Kleine Kulturrevolution oder bloss ein Freiburger Schiessen?

Minenhund geopfert – Kritiker bleibt – und die Probleme bleiben auch

Als „Freiburger Schießen“ apostrophierte die nicht eben verlegerunfreundliche FAZ den Vorgang in der Provinz, in Anlehnung an den Ausgang jener Schlacht im nahen Schwarzwälder Hornberg. Währenddessen triumphierten Kulturschaffende und akademische Intelligenz über ihre „kleine Kulturrevolution“ in der Schwarzwaldkapitale. Dann breitete sich Ernüchterung aus. Nicht der als unbequem geltende Theaterkritiker, vielmehr der Chefredakteur mußte gehen, was eigentlich auch niemand wollte. Er hatte den Kritiker zu schassen. Um dies zu vollstrecken, war er auf ein Minenfeld geschickt worden.

Der 53jährige Gerhard Jörder bleibt, ein Journalist von untadeligem Ruf, seit 24 Jahren Feuilletonchef der „Badischen Zeitung“, Mitglied der Jury beim Berliner Theatertreffen. Peter Christ (49) dagegen hat seinen Chefsessel nach nur zweieinhalb Jahren in Freiburg geräumt. Doch die Probleme – ein Sparkorsett und die geplante Entlassung von 20 anderen Redaktionsangehörigen – sind ebenfalls geblieben. Ein neues Dreigestirn an der Spitze des überregional angesehenen liberalen Blattes soll dies nun ausbaden.

Indem man Christs bisherige Vize, den vom „Spiegel“ geholten Rainer Hupe (49) und das Hausgewächs Thomas Hauser (42), neben dem jungen Ressortleiter für Land und Region, Stefan Hupka (42) zum Triumvirat erklärte, spart der Badische Verlag nicht nur ein Topgehalt. Man gewinnt auch Zeit. Denn in Freiburg ist es ein offenes Geheimnis, daß der Aufsichtsratsvorsitzende Adolf Theobald, ein Mann mit Hanse-Connection, auf der Suche nach einem Christ-Nachfolger erneut durch die Lande zieht. Statt badischer Haus- oder auch einer Regionallösung – wie unter der bewährten 25jährigen Führung von Ansgar Fürst – wird abermals großes Prestige angepeilt.

Dies dürfte nicht leicht werden. Der potentielle Nachfolger muß seine Aufgabe nicht nur mit drastischen Sparplänen angehen. Als von außen kommender Macher könnte so jemand abermals auf den Widerstand einer selbstbewußten Redaktion stoßen – und müßte dann ebenfalls damit rechnen, von der Geschäftsleitung alsbald wieder fallen gelassen zu werden. Ob sich unter solchen Voraussetzungen so schnell jemand für ein solches Kamikaze-Unternehmen findet, erscheint fraglich.

Der bislang beispiellose Aufschrei – vom mutigen Protest nahezu der gesamten Redaktion, des Betriebsrats über den Bühnenverein bis hin zu Intendanten -, der nach der Ankündigung von Jörders Entlassung durch die deutsche Presselandschaft ging, zeigt, welcher Nerv hier getroffen wurde. Seitens der Betroffenen – Redakteure wie Kulturinteressenten – ist dies nicht allein mit dem befürchteten Verlust an Qualität oder gar an demokratischer Streitkultur zu erklären. Hier prallten vielmehr Ängste und völlig unterschiedliche Kulturwelten aufeinander.

Wie aber kam es, daß der Badische Verlag glaubte, ausgerechnet auf seinen einzigen „Star“ verzichten zu können? Dies war gewiß nicht nur eine Gehaltsfrage. Daß hinter dem „machtpolitischen“ Konflikt – Jörder schien als Anführer der „Rebellen“ bei der Durchsetzung der Rationalisierungsmaßnahmen im Wege – auch objektive, vor allem wirtschaftliche Gründe eine Rolle spielten, zeigt auch die jüngste Entwicklung anderer Blätter, die wie die „Badische“ mit sinkender Auflage und stagnierenden Anzeigen im Umbruch oder in der Krise stecken. So kippten unlängst auch die Sessel in den Chefetagen der „Schwäbischen Zeitung“ (Leutkirch) und der „Pforzheimer Zeitung“. Beim „Badischen Tagblatt“ (Baden-Baden) mußte der Geschäftsführer nach nur zweimonatiger Tätigkeit weichen. Wie zuvor beim „Offenburger Tageblatt“ oder beim „Schwarzwälder Boten“ wird mancherorts das Chefgehalt gleich gestrichen.

Daß der Fluch der Globalisierung Kaltströme auch ins liebliche Baden aussendet, davon zeugen die immensen Lasten, die der Badische Verlag durch den aus verlegerischer Sicht wohl unumgänglichen Kauf des (zu Herder gehörenden) Knecht Verlages (Frankfurt a.M.), des bisherigen Dritten im Bunde (neben Rombach Verlag und Poppen & Ortmann) zu tragen hat. In der Branche werden Summen zwischen 40 und 60 Millionen Mark genannt. Sonst aber wäre möglicherweise ein Großkonzern in Freiburg eingestiegen.

So sollen nun allein in der Redaktion fünf Millionen Mark jährlich eingespart, Endfünfziger in den Ruhestand komplimentiert werden. Insgesamt stehen laut Gewerkschaft bis zu 30 Stellen auf dem Spiel. Die Antwort auf die besorgte Frage, ob derart rigide Sanierung in unweigerlicher Qualitätseinbuße und schließlicher Entpolitisierung ende, wird die nahe Zukunft geben. Offiziell wird dies vehement bestritten. Die Zeitung bleibe weiterhin offen und kritisch, verlautbarte die Verlagsseite. Allerdings mit dem bedeutsamen Zusatz, daß man künftig mehr „Heimatverbundenheit“ an den Tag legen wolle.

Der bundesweit einmalige Vorgang um einen renommierten Journalisten hat in der soziologisch so untypischen Stadt mit ihren Studenten und Professoren, Beamten und Bildungsbürgern freilich Erstaunliches bewirkt. Vor dem Hintergrund der scheinbar unaufhaltsamen „Ökonomisierung der Gesellschaft“ – so sprach Bühnendirektor Hans. J. Ammann auf der Protestkundgebung des Freiburger Kulturrats vor 300 Intellektuellen und Akademikern -, entdeckte mancher in der gerade 200000 Einwohner zählenden Stadt urplötzlich auch den bislang oftmals unterschätzten Wert „seiner“ Zeitung.

Wenige Wochen zuvor aber, als der Konflikt mit dem vom Hamburger „Manager Magazin“ geholten Christ in der „Badischen“ noch unvorstellbar schien, hatte Jörder selber – Ironie der Geschichte – in seiner Laudatio auf Urs Widmers von der Berliner Jury preisgekröntes Werk „top dogs“ (große Tiere) die seltsam prophetischen Worte auf die „groteske Logik“ eines globalisierten Neo-Manchestertums fallen lassen: „Da müssen Manager nicht nur ihre Untergebenen, sondern am Schluß auch sich selbst entlassen.“ Nur Verleger entläßt man nicht.

 

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