Kultur im Programm der ARD

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss Kulturauftrag und Integrationsfunktion ernst nehmen

„Hörfunk und Fernsehen sind Bestandteil und Vermittler von Kultur zugleich. Insbesondere dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist auch eine ,kulturelle Verantwortung‘ aufgegeben. Er muss gewährleisten, so hat es das Bundesverfassungsgericht beispielsweise 1994 formuliert, ,dass der klassische Auftrag des Rundfunks erfüllt wird, der neben seiner Rolle für die Meinungs- und Willensbildung, neben Unterhaltung und Information seine kulturelle Verantwortung umfasst.'“´1

Mit dieser zutreffenden Feststellung leiten ARD-Medienforscher ihre beeindruckende Bilanz der ARD-Kulturstudie 1999 ein. Sie weisen darauf hin, dass zwischen 1992 und 1998 das Kulturangebot der öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramme deutlich gestiegen ist. Eine ähnlich positive Bilanz konstatieren sie auch für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Quasi als Kontrast dagegen finden sich in der Fach- und Tagespresse sowie Beiträgen von anderen kritischen Medienforschern aber auch immer wieder konkrete Beispiele, die belegen, dass Kulturprogramme eingestellt werden und generell ein „Kulturverfall“ zu beklagen sei.

Auch diese Feststellungen sind zutreffend. Was also ist richtig, wer hat Recht? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Kultur im Rundfunk nicht nur eine Angelegenheit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist. Auch der privatwirtschaftliche Rundfunk ist unter gewissen Konditionen über die sogenannte Drittfensterregelung verpflichtet, Kultur im Programm anzubieten. Hier sieht es ziemlich trübe aus. Doch ist dies ebenso wenig Gegenstand dieses Beitrages wie die Kulturprogramme im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF). Letzteres allerdings unterliegt als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt den gleichen Auflagen wie die Sender der ARD und wird deshalb, wenn es um grundsätzliche Aspekte von Kultur im Rundfunk geht, mit einbezogen.2

Dauerbrenner

Das Thema Kultur im Fernsehen ist nicht gerade ein Dauerbrenner. Mit relativer Regelmäßigkeit steht es jedoch immer wieder auf der Tagesordnung. Entweder wenn bei „Programmreformen“ mal wieder eine Kultursendung gestrichen bzw. neu formatiert werden soll. Oder aber, wenn sich Experten über das Medium und seine Kultur unterhalten. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produzieren ja nicht nur Kultur im engeren und weiteren Sinn, sondern sind auch selbst als Kultureinrichtungen zu betrachten.

Auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung Ende 1977 unter der Fragestellung „(Fernseh-)Kultur am Ende?“ wurde deutlich, dass es sich um einen sehr „dehnbaren Begriff“ handelt. Dort verteidigte ZDF-Chef Stolte das Medium als „eigene Kulturform“ und warnte vor dem Fehler, Kultur nur als „Hochkultur“ zu betrachten. Es habe sich in den Hauptprogrammen eine „Fernsehkultur“ entwickelt, die durchaus eigene Ansprüche habe. Zu dieser Kultur rechnete er den „Fernsehfilm der Woche“ ebenso wie Kulturreportagen oder die Sendung „Abenteuer Forschung.“3

„Quotenkiller“

Der „Bad Guy“ der ARD, für den Kultur ein „Quotenkiller“ ist und der sich selbst als „Lobbyisten für den mainstream“4 bezeichnet, heißt Günter Struve und ist Programmchef der ARD. Im Konkurrenzkampf mit den privat-kommerziellen Programmen legt er den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch gern mal etwas großzügiger aus. Wenn es ihm nicht ins (Programm)Schema passt, muss die Kultur eben statt in der ersten Reihe auf den hinteren Plätzen ihr Auskommen finden. Er hatte z.B. ernsthaft erwogen, die später vielgepriesene Fernsehspiel-Trilogie Der Laden nach dem Roman von Erwin Strittmatter nicht zur besten Sendezeit sondern erst um 23 Uhr auszustrahlen. Mit Erfolg protestierte dagegen u.a. der WDR-Intendant Pleitgen.

