Pro & Contra: Quote

Quote ist eine Chance

Von Jim Rakete | Die laufende Umfrage, die zurzeit im ZDF via Internet läuft, hat es an den Tag gebracht. Eine überwältigende Mehrheit der Hörer möchte mehr aktuelle Musik aus eigenen Landen im Rundfunkprogramm und Fernsehen.

Über sechshundert Musiker, Produzenten, Komponisten und Manager haben sich zusammen getan, um auf diesen bedrohlichen Bestand aufmerksam zu machen. In den öffentlich-rechtlichen Stationen ist der Anteil deutscher Neuvorstellungen bis auf die 1,5 % Marke gesunken, bei den Privaten sogar auf Werte unter einem Prozentpunkt. „Musiker in eigener Sache“ wollen eine sichere Regelung, nach der die neue Musik aus dem eigenen Land eine angemessene Berücksichtigung in den Stationen findet. Das französische Beispiel einer 40 % Quote hat gezeigt, dass diese Maßnahme nicht nur geeignet ist, der Gegenwartskultur wieder einen Platz einzuräumen, sie schafft auch Arbeitsplätze in einem immer stärker globalisierten Markt.

Frankreich ist nur eines von acht europäischen Ländern, das seine kulturellen Interessen durch eine Rundfunkquote schützt. Selbst in England ist eine lebhafte Diskussion über die Quote entstanden.

Zu diesem Thema fand in der letzten Woche ein Hearing vor der Enquete Kommission des Deutschen Bundestages statt. Dabei wurden die Pros und Contras einer solchen Regelung von allen Interessengruppen vertreten. Es wurde deutlich, dass die gängige Praxis der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in krassem Konflikt zum Bildungs- und Informationsauftrag ihrer Statuten steht, sowie bei den Privaten eine Vielfalt der Musikauswahl kaum noch zu hören ist.

Acht von zehn CDs in den aktuellen Verkaufscharts kommen aus Deutschland. In den Radioprogrammen sind sie selten bis gar nicht zu hören. Die betroffenen Sender verweisen gern darauf, dass Musik aus Deutschland nicht populär für ihre Programme sei. Die populärsten Bands dieser Tage aber wurden durch einzelne interessierte Sender zu ihrer Bedeutung „hochgesendet“. So zum Beispiel: „Wir sind Helden“ auf Radio1.

„Musiker in eigener Sache“ wollen in allererster Linie eine Chance für junge Künstler, die vermutlich alle noch gar nicht kennen, weil sie in unseren Radios nicht vorkommen. Eine Musiklandschaft, die sich national abkoppelt von den Neuerscheinungen, und immer weiter Oldies, Schlager, Volksmusik und anglo-amerikanischen Durchschnitt abbildet, wird denkmalhaft erstarren im Gestern.

Ich bin guter Dinge, dass es eine – wie auch immer – geartete Regelung geben wird, die dem Wort der Veröffentlichung ihren Sinn zurückgibt.

Jim Rakete ist Sprecher von „Musiker in eigener Sache“. Der Fotograf hat deutsche Bands wie Nena, Spliff und die Ärzte gemanagt.

Quote ist Quatsch

Von Holger Wenk | Können 600 Musiker irren? Sie können! Medienrechtlich falsch beraten rennen sie wie Computer-Lemminge auf einen Abgrund zu. Hinter dem – suggeriert grüne Politprominenz à la Antje Vollmer – warte das Paradies ungebremster Künstler-Entfaltung: Brücke über den Abgrund sei eine gesetzliche Musikquote für Rundfunksender in Deutschland. Doch Kunst kommt von Können (und fördern), nicht von Quote!

Die ist als Mittel untauglich, wie medienpolitische und -wirtschaftliche Argumente beweisen. Dualer Rundfunk in Deutschland ist (aus historisch guten Gründen und im Gegensatz zum zentralistischen Frankreich und anderen Quotenländern) föderal, staatsfern sowie als Kultur Ländersache. Insofern ist der Bund die falsche Instanz für eine Quotenregelung, verbietet sich ein staatlich verordneter Eingriff dieser Härte. Die Öffentlich-rechtlichen haben mit dem Gebührenprivileg zwar eine Grundversorgungspflicht für alle Bürger. Die grundgesetzlich geschützte Medienfreiheit beinhaltet jedoch Autonomie bei der Programmgestaltung der rund 60 ARD-Wellen. In Rundfunkräten sollen Vertreter aller gesellschaftlich relevanten Gruppen auf Ausgewogenheit und Akzeptanz achten – eben nicht staatliche Quotenkommissare!

Wieso schlägt man überhaupt den Sack (Rundfunk), wenn man eigentlich den Esel (Musikindustrie) treffen will. Die, wird behauptet, sei angloamerikanisch-global unterwandert und vernachlässige deutschsprachige und junge Künstler. Das stimmt so pauschal nicht – eine Halbierung des Umsatzes steckt eben keiner so einfach weg. Dass mit guter Deutsch-Musik weiterhin zu verdienen ist, beweisen die Tonträger-Verkaufscharts.

Aber warum tauchen diese Songs dann so wenig bei den 260 Privatsendern auf? Rein werbefinanziert müssen sie bei Strafe des eigenen Untergangs im jeweiligen Sendegebiet um die Marktführerschaft bei Hörern und Werbekunden kämpfen. Und dabei spielen sie zwangsläufig in eng formatierten Rotationsprogrammen fast nur die Musik, die sich bei Hörertests in der Hauptzielgruppe als mehrheitsfähig erweist.

Derart vernachlässigten Minderheiten – und damit auch den Protestkünstlern – kann nur medial-strukturell geholfen werden: Werden genügend Frequenzen erschlossen und pro Region 10 oder gar 20 werbefinanzierte Sender wie am entwickeltsten Markt in Berlin-Brandenburg zugelassen, suchen sich die Nicht-Platzhirsche ihre Hörer-Nischen, die sie bedienen: etwa mit Rock, Jazz und Schlagern. So wird Einheitsdudelbrei – marktwirtschaftskonform statt staatlich reguliert – durch programmliche Radiovielfalt ersetzt. Zusammen mit Förderung wäre das sinnvoll – ein Quotengesetz ist sinnlos.

Holger Wenk, Medienjournalist und Kommunikationsexperte, ist stellvertretender Beisitzer im dju-Bundesvorstand

 

 

 

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