Keine Filme über Arbeit

Ignoranz der Medien gegenüber Themen aus der Arbeitswelt kritisiert

Mit dem Plattmachen von Erwerbsarbeit ges­tern und heute beschäftigte sich ein Filmfestival in der Frankfurter Naxoshalle. Fernsehautoren und Gewerkschafter debattierten die Rolle der Medien in diesem zerstörerischen Prozess. Bereits in den 70er Jahren seien Filme zu diesem Sujet nur schwer an die Öffentlichkeit gelangt. Heute strahle das öffentlich-rechtliche Fernsehen sie nahezu gar nicht mehr aus, so das Fazit. Aus diesem Grund unterstützt ver.di ein weiteres überregionales Filmfestival unter dem Titel „über – arbeiten“.


Die Zeit des Dokumentarfilms über Arbeit, Streik und Werkbesetzungen sei nun wohl endgültig vorbei. Das konstatiert der Sprecher des Festivals, Wolf Lindner, selber Fernsehautor und Dokumentarfilmer. Er kritisiert, dass das Arbeitsgeschehen und erst recht der gewerkschaftliche Kampf im Fernsehen kaum mehr Themen seien – abgesehen von wenigen Kurzberichten in Magazinen und einigen Meldungen in den Fernsehnachrichten. Das Thema Arbeit interessiere offenbar schlicht gar nicht mehr, so Lindner. Beispielsweise habe die IG Bau ihre Streiks 2002 aufgrund des eklatanten Desinteresses elektronischer Medien selbst dokumentieren müssen. Ihren Film „Bambule auf dem Bau“ habe die Gewerkschaft auf eigene Kosten produziert und ans Publikum gebracht, berichtet wurde. Nur auf diese Weise habe die Öffentlichkeit vom Arbeitskampf, von Aktionen und Warnstreiks des ersten bundesweiten Baustreiks bis zur Urabstimmung und Einigung, erfahren können.
Das war einmal anders. Und so widmete sich bei diesem Festival ein interessiertes Publikum, hauptsächlich aus Gewerkschaftern und freien Fernsehautoren bestehend, eine Woche lang täglich in der Frankfurter Naxoshalle einerseits der kri­tischen Betrachtung des historischen Arbeiterfilms, andererseits aber der Kritik der Medien heutzutage. Symptomatisch war allerdings, dass die Veranstalter, die Initiative „Kino im Theater“, ver.di, IG Metall, IG Bau und die DGB-Jugend Frankfurt, enttäuscht registrieren mussten, dass Frankfurter Tageszeitungen und Stadtmagazine, quer durch alle politischen Lager, sich kaum für dieses Sujet interessierten. Sie glänzten durch Abwesenheit.
Die Ignoranz der Medien gegenüber Themen der Arbeitswelt ist ebenfalls Hintergrund für das im Herbst vergan­genen Jahres gestartete Filmfestival „über – arbeiten“ der Gesellschafterkampagne „Aktion Mensch“, bei der ver.di engagiert mitwirkt. Die Initiatoren wollten nicht darauf warten, dass sich die offiziellen Medien endlich wieder diesem Thema widmen. Deshalb präsentieren sie in über 80 deutschen Städten Filmaufführungen zu sozialkritischen Themen. ver.di steht Pate für den Film „Behind the couch“, der sich kritisch mit Casting-Bedingungen in den USA auseinandersetzt. Ziel ist es mit den Bündnispartnern und den Zuschauern über die Arbeitsbedingungen in der deutschen Filmwirtschaft in einen Dialog zu kommen. Wer mehr über das Festival wissen möchte, kann sich im Internet unter http://diegesellschafter.de/filmfestival/ informieren.
In der Frankfurter Naxoshalle wurde die Theorie dazu geliefert, warum solche Alternativen zum Mainstream-Fernsehen so wichtig sind. Getreu des Maßstabs des ehemaligen IG Metall-Vorstandsmitglied Hans Preiss gelte: „Das Wissen über die Geschichte der Gewerkschaften ist der wirksamste Schutz gegen konservative Ideologien: Geschichte ist aktiviertes Gedächtnis“. Diese Funktion erfüllt beispielsweise der in der alten Frankfurter Fabrikhalle gezeigte Film des Dokumentarfilmers und Regisseurs Rolf Schübel „Rote Fahnen sieht man besser“. 1970 lief er in der ARD um 20.15. Die Reportage rückt die einstmals ernüchternd langsame Radikalisierung der Arbeiter ins Bild – bis diese endlich begriffen hatten, dass sie zusammenhalten und sich wehren müssen. Bis heute habe sich erstaunlich wenig verändert, konstatierten die Diskutanten in der Naxoshalle einmütig. Abgesehen davon, dass ein derart politischer Dokumentarfilm kaum mehr zur Primetime, und schon gar nicht in einer Länge von über 90 Minuten ausgestrahlt werde. Fernsehautor Schübel ist unter anderem aus diesem Grund dazu übergegangen, unter anderem Tatorte oder anspruchsvolle Spielfilme wie „Gloomy Sunday“ zu inszenieren. „Das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen ist noch nie auf Seiten der Gewerkschaften und Studenten gewesen“, sagt Schübel. Doch damals sei es nicht möglich gewesen, in den Sendern wie heute „von oben nach unten hierarchisch durchzuregieren“. Als Folge „des Marschs durch die Institutionen“ und der 68er Bewegung habe Herrschaftsausübung weitgehend vermieden werden können. Fernsehredakteure hätten eigenständiger gearbeitet, und sich viel selbstbewusster als heute in ihr Metier kaum hinein reden lassen.

