Harte Kerle – schöne Frauen

Ist die patriarchale Film- und Fernsehwelt noch in Ordnung?

Das Thema „Geschlechterrollen in Film und Fernsehen“ scheint sich jetzt auch bei den Medientagen München‘ etabliert zu haben. In diesem Jahr widmete sich die Fachtagung des Forums Medienpädagogik der BLM‘ im Rahmen eines Podiumsgespräches dem Fernsehangebot für Kinder und Jugendliche. Fernsehhelden, was bieten sie? „Vorbilder“, „Abbilder“ oder „Zerrbilder“? Was erwarten Kinder von ihren TV-Helden und – so es sie überhaupt gibt – TV-Heldinnen? Und was bekommen sie? Zuvor hatte die Medienwissenschaftlerin Maja Götz anhand prägnanter Filmausschnitte demonstriert, daß sich bei der medialen Präsentation der Geschlechter – nicht nur im Kinderprogramm – inzwischen doch einiges verändert hat. Was ist neu? Was ist geblieben? Und was vor allem sind die „geheimen Botschaften“, die bewirken, daß uns – trotz aller Neuerungen, weiterhin „harte Kerle“ und „schöne Frauen“ präsentiert werden?

James Bond wundert sich. Miß Moneypenny führt jetzt ein Eigenleben. Nach 35 Jahren und inzwischen achtzehn 007-Filmen darf sie das endlich! Mit ihr haben sich auch die anderen Bond-Frauen, wie Maja Götz aufzeigen konnte, deutlich gewandelt. Während Frauen in den ersten Filmen ausschließlich jung, hübsch und erotisch zu sein hatten und in Gestik, Mimik und Kleidung Schwäche, Verletzlichkeit und sexuelle Verfügbarkeit signalisieren mußten und daher vorwiegend in Bademoden präsentiert wurden, wird die sexistische Komponente solcher Inszenierungen des weiblichen Körpers in den 70er Jahren eher noch verstärkt, so durch die Häufung sexistischer Sprüche, rassistische Zurschaustellung, insbesondere exotischer‘ Frauen, und Betonung des Animalischen‘. Frauen, sagt Bond, verhalten sich in Gefahr „wie jedes schlaue Tier“, sind also Männern unterlegen. Frauen sind Luxusobjekte, wie Diamanten oder Perserkatzen – der Vergleich wird schon im Vorspann von „Diamantenfieber“ eindringlich suggeriert – und demonstrieren, so sie ihn in Massen umgeben, das angenehme Leben ihres Herrn.

Männer dagegen sind relativ alt, tragen in der Regel Maßgeschneidertes, wirken nahezu körperlos und sind beschränkt auf sachlich wirkende Mimik und knappe Gesten. Männer, so Götz, „bedrohen und retten die Welt“ oder helfen anderen Männern bei diesem Werk, zu dessen Durchsetzung sie mit „Weltwissen, Verstand und Waffen“ ausgerüstet sind. Frauen handeln dagegen nur „weisungsgebunden“ bezogen auf den männlichen Helden, sind aber, wenn sie überleben dürfen, nicht standhaft und wechseln die Seiten.

Erst in den 80er Jahren wird den weiblichen Bond-Protagonistinnen mehr Kompetenz zu gebilligt. Miß Moneypenny nimmt nicht mehr nur Anweisungen entgegen und M. ist jetzt eine resolute Frau, „die nicht-erotisierte Mutterfigur“, die sich in der sie umgebenden Männerwelt durchgesetzt hat und diese mit Intelligenz und Wortwitz in Schach hält. Auch die Bond-Gefährtinnen sind jetzt nahezu gleichberechtigte Partnerinnen. Sie können sich eigenständig zur Wehr setzen, sind aber letzlich weiterhin auf Rettung durch den männlichen Helden angewiesen.

Hinzu kommt, wie Götz an Fotos demonstrierte, eine „Verschärfung des Mythos Schönheit'“ durch eine „extreme Verengung der Körperlichkeit“, hin zu einer Schlankheit und Makellosigkeit „jenseits normaler Körperlichkeit“.

Neue Aspekte des Frauenbildes sieht Götz auch in den Terminator-Filmen. Sarah O’Connor wandelt sich hier von der traditionellen zur toughen und schließlich zur kämpfenden Frau, die, selbst zum Terminator geworden, den künftigen Zerstörer der Welt töten will. Im entscheidenden Moment bricht sie aber zusammen, nicht fähig, die Tat auszuführen, weil, so ihre Begründung, Männer es sind, die Kriege machen und Leben zerstören, Frauen aber aufgrund ihrer Gebärfähigkeit Leben zeugen, jedoch nicht auslöschen können. Frauen, so die Botschaft, erkennen und wissen, was zu tun ist, die Durchführung der Aufgabe ist jedoch Männerwerk. Mit dem Verweis auf die Körperlichkeit der Frau wird signalisiert, daß sie „nicht als Individuum handelt, sondern vor allem als Angehörige des anderen Geschlechts“.

