Operation am offenen Herzen

Mit ALEX fegt ein frischer Wind durch den Offenen Kanal Berlin

Neuer Name, neues Logo und neuer Internetauftritt: Als ALEX setzte der 1985 gegründete Offene Kanal Berlin (OKB) Ende Mai eine Zäsur im Evaluations- und Reformprozess. Sichtbar sind technische Erneuerungen – wie digitale HD-fähige Kameras oder Bildmischer, Anlagen für die digitale Sendeabwicklung. Unverkennbar sind auch Veränderungen im Programm. Über den Neustart von ALEX sprach Helma Nehrlich mit Leiter Volker Bach.

M | Es heißt, mit ALEX werde der verdienstvolle OKB aus der Krise geholt?

VOLKER BACH|  Vor drei, vier Jahren war der OKB nicht mehr zeitgemäß. Die Berliner kannten das Fernsehprogramm – wenn überhaupt – nur als das „mit dem Krisselbild“. 2006 zählte man wohl nur noch rund 270 Nutzer. Die Qualität des ausgestrahlten Programms war umstritten. Zudem ging mein Vorgänger in Pension. All das hat die Medienanstalt Berlin-Brandenburg veranlasst, ihren Bürgerkanal 2006/07 zu evaluieren. Der Medienrat sah ein Potenzial, aber es musste reformiert werden. Im Abgeordnetenhaus wurde das im Februar 2008 dann beschlossen.

M | Was bedeutete das?

BACH |  Das war verbunden mit der Forderung, höhere Ansprüche an Qualität und Inhalte anzulegen, sich neuen Nutzern und Ideen zu öffnen sowie in der Medienlandschaft in Berlin angemessener als regionale Plattform zu agieren. Unser Auftrag ist stärker zweigeteilt. Es geht weiter um die Vermittlung von Medienkompetenz. Wir wollen aber auch besser in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, Kreativität in der Region bündeln. Das hat intern einen Lernprozess und Debatten bedeutet. Wir haben jetzt fast doppelt so viele Mitarbeiter – 13 Festangestellte, etliche Werkstudenten, Projektstellen, neuerdings sogar einen Volontär.

M | Wie läuft der Reformprozess?

BACH |  Quasi als Operation am offenen Herzen. Der Betrieb lief weiter, Neues kam laufend hinzu. Die Atmosphäre hat sich grundlegend geändert. Wir sind offener, transparenter geworden, Erscheinungsbild und Inhalte passen besser zusammen. Die Macher sollen sich wohlfühlen, als Teil einer ALEX-Gemeinschaft. Diesen Gedanken fördern wir sehr – auch indem sich die Produzenten gegenseitig in ihren Sendungen ankündigen.

M | Mit dem Werkstudio kümmern Sie sich um Produzentenfortbildung?

BACH  | Schon vor ALEX gab es sehr gute Programmbestandteile, Formate und Sendungen. Es wurden auch immer wieder Kurse angeboten. Neu ist: Wir bündeln und liefern alles kompakt. Künftig wollen wir für die Qualifikation sogar Zertifikate vergeben. Wir organisieren auch spezielle ALEX Lectures, wo gestandene Profis Wissen weitergeben. Generell wird es im ALEX Werkstudio drei Fortbildungsstufen geben. Das Werkstudio klassik ist bereits eingeführt und bietet das Basiswissen in etwa zehn Einführungkursen pro Monat. In der zweiten Jahreshälfte 2009 gehen wir die nächsten beiden Stufen an, genannt plus und pro. Da werden inhaltliche Gestaltung, spezielle Lichteffekte und ähnliches im Vordergrund stehen, auch Genrefragen etwa beim Hörfunkfeature. In Stufe drei wollen wir Kreativkurse anbieten, wo neue Redaktionsmodelle und ähnliches erprobt werden können – für Radio, Fernsehen oder Web 2.0.

M | Strahlen diese Bemühungen aus bis in die Profi-Medien?

BACH |  Die Moderatorin unserer Sendung „Film gevagued“ etwa wurde kürzlich vom rbb angefragt. Solche „Abwerbung“ wäre für unsere Macher zunächst bitter, entspricht aber genau unserem Konzept als Sprungbrett für qualitativ Gutes, schließlich sind wir gebührenfinanziert.

