Re:publica TEN: Das Netz offen halten

re:publica-Gründer_innen Tanja Häusler, Johnny Häusler, Markus Beckedahl, Andreas Gebhard (v.l.n.r.)
Foto: Martha Richards

Startschuss für die re:publica. In der Station Berlin am Gleisdreieck feiert das dreitägige Event in diesem Jahr sein zehntes Jubiläum. Grund genug für die Macher einer der weltweit wichtigsten Konferenzen rund um die Themen der digitalen Gesellschaft, einen Blick zurückzuwerfen. Einen Blick auf die Anfänge der re:publica, damals 2007 und noch ohne Internet in der Kalkscheune. Eine Veranstaltung mit einigen hundert Bloggern, die selbst noch nicht so genau wusste, wo sie hinwollte. Entstanden war damals eine Community, als die sich die re:publica noch heute versteht.

Doch mittlerweile hat sich die Nischenveranstaltung mit 8.000 Besuchern und 400 Stunden Programm auf 17 Bühnen zu einer viel beachteten und thematisch breit gefächerten Netzkonferenz gemausert. Die re:publica sei erwachsen geworden, so Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo am Montagabend in seiner traditionellen Ansprache.

Stage 1, die Hauptbühne der re:publicaFoto: Martha Richards
Stage 1, die Hauptbühne der re:publica
Foto: Martha Richards

„Ihr seid die digitale Gesellschaft“

Björn Staschen leitet den Lightning Talk zu Mobile JournalismFoto: Martha Richards
Björn Staschen (NDR/ARD) leitet den Lightning Talk zu Mobile Journalism
Foto: Martha Richards

Um die Community in diesem Kontext am Leben zu erhalten, setzt die zehnte re:publica auf mehr Dialog und mehr Interaktion. Neue Veranstaltungsformate wie die Lightning Talks und die Meetups sollen es den Re:publicanern leichter machen, sich in kleinen Gruppen kennenzulernen, auszutauschen und über ihre Projekte ins Gespräch zu kommen. Ob Mobile Journalism, Counter Speech-Strategien oder Tipps für das #rpTEN-Networking, in lockerer Face-to-Face-Atmosphäre bieten die halbstündigen Lightning Talks eine gute Gelegenheit, nicht nur untereinander, sondern auch mit den Referent_innen ins Gespräch zu kommen.

Ausgebaut wurden auch die re:lax- und Networking-Bereiche auf dem Areal am Gleisdreieck. Die Location und das Flair überzeugen, die Veranstaltungen selbst sind leider häufig überfüllt. Die Schattenseite der zunehmenden Beliebt- und Bekanntheit der re:publica.

Zehn Jahre re:publica – zehn Jahre Netzgeschichte

Die re:publica sei mit der digitalen Gesellschaft gewachsen, auch thematisch. Zehn Jahre re:publica seien zehn Jahre Netzgeschichte, erklärte „Spreeblick“-Bloggerin und re:publica-Mitgründerin Tanja Häusler während der Eröffnungsrunde. Tatsächlich macht die thematische Bandbreite des Programms die Konferenz schon lange nicht mehr nur für Nerds und Netzaktivisten interessant. Das inhaltliche Spektrum reicht in diesem Jahr von Werkstatt-Gesprächen über Techniken und Tools für Journalisten bis zu Vorträgen über juristische Themen wie Social Media-Recht oder Foto-Recht. Die Digitalisierung hat alle Lebensbereiche erfasst. Das Netz ist überall und den Besuch der re:publica kann man sich neuerdings sogar als Bildungsurlaub anerkennen lassen.

Deshalb hebt Markus Beckedahl, Chefredakteur des Blogs netzpolitik.org und ebenfalls im Gründungsteam der re:publica, auch hervor, wie die Netzkonferenz nach zehn Jahren nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt habe, vielmehr angesichts der aktuellen Entwicklungen in der digitalen Gesellschaft relevanter sei denn je: „Seit zehn re:publicas feiern wir das offene Internet, doch das verschließt sich gerade. Unsere Kommunikation wird zunehmend überwacht. Und wir machen uns immer mehr abhängig von immer weniger Plattformen, die uns ihre Regeln vorschreiben. Auf der re:publica werden Strategien diskutiert, wie wir das Netz offen halten können. Denn eine offene Gesellschaft braucht ein offenes Netz“.

Fight for your digital rights!

