Realsatire pur

Die Berlinale 2003 gab sich politisch ambitioniert

Towards Tolerance: Das Motto der 53. Berlinale war in aller Munde. Und tatsächlich werden die jüngsten Berliner Filmfestspiele Geschichte schreiben, weil sie in einer angespannten weltpolitischen Lage ein Forum für politische Diskussionen und letztlich für ein kollektives Nein gegen einen Irak-Krieg schufen.

Viele Hollywoodstars nutzten ihre Presse-Auftritte für Kritik an der amerikanischen Regierung, die Bärenvergabe fiel in weltweite Antikriegsdemos und die Jury demonstrierte symbolisch mit, indem sie Michael Winterbottoms semi-dokumentarisches Flüchtlingsdrama „In This World“ zum Sieger kürte.

Das breite politische Interesse auf der Berlinale konzentrierte sich aber ausschließlich auf die Kriegsfrage. Ausgerechnet der brisanteste deutsche politische Beitrag von Andreas Dresen – „Herr Wichmann von der CDU“ – fand kaum Beachtung in der Presse. Das gibt zu denken, denn Dresen ist ja schließlich kein Unbekannter im deutschen Kino. Seine „Halbe Treppe“, für die er den Silbernen Bären erhielt, war der Publikumsliebling der Berlinale 2002. Seine jüngste Dokumentation ist eine brillante Realsatire. Schenkten ihr die Medien so wenig Aufmerksamkeit, weil sie auf die CDU, die jüngst auf den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen große Sympathien zurückeroberte, kein gutes Licht wirft? Umso bemerkenswerter vielleicht, dass der konservative Bayerische Rundfunk, der schon so manche Sendung aus politischen Gründen kurzfristig abgesetzt hat, diesen Film für die Fernsehreihe „Denk ich an Deutschland“ mitproduziert hat.

Arbeitslosigkeit, zusammenbrechende Märkte, Zuwanderung und Politikverdrossenheit: Alle großen Themen klingen an. Und tatsächlich ist Henryk Wichmann aus der Uckermark, Direktkandidat der CDU im jüngsten Bundestagswahlkampf und Protagonist dieses Films, allen Ernstes überzeugt davon, alle wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Diese Selbstgewissheit macht den erst 25-Jährigen, der mit seiner schwangeren Freundin betont familienfreundlich für Werbeaufnahmen posiert, zu einer tragikomischen Figur. Dresen hat Wichmann vor den Bundestagswahlen einen Monat lang durch den entlegenen Nordosten Brandenburgs begleitet. Er zeigt den absurden Kampf um Wählerstimmen inmitten einer weitgehend desillusionierten Gesellschaft. Denn Wichmann, der mit dem Slogan „Frischer Wind bringt Bewegung in die Politik“ von Infostand zu Infostand tourt, Passanten hinterher jagt, Broschüren verteilt, Altenheime besucht und unter dem Parteischirm stürmischen Winden trotzt, weiß letztlich keine Antworten auf die Sorgen und Ängste der Menschen, die sich einem Dialog mit ihm öffnen. Auch Kritik stößt bei ihm auf taube Ohren.

Die Frösche der Grünen

Niemand kann den ehrgeizigen jungen Mann dazu bewegen, seine parteipolitischen Ziele auch nur ansatzweise infrage zu stellen. Beharrlich verteidigt er seine Absichten, gegen die vermeintliche Dominanz des Naturschutzes vorzugehen, die zerschundene Autobahn zu erneuern, Investoren anzulocken, um die Abwanderung der Jugend zu stoppen. Absurd werden die Diskussionen, wenn er sich wieder einmal über die Grünen aufregt, die der Wirtschaft angeblich schaden, weil sie für das Wohl der Frösche eintreten. Überhaupt ist „Herr Wichmann von der CDU“ im Zuge der ungemeinen Blauäugigkeit des Titelhelden voll von Situationskomik.

Am stärksten ist Wichmann bei seinem Besuch im Seniorenheim überfordert. Zwar hört er den Alten zu, aber er ist nicht imstande, sich in Menschen hineinzuversetzen, deren Lebenssituation eine völlig andere ist. „Haben Sie Kinder“, fragt er einen Achtzigjährigen, der traurig ist, dass sich niemand um ihn kümmert. Der Alte schüttelt den Kopf, Wichmann verabschiedet sich hilflos. Unangenehm fällt der Politiker auf, wenn er hinter vorgehaltener Hand vertraulich über „die Ausländer“ spricht, um sich den Menschen populistisch anzudienen oder billige Häme über seine politischen Gegner ausschüttet.

Anstandslos autorisiert

Dabei haut Dresen seinen Protagonisten keineswegs in die Pfanne. Im Gegenteil: Die Konditionen waren überaus fair: Wichmann war sein eigener Regisseur. Er hatte es in der Hand, ständig neue Begegnungen und Situationen zu provozieren. Die ganze Zeit über konnte er entscheiden, ob er gefilmt werden will oder nicht. Dass er von einem solchen Einspruchsrecht keinen Gebrauch gemacht hat, ja diesen Film sogar anstandslos autorisiert hat, macht ihn zwar auf eine entwaffnende Art sympathisch. Aber seine Karriere als Politiker wird dieser Film gewiss nicht fördern.

Towards Tolerance: Da hätte man eigentlich auch erwartet, dass Filmemacherinnen stärker zum Zuge kommen. Tatsächlich fand sich unter 22 Wettbewerbsfilmen nur einer, in dem eine Frau Regie geführt hat. Und auch in der Konkurrenz um den schwullesbischen Teddy-Award ließen sich die wenigen Beiträge, in denen Lesben sichtbar werden, an der Hand abzählen. Dafür ist sicherlich nicht allein das Auswahlgremium verantwortlich, sondern auch die Filmwirtschaft. So hat sich laut einer Statistik des Verbandes der Filmarbeiterinnen (Vefi) die deutsche Filmförderung im Jahr 2001 nur an 121 Frauen- (24,5 Prozent) unter 494 Gesamtprojekten beteiligt. Noch bescheidener fiel das Budget für Filmemacherinnen aus: Nur 19,4 Prozent der Fördergelder kamen ihnen zugute.

 

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