Im Kinderprogramm des Fernsehens, das ergab die anschließende Podiumsdiskussion, an der als Fachfrauen u.a. Petra Best vom Münchner Institut Jugend Film Fernsehen und Gitta Mühlen Achs, Psychologin an der Universität München, teilnahmen, sind die aufgezeigten Stereotypisierungen und Klischees womöglich noch eindeutiger und zudem resistenter gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen, als in den Filmen für Erwachsene. Benachteiligt sind vor allem die Mädchen. Sie „haben es schwer, überhaupt eine Heldin zu finden“. Die wenigen weiblichen Figuren, so Best, „dienen nur als schmückendes Beiwerk, sind hilflos, ängstlich oder zickig“. Mädchen im Grundschulalter müssen sich mit weiblichen Tierfiguren, und halben Menschen‘, wie Hexen, Zauberinnen oder Meerjungfrauen begnügen. Heldinnen, wie „Ronja Räubertochter“, die sich nicht unterkriegen lassen, selbstbewußt und eigenständig ihren Weg gehen, sind selten. „An den heroischen Kämpfern für Gerechtigkeit“, die Jungen zuhauf angeboten werden, „können Mädchen, egal welchen Alters überhaupt nichts finden.“

Und das sollen sie wohl auch nicht, denn, so Mühlen Achs, das Fernsehen ist es, das „uns zu Jungen und Mädchen macht“. Das Fernsehen fungiert als Sozialisationsinstanz, liefert Vorbilder und Angebote zur Identifikation. Kinder suchen sich das für sie Passende heraus, überprüfen es auf ihre Tauglichkeit und integrieren es in ihren individuellen Alltag. Mädchen sind hierbei weitgehend auf parasoziale Beziehungen zu männnlichen TV-Helden angewiesen. So lernen sie frühzeitig, „sich in andere hineinzudenken“. Das Fernseh- und Filmangebot „kann nicht losgelöst vom Menschenbild einer Kultur bzw. Gesellschaft behandelt werden“ und damit von den dort herrschenden „Idealvorstellungen von Frauen und Männern, von Weiblichkeit und Männlichkkeit“. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen „Umbruchphase“, in der, wie Mühlen Achs betonte, das „moderne Geschlechterbild“, orientiert am Prinzip der Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung, antritt gegen die zählebigen Alltagsvorstellungen von der „fundamentalen Unterschiedlichkeit der Geschlechter“, vermittelt das mediale Angebot eher rückwärtsgewandte Geschlechterbilder, dient der Verfestigung traditioneller Rollenvorstellungen, die Männer und Frauen als unterschiedliche Wesen nicht nur polarisieren, sondern zugleich hierarchisieren in bedeutsame Männer und weniger bedeutsame Frauen.

So liefert das Medium, insbesondere in seinen Programmen für Kinder, kaum zukunftsorientierte „Vorbilder“ für den Umgang der Geschlechter miteinander, oder gar eine Dekonstruktion der dualen Hierarchisierung hin zu einer Vielfalt gleichwertiger Menschenbilder, sondern allenfalls „Abbilder“ traditioneller Alltagssichtweisen von „richtigen“ Männern und richtigen‘ Frauen, die durchaus als „Zerrbilder“ der Lebensrealität moderner Menschen gesehen werden können.

Was ist zu tun? Der Appell, im Fernsehen differenzierte Rollenbilder anzubieten, war nicht zu überhören. Erforderlich sei es hierbei, sich von traditionellen Vorstellungen im Kopf zu lösen, sich die oft unbewußte Reproduktion gängiger Strukturen, zum Beispiel beim Drehbuchschreiben, bewußt zu machen.

Ansätze für die Darstellung einer größeren Vielfalt an Handlungsmustern gibt es bereits. Zum Beispiel in den Daily soaps, wo Mädchen und Frauen schon zahlenmäßig etwa gleichberechtigt vertreten sind, und – abweichend vom Klischee – selbstbewußt und stark sein dürfen.

Schade, daß das Fernsehprogramm für Erwachsene, wo starke Frauenfiguren keine Seltenheit mehr sind und sie zudem auch noch hohe Quoten bringen, auf der Tagung kaum berücksichtigt wurde. Auch die Rolle der Werbung oder mögliche Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privat-kommerziellen Sendern wurden nicht oder kaum thematisiert. Die Frage Ist die patriarchale Fernsehwelt noch in Ordnung?‘ bleibt also weiterhin spannend.

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