Qualität statt Quote

Die weitgehende Abstinenz der Medien zu dieser Thematik findet Franz Steinkühler, ehemaliger Vorsitzender der IG Metall, geradezu skandalös. Er argumentierte, seiner Kenntnis nach finde hinter den Fabriktoren eine massenhafte Körperverletzung an Arbeitern statt. Viele Menschen würden als Früh­invalide aus dem Arbeitsleben ausgescheiden. Die Gesellschaft müsse die Kos­ten tragen, die für das Sozialsystem entstehe. Darüber werde jedoch geflissentlich hinweg geschaut. Elektronische und Printmedien thematisierten dies nicht ansatzweise. Steinkühler berichtete aus seiner Erfahrung: In den wenigsten Fällen habe eine Werk-Schließung durch den Widerstand der Arbeiter verhindert werden können. Doch für die Psyche sei es allemal besser, kämpfend unterzugehen, so der ehemalige Vorsitzende der IG Metall. Dieter Hooge, ehemaliger DGB-Landesvorsitzender in Hessen, konstatierte, Gewerkschafter müssten bekämpfen, dass die Arbeitgeber sich die Medien immer mehr zu Eigen machten. Die Politik sei auf neoliberalem Kurs, Begriffe würden vereinnahmt. Höchste Zeit sei es, die Definitionsmacht über die Sprache wieder zu erlangen.
Bei der Veranstaltung in der Naxoshalle wurde allerdings auch gewerkschaftsinterne Kritik laut. Gewerkschafter auf dem Podium hätten durch ihre staatstragende Haltung selber zur Schwächung des Widerstands beigetragen, hieß es. Linke und rebellische Geister seien in der Vergangenheit immer wieder aus der Organisation ausgeschlossen worden. Mehrere konkrete Beispiele wurden geschildert.
Die medienkritische Diskussion, müss­te beinhalten, dass nicht nur die Arbeitswelt, sondern bereits ganze Teile der Gesellschaft stillgelegt würden, meinte der renommierte Frankfurter Dokumentar­filmer Martin Kessler, der langjährig für ZDF und ARD tätig war. Derzeit muss er für seine gesellschaftskritischen Dokumentarfilme „Neue Wut“ und „Kick ist like Frankreich“ neue Vertriebswege suchen. „In Anknüpfung an diese Problematik setzen wir uns als ver.di-Landesbezirk Hessen, Fachbereich Medien, schon seit längerem dafür ein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht zum Staatsfernsehen verkommt“, so der zuständige Gewerkschaftssekretär Manfred Moos. Die Meinung des Duisburger Soziologen Juri Hälker, der meint, man müsse sich damit abfinden, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Herrschaftsinstru­ment ist, teile Moos, nicht: „Die Einrichtung gehört den Bürgern im Land und wenn sie sich auf den Weg zum Staatsfernsehen macht, müssen wir sie zurück holen“. ver.di habe deshalb gemeinsam mit der AG Dok und anderen Initiativen den Frankfurter Appell „Qualität statt Quote“ herausgegeben. Darin werden die Entscheider in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aufgefordert, ihren verfassungsgemäßen Bildungs-, Informations- und Kultur­auftrag zu erfüllen. An Rundfunkräte und Medienpolitiker wird appelliert, ihre Kontrollfunktion als Medienwächter schärfer wahrzunehmen. Doch einige Dokumentarfilmer, wie Martin Kessler, sind der Meinung, die Gewerkschaften sollten angesichts der neuen technischen Möglichkeiten, über die Chance nachdenken, einen eigenen Fernsehsender zu initiieren. Gerade im Übergang zum viel preiswerteren Internetfernsehen sei es wichtig, den Erhalt einer kritischen Öffentlichkeit auf diese Weise zu garantieren.

 
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