichnen. Ein Indiz dafür, daß die Schlankheitskuren in deutschen Verlagen noch nicht abgeschlossen sind.“ Der Bauer-Verlag hat mit einem Stellenminus von 364 (derzeitiger Stellenstand 5655) seinen Umsatz von 2,9 Milliarden auf 3,1 Milliarden Mark gesteigert. Und erst unlängst wurde gejubelt, daß das Anzeigengeschäft in den drei ersten Quartalen 1998 um 7,7 Prozent gestiegen ist. Aber Bauer muß sparen!

Derweil erwarten die Betroffenen, daß Betriebsrat und Gewerkschaft etwas tun. Dazu sagt Brigitte Schiffler, der Betriebsrat tuw das ihm Mögliche und im Zweifelsfall seien die Kolleginnen und Kollegen „die Gewerkschaft“. Die Kreativität aller ist gefragt. Den Beschäftigten wird empfohlen, sich auf keine individuellen Gespräche einzulassen. Nach einem Gespräch mit dem Betriebsrat am 5. Oktober teilte Chefredakteur Köhler mit, sein langfristiges Konzept sei es, die Schließung der zentralen Programmredaktion zu verhindern. Er sei bereit, auf alle Ideen, die Entlassungen verhindern, einzugehen. Doch wolle er keine Illusionen schüren, um die 20 Entlassungen seien wohl unvermeidlich. „Großzügigerweise“ würde sogar in Aussicht gestellt, für 20 Freie sogenannte „Back-up-Arbeitsplätze“ zur Verfügung zu stellen. Also Arbeitsplätze auf Abruf, die Freien üben eine „Springerfunktion“ aus und werden bei Bedarf gerufen… Der Betriebsrat hält an seinen Forderungen fest: Statt Entlassungen Ausschöpfung aller Formen anderer Beschäftigungsverhältnisse bis hin zu Vorruhestandsregelungen, Altersteilzeit, sonstige Teilzeit-Arbeitsverhältnisse für diejenigen, die das wünschen, und die Erschließung neuer Beschäftigungsverhältnisse zum Beispiel im Online-Bereich. Derzeit werden vom Betriebsrat in Einzelgesprächen die Vorstellungen und Wünsche der Betroffenen ausgelotet.

 

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