Presse-Grosso wieder im Lot

Vertriebssystem bleibt in privatwirtschaftlicher Hand

Eine staatliche Regulierung des deutschen Pressevertriebssystems ist zunächst abgewendet. Sinkende Handelspannen stellen Großhandel jedoch vor wirtschaftliche Herausforderungen.

Die zwischen dem BDZV, dem VDZ und dem Bundesverband Presse-Grosso im Jahre 2004 vereinbarte Gemeinsame Erklärung mit dem Bekenntnis zu den Grundsätzen des Presse-Grosso-Systems bleibt uneingeschränkt Grundlage der Zusammenarbeit zwischen den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen und den Presse-Großhändlern. Damit ist das deutsche Pressevertriebssystem weiterhin in privatwirtschaftlicher Regelung, von einer gesetzlichen Festsetzung wurde Abstand genommen. Die Unterzeichner der Gemeinsamen Erklärung kamen am 23. März 2009 auf Einladung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu einem Gespräch zusammen, das der Evaluation und Aussprache über aktuelle Herausforderungen des Grosso-Vertriebssystems diente.
Vorausgegangen war ein heftiger Konflikt zwischen dem Bundesverband PresseGrosso und Verlagen. Dieser stellt die Gemeinsame Erklärung vom August 2004, in dem sich Verlage und Grossisten zu einem verlagsunabhängigen Pressevertriebssystem bekannten, in Frage. Inhalte des Konfliktes waren zum einen die Handelsspannen-Verhandlungen der vergangenen Wochen, zum anderen die Aufkündigung des Liefervertrages dreier Grossisten durch die Bauer Media Group.

Absenkung der Handelsspannen

Beim Thema Handelsspannen konnte eine Einigung zwischen beiden Konfliktparteien erzielt werden. So hat der Bundesverband Presse-Grosso mit der überwiegenden Mehrheit der auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt aktiven Verlage eine Einigung für einen neuen Konditionen- und Leistungsrahmen für den Vertrieb von Zeitschriften getroffen. Mit dem Axel Springer Verlag erfolgte zudem eine Neuregelung der Vertriebskonditionen für die Bild-Zeitung. Die neuen Konditionen sind zum 1. März in Kraft getreten.
Das Verhandlungsergebnis lässt sich zu drei Kernpunkten zusammenfassen:

  1. Absenkung der Handelsspannen durch die Grossisten zu Gunsten der Verlage im zweistelligen Millionenbereich.
  2. Stärkere Gewichtung der Umsatzkomponente (Umschichtung von Absatz- zur Umsatzbonus- Tabelle).
  3. Die Absatz- und Umsatztabellen werden erstmalig zum 1. März 2010 mit einem Korrekturfaktor von 50% der Marktentwicklung angepasst.

Das Ergebnis ist ein Kompromiss zwischen beiden Parteien in Anbetracht von sinkenden Absatz- und Umsatzentwicklungen. Besonders die Absenkung der Handelsspannen für den Großhandel und die zu erwartende abermalige Korrektur im März 2010 wird kurzfristig zu weiteren Fusionen in der Branche führen und langfristig das gesamte System wirtschaftlich in Frage stellen.
Beim Thema Aufkündigung des Liefervertrages dreier Grossisten durch den Heinrich Bauer Verlag ist hingegen noch kein Ende des Konfliktes zwischen beiden Parteien in Sicht. Zwischenzeitlich hat der Verlag die Belieferung des Einzelhandels durch einen verlagseigenen Großhändler organisiert. Hier bleibt abzuwarten, in wie weit durch das Treffen der Parteien in Berlin die Fronten geglättet wurden, wann und unter welchen Voraussetzungen eine Rückkehr zum gegenwärtigen Pressevertriebssystem erfolgt.
Das deutsche Pressevertriebssystem ist geprägt durch eine Reihe wirtschaftlicher und rechtlicher Besonderheiten. Dazu gehören unter anderem die kartellrechtliche Sonderstellung als Regionalmonopolist mit Alleinauslieferungsrecht, Neutralitätspflicht, Kontrahierungszwang, Remissionsrecht und Preisbindung. Es weist mittelständige Branchenstrukturen auf und stellt damit ein Gegengewicht zu den sich konzentrierenden Medienmärkten im Verlagsbereich dar. Damit soll der ungehinderte Marktzutritt auch für Mittel- und Kleinverlage gesichert werden. Publizistisch sichert das gegenwärtige Pressevertriebssystem also die Meinungs- und Pressefreiheit und schafft eines der vielfältigsten Pressesortiments weltweit.

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