Der hatte sich auch dagegen gewandt, dass die ARD Kulturmagazine zugunsten der Talkshow „Christiansen“ auf einen Sendeplatz kurz vor Mitternacht verschoben worden waren. Dagegen hatten auch die IG Medien und der Deutsche Kulturrat seinerzeit scharf protestiert. Der „unsinnige Verdrängungswettbewerb“, so die Mediengewerkschaft, würde frag-los einen großen Teil der Interessierten „weiter ausschließen“.5 Diese wenig erfreuliche Prognose hat sich inzwischen bewahrheitet.

Die Verschiebung der Magazine Kulturweltspiegel, Kulturreport, sowie Titel, Thesen, Temperamente um eine Stunde von 21.45 Uhr auf 22.45 hat die ARD die Hälfte der Zuschauer für Kultur gekostet. Statt durchschnittlich 2,37 Millionen 1997 waren es 1998 nur noch knapp über eine Million, die die ARD-Kulturmagazine am Sonntagabend einschalteten.6 Diese Gruppe der „stark Kulturinteressierten“ kann aber keine ausreichende Legitimation für die Kultur in der ARD darstellen. Auch wenn es richtig ist, dass sogenannte „Minderheitenprogramme“ wie z.B. WDR 3 mit einem Höreranteil von drei Prozent im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW immerhin viele Hunderttausend Zuhörerinnen und Zuhörer erreichen.7

Nachtprogramm

Fakt ist, dass Kultursendungen, wenn sie nicht gleich ganz gestrichen werden, sich zunehmend auf unattraktiven Sendeplätzen wiederfinden oder in den Spartenprogrammen angesiedelt sind. Das „einzigartige Magazin ,Kulturzeit‘ läuft nicht etwa dort, wo es die meisten Zuschauer hätte, also im Hauptprogramm, sondern im öffentlich-rechtlichen Spartenkanal 3Sat, wo es gerade mal 80000 Zuschauer kriegt.“8

Kultur und Bildung auf unattraktive Sendeplätze oder in Spartenkanäle abzuschieben entspricht weder dem Auftrag zur Grundversorgung noch trägt dies der Integrationsfunktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Rechnung. Es ist Aufgabe der ARD-Anstalten und auch des ZDF – trotz des zukünftigen elektronischen Programmführers im digitalen Bouquet – dafür Soge zu tragen, dass Kultur auch einem Massenpublikum im Hauptprogramm an geeigneten Sendeplätzen zur Verfügung steht.

Licht am Ende des Tunnels ist noch nicht auszumachen. Beim ZDF droht das Ende der renommierten Kultursendung Das literarische Quartett. Allerdings aktuell nicht wegen einer entsprechenden Planung der Programmverantwortlichen, sondern wegen der apodiktischen Verdikte ihres Altstars Reich-Ranicki, dessen Unterhaltungswert keineswegs immer mit literarisch zutreffendem Werturteil korrespondiert.

Sparpotenzial

Beim SWR, dem Haussender des amtierenden ARD-Intendanten Peter Voß, steht mit dem Baden Badener Disput eine ähnlich anerkannte Kultursendung auf der Kippe. Weil man sich nicht zuletzt bei der Fusion von SDR und SWF verkalkuliert hat, steht der SWR vor der Notwendigkeit, „Mittel im zweistelligen Millionenbereich umzuschichten.“9 Außer

der Diskussionssendung, die schon am späten Abend angesiedelt ist, stehen weitere Kulturprogramme wie das Geschichtsmagazin Zeiträume und die Sonderberichterstattung zum Stuttgarter Trickfilmfestival auf der Streichliste.

Rück-Besinnung ist angesagt. Gerade im Jubiläumsjahr. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Kulturauftrag und die Integrationsfunktion nicht ernst nimmt, läuft er Gefahr, sich selbst tendenziell die Legitimationsbasis zu entziehen.

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