„Radio Vatikan“ an der Weser?

Neues Radio-Bremen-Funkhaus vor der Eröffnung

Am 26. November weiht Radio Bremen (RB) sein neues trimediales Funkhaus ein – angeblich das modernste Europas. Fast wäre der Festakt durch einen Radiogottesdienst im Neubau flankiert worden, aber Proteste der Grünen und des Personalrats konnten das verhindern.

Die kleinste ARD-Anstalt galt einst als rot gefärbt und wurde deshalb von Schwarzen oder Braunen gerne als „Radio Hanoi“ verunglimpft. Beim Streit um den Gottesdienst brachte ein Leserbriefschreiber einen neuen Spitznamen ins Gespräch: „Radio Vatikan“. Im neuen „Event-Studio“ des Senders sollten die höchsten Kirchenrepräsentanten der Region am Vorabend der Eröffnung des Funkhauses einen Gottesdienst abhalten. Die Idee dazu war bei einem Gespräch zwischen Kirchenvertretern und RB-Intendant Heinz Glässgen (63) entstanden.
Als Erster hatte Grünen-Rundfunkratsmitglied Hermann Kuhn (62) gegen die Pläne protestiert: „Radio Bremen ist kein christlicher Sender.“ Gottesdienstübertragungen seien zwar akzeptierter Brauch, nicht aber ein Einweihungsgottesdienst direkt im Funkhaus. Der wäre mit der „Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht vereinbar“: Während die SPD sich merkwürdig bedeckt hielt, sprang RB-Personalratschef Bernd Graul dem Grünen zur Seite: „Radio Bremen ist eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt und keine Kirche.“
Intendant Glässgen versuchte zunächst, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Inoffiziell ließ er verlauten, die geplante Veranstaltung sei nur ein vom Vormittag auf den Spätnachmittag verlegter Rundfunkgottesdienst, wie er jeden Sonntag aus einer Kirche übertragen werde – nur eben, dass er diesmal ökumenisch sei und im Funkhaus abgehalten werde. Ein Sprecher der evangelischen Kirche bestätigte dagegen, dass sehr wohl „auch der Aspekt der Einweihung mit dabei ist“ und „dass man Gott um seinen Segen für das künftige Handeln bittet“.
Der Intendant wäre der Letzte gewesen, der sich vor dem Segen weggeduckt hätte: Glässgen ist Doktor der Theologie und war 15 Jahre lang Medienreferent bei der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, bevor er 1985 zum NDR wechselte und 1999 die Führung in Bremen übernahm.
Verteidigt wurden die Gottesdienstpläne nur von der Bremer CDU. Sie fand es „besorgniserregend, wenn sich ein öffentlich-rechtlicher Sender dafür rechtfertigen soll, dass er christlichen Grundwerten offen gegenüber steht“.
Am Ende machten die Kirchen aber einen Rückzieher. Sie meinten zwar, sie hätten „dasselbe Recht wie andere Gruppen der Gesellschaft, im Funkhaus präsent zu sein“, doch äußerten sie die Sorge, „dass ein Gottesdienst unter diesen Umständen nicht mit der notwendigen Ruhe gefeiert werden kann“. Deshalb schlugen sie vor, die Veranstaltung in eine benachbarte Kirche zu verlegen. Während Glässgens Kritiker den geplanten Kirchensegen zunächst für ARD-weit einmalig hielten, berichtete die konservative evangelische Nachrichtenagentur „idea“, auch beim MDR sei bei jeder Eröffnung eines Neubaus eine ökumenische Andacht abgehalten worden. „idea“ berief sich dabei auf den früheren MDR-Fernsehdirektor Henning Röhl. Er ist heute Geschäftsführer von „Bibel TV“.

 

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