Glück&Wünsche

  • 50 Jahre ARD – wir gratulieren. Gäbe es ihn nicht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wir müssten ihn erfinden. Er „bietet….. keine Dienstleistungen, die im Wettbewerb erbracht werden, sondern ein öffentliches Gut, das der Gesellschaft dient und nicht vom Markt generiert wird.“ Die vom Rundfunk hergestellte Öffentlichkeit wäre einförmiger, flacher und langweiliger, gäbe es allein RTL und Kirch, und nicht die öffentlich-rechtlichen Sender, auch in ihrer föderalen Vielgestaltigkeit. Die Tagebücher Viktor Klemperers, Strittmatters „Laden“ oder, ein Beispiel dieser Tage: „Familiengeschichten“ und manches andere mehr finden wir typischerweise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
  • Wir tun daher gut daran, ihn zu erhalten und zu verteidigen. Das mag uns zugleich berechtigen, für die nächsten 50 Jahre einige Wünsche anzumelden. Zum Beispiel: Immer mehr Menschen fühlen sich im offiziellen Politikbetrieb nicht mehr vertreten. Der dramatische Rückgang der Wahlbeteiligung signalisiert mehr als momentane Enttäuschung über die rot-grüne Mehrheit in Berlin. Die Chiffren der täglichen politischen Auseinandersetzung treffen immer weniger die Sorgen und Erwartungen der Menschen. Es tut nicht gut, wenn sich die Haltung der institutionalisierten Ohnmacht – „die da oben machen ja doch was sie wollen“ – verfestigt. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Gründe liegen in der Politik, nicht zuletzt in der Deformation der Parteien, nicht in den Medien.
  • Doch die Medien, vor allem das Fernsehen, sind in diesem Prozess nicht neutral. Sie können ihn aufhalten, aber auch beschleunigen. Aktuell vermitteln sie für viele den Eindruck, selbst Bestandteil des Politikbetriebes zu sein. Themenwahl, Sprache, oft unhinterfragte Verbreitung von Scheinproblemen und virtuellen Lösungen, die Verkündung ideologischer Argumentationsmuster, kurzum, die Distanz zwischen Medien und „den Bürgern draußen im Lande“ scheint größer geworden. Oder, ein unverfängliches Beispiel: Trotz aller Werbung durch Politik und Medien strömen die Bürger nicht zur Expo; könnte es sein, dass sie klüger sind als die Veranstalter?
  • Wenn Politik zur Inszenierung verkommt, muss es ja auch Kanäle geben, um das Schauspiel zu verbreiten. Wie wäre es, neben dem ganz normalen journalistischen Biss, die Alltagserfahrungen, die Nöte, Wünsche und Träume der Menschen fänden in den Medien breiteren Raum? Das gilt beileibe nicht nur für Hintergrundberichte und Magazine, sondern viel mehr noch für die Unterhaltung. „Ein Herz und eine Seele“, „Lindenstraße“ und andere Sendungen sind Belege, dass es geht. Wenn ein Medium dafür Verantwortung trägt, die offizielle Politik gegen den Strich ihrer manipulativen Inszenierung zu bürsten, so der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Er tut es ja auch, nur wünschen wir: vielleicht ein bisschen mehr und konsequenter.
  • Die Situation ist paradox: Wir reklamieren Alltagsnähe in Zeiten, in denen „unverstellte Wirklichkeit“ zum Leitmotiv der Berichterstattung wird, namentlich im Fernsehen. Da werden gute Geschäfte mit Voyeurismus gemacht, Katastrophenbilder finden hohe Preise, der Drang, am Ort des Geschehens zu sein, treibt Blüten. Wenn etwa Geiselnehmer die Öffentlichkeit als Aktivposten ihrer Strategie einkalkulieren, muss man dies nicht gerade unterstützen. Zugegeben, diese Spirale wird von Markt und Konkurrenz getrieben, nicht vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dessen Stärke muss auch morgen darin bestehen, sich diesem Sog zu entziehen. Das Prinzip des gebührenfinanzierten Rundfunks liegt ja gerade darin, den Zwängen der Rendite und der Einschaltquote widerstehen zu können. (Merke: Presse- und Rundfunkfreiheit besteht vor allem in der Freiheit von Konkurrenzzwängen.)
  • Ein dritter Wunsch klingt konservativ, altfränkisch gar. Moderne Gesellschaften tendieren zur Fragmentierung; Zielgruppenorientierung ist die Antwort der Medien. Vermutlich wird man sich dem nur bedingt widersetzen können. Eine andere Fragmentierung dürfte weitergehende Folgen haben: Die Zerstückelung der Zeit. Geschwindigkeit ist ohnehin ein Kennzeichen der Just-in-Time-Ökonomie. Geschwindigkeit bestimmt auch die Erscheinungsform des Rundfunks, die Moderatorensprache, die Bandgeschwindigkeit beim Abspielen der Charts, die Kameraführung, die Bild- und Szenenkürze. Als ob die Sorge dominierte, das Publikum könnte jede Sekunde wegzappen. Das Kontinuum der Zeit und mit ihr die Erinnerung und die gedankliche Ordnung des Geschehens droht sich im Stakkato kurzer Erlebnissequenzen aufzulösen. Dabei wissen wir: Autonomie und Emanzipation gedeihen nicht im Kerker des Augenblicks. Der Mut zur Langsamkeit, das wäre ein weiterer Wunsch.
  • Schließlich eine Erwartung andieIntendantenin ihrer Rolle als Arbeitgeber. Der Rundfunk präsentiert sich täglich in der Arbeit tausender festangestellter und freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Rundfunk setzt Engagement, Kreativität und Freude an der Arbeit voraus. Dies aber hängt nicht zuletzt ganz entscheidend von den Arbeitsbedingungen ab. Auch derer, die freiberuflich arbeiten. Zur Stunde bereitet die Justizministerin die Reform des Urhebervertragsrechts vor. Endlich sollen Urheber einen unabdingbaren gesetzlichen Anspruch auf angemessene Vergütung jeder Verwertung ihrer Werke erhalten; ihre Verbände sollen das Recht haben, Gesamtverträge über die Verwertungsbedingungen durchzusetzen. Müssen wir ausgerechnet Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Reihen der Kritiker antreffen? Dabei waren doch gerade einige ARD-Mitglieder in der Vergangenheit weitsichtig genug, Urheberrecht-Tarifverträge abzuschließen. Ohne akzeptable und auskömmliche Verwertungsbedingungen sind schöpferische Leistungen auf Dauer nicht zu haben. Leben und leben lassen, lautet eine alte hanseatische Kaufmannsweisheit. Wohlan, sie sollte auch im Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und den Urhebern der von ihnen gesendeten Werke gelten.
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