M | Und wie steht es damit, gutes Altes zu bewahren, aber neue Inhalte, neue Macher aufzubieten?

BACH |  Wir haben inzwischen etwa 580 eingetragene Produzenten. Da sind Gestandene darunter, denen wir jetzt helfen, etwa jahrzehntealte Vorspänne oder die Studiodekoration zu modernisieren. Erste wesentliche Schritte haben wir auf den Mediennachwuchs in Berlin zugetan. ALEX hat sich in allen erreichbaren Ausbildungseinrichtungen vorgestellt und um Mitarbeit geworben. Zugleich wurden im Netz gute Sachen ausfindig gemacht und „Content-Scouts“ in die junge Szene losgeschickt. So stießen wir auf die Musik-Talk-Show „TV Noir“ von Enthusiasten in Kreuzberg, die inzwischen mit unserer Technik aufgezeichnet bei uns gesendet wird – im Fernsehen und im Netz. Auch „Lotte-TV“ entstand so. Und wir kooperieren, etwa mit Festival-TV oder nach wie vor mit Uni-Radio. Das so entstandene Programm – 20 neue Sendungen wurden inzwischen etabliert – muss sich jetzt stabilisieren.

M | Sie haben 3 bis 5 Jahre Zeit zur Erneuerung. Was soll ALEX dann sein?

BACH |  Der Sender für das attraktive Berlin unterhalb der Profi-Ebene. Slogan könnte sein: „Wenn du an Medien in Berlin denkst, sollst du auch an ALEX denken. Wenn du an Bürgermedien denkst, musst du nach Berlin gucken.“ So ehrgeizig sind wir dann schon.

nach oben

weiterlesen

RBB: Neuer Anstrich ohne Vorwarnung

Die Ankündigung kam ohne Vorwarnung. Am 15. Februar erhielten die Redaktionen des RBB-Vorabendprogramms die Hiobsbotschaft: Zum Jahreswechsel 2021/22, so teilte Torsten Amarell, Leiter der so genannten „Contentbox Gesellschaft im RBB“ den konsternierten Mitarbeiter*innen mit, bekomme der Vorabend einen komplett neuen Anstrich. Die bewährten Sendungen „rbb um 6“ und „zibb -zuhause in Berlin und Brandenburg“ werden gestrichen. An ihre Stelle treten „90 Minuten live mit Nachrichten, Ratgeber und einem neuen Talk“.
mehr »

Scharfe Kritik an Plänen zur Fusion von ARD und ZDF

Wenn es nach Teilen der Union geht, könnten ARD und ZDF bald zusammengelegt werden. Künftig solle es nur noch eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt geben, heißt es in einem Papier der Mittelstandsunion. Danach sollen die bisherigen Sender unter einem Dach fusionieren. „Mehrfachstrukturen entfallen“ und weniger Unterhaltung soll angeboten werden. Ver.di kritisierte den Vorschlag scharf, der von Lobbyinteressen geleitet sei.
mehr »

Mediale Streitkultur verbessern

„Deutschland spricht“ heißt die Plattform von Zeit online, die politisch konträr denkende Menschen zum Zwiegespräch zusammenbringt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich ganz bezaubernd mit einem Ex-Neonazi unterhalten kann“, so Chefredakteur Jochen Wegner auf der virtuellen Erlanger Medienethiktagung der DGPuK zum Thema „Streitkulturen“. Die engagierten Diskussionen kreisten um die Rolle von Streit in der Demokratie und wie Medien mit Polarisierungen in aktuellen Diskursen umgehen können.
mehr »

BND-Gesetz muss Quellenschutz sichern

„Das Vertrauensverhältnis von Journalistinnen und Journalisten gegenüber ihren Informantinnen und Informanten muss weiterhin umfassend gewährleistet werden“, fordert ein Medienbündnis im Vorfeld einer Anhörung zur bevorstehenden Neufassung des BND-Gesetzes. Wird der vorliegende Gesetzentwurf ohne Änderungen verabschiedet, drohe „eine Schwächung des rechtlichen Status von Reporter*innen und Redakteur*innen als Berufsgeheimnisträger sowie des Redaktionsgeheimnisses“.
mehr »