Fight for your digital rights! Markus Beckedahl auf der re:publicaFoto: Martha Richards
Fight for your digital rights! Markus Beckedahl auf der re:publica
Foto: Martha Richards

Um das Netz offen zu halten, braucht es eine engagierte Zivilgesellschaft, braucht es Menschen, die für ihre digitalen Rechte kämpfen. Beckedahl fordert die Bürger auf, diesen Prozess der Digitalisierung aktiv mitzugestalten und sich für den Schutz der eigenen Privatsphäre und der eigenen Rechte als Verbraucher stark zu machen. Dabei sei nicht nur temporäres Engagement gefragt. Ob Netzneutralität oder Vorratsdatenspeicherung, die netzpolitischen Debatten der letzten Jahre hätten gezeigt, dass es sich um Debatten handele, die immer wiederkehrten. Fundamental sei in diesem Zusammenhang die Schaffung eines Bewusstseins im Netz, das bereits jeder einzelne durch das Treffen einer individuellen Konsumentscheidung beeinflussen könne: Anbieter wählen, die einen adäquaten Datenschutz gewährleisten, Verschlüsselungstechnologien verwenden oder mehr Open-Source-Programme nutzen. Durch die Vernetzung und Bildung von Infrastrukturen im Lokalen sowie das Schmieden neuer Allianzen zwischen gesamtgesellschaftlich relevanten Institutionen und Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften könnten zudem neue gesellschaftliche Mehrheiten für eine Netzpolitik organisiert werden, die die Rechte der Verbraucher an erste Stelle setzt. „Das offene Netz geht alle an“, postuliert Beckedahl und fordert in diesem Zusammenhang nicht nur die Verwendung von einem Prozent des Rundfunkbeitrags für die Finanzierung von Netzprojekten. Schließlich würden unabhängige Infrastrukturen im Netz auch Medienfreiheit und Medienvielfalt sichern. Die öffentliche Hand sei auch in anderen Zusammenhängen gefordert. Die finanzielle Freifunk-Förderung etwa stehe schon jetzt in den Koalitionsverträgen einiger Länder, sollte allerdings, neben der Stärkung weiterer Fördermöglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement, auf allen politischen Ebenen als Standard etabliert werden.

The Fourth Revolution: Edward Snowden auf der re:publica

Erwartungsgemäß überfüllt war das Panel, für das Edward Snowden im Live-Stream aus Moskau angekündigt worden war. Alle, die noch die missglückte Live-Schalte vom letzten Jahr re:publica in Erinnerung hatten, konnten dieses Mal aufatmen. Nach einer Keynote über die ethische Dimension der Digitalisierung durch den in Oxford lehrenden Philosophie-Professor Luciano Floridi erschien der US-Whistleblower auf der Leinwand. In dem etwa 30-minütigen Gespräch, in dem er auch Fragen aus dem Publikum beantworte, erklärte Snowden, dass das Recht auf Privatsphäre im Netz das schützenswerteste Recht überhaupt sei, da sich aus ihm alle anderen Rechte wie Meinungsfreiheit oder Pressefreiheit ableiten würden. So sei etwa die Pressefreiheit ohne die Gewährleistung des Quellenschutzes wertlos. Zwar sei die Digitalisierung, die über alle Grenzen hinweg starke Interessengemeinschaften schaffen könne, als Chance zu begreifen, doch die müssten Bürger versuchen, diese ohnehin unaufhaltsame Entwicklung zu kontrollieren und im Sinne der Gesellschaft zu gestalten. Von den nationalen Regierungen seien hierzu transparentes Handeln und und ein bedingungsloser rechtlicher und gesellschaftlicher Schutz von Whistleblowern einzufordern. Auf die Frage, wer denn nun der größte Feind der Privatsphäre sei, antwortete der im russischen Exil lebende Snowden: Nun ja, Facebook und die großen Konzerne haben zumindest nicht die Macht, die Menschen, die sich für deren Schutz einsetzen, mit Gefängnis zu bestrafen.

Edward Snowden zur Fourth Revolution auf der re:publicaFoto: Martha Richards
Edward Snowden zur Fourth Revolution auf der re:publica
Foto: Martha Richards

Sascha Lobo: Keine Rede zur Lage der Nation

Nachdem er der Community 2014 Versagen und Gleichgültigkeit vorgeworfen und im letzten Jahr gänzlich auf der re:publica gefehlt hatte, war Sascha Lobo am Montagabend zurück und warb in gewohnter Manier für ungewohnten Netzoptimismus. „The Age of Trotzdem“ statt der traditionellen „Rede zur Lage der Nation“. Trotz der Aussichtslosigkeit, „die Überwachungskatastrophe zu überwinden“, forderte er die „digitally lost generation“, also diejenigen, die von Anfang an dabei waren, auf, einen neuen Gesellschaftsoptimismus zu begründen. Denn ja, im Zeitalter der totalen Digitalisierung ist Netzoptimismus immer auch Gesellschaftsoptimismus und umgekehrt. Das Tor sei geöffnet worden, sich dieser Tatsache angesichts der eigenen Macht- und Wirkungslosigkeit – die übrigens auch  Lobo selbst gespürt hat –resigniert zu verschließen, bringe die Gesellschaft keinen Schritt weiter. Die Dinge in die Hand nehmen und mitgestalten, den „mühseligen Beginn eines trotzigen Netzhumanismus“ wagen, gerade weil und trotzdem.

Keine Rede zur Lage der Nation. Sascha Lobo auf der re:publica über "The Age of Trotzdem"Foto: Martha Richards
Keine Rede zur Lage der Nation. Sascha Lobo auf der re:publica über „The Age of Trotzdem“
Foto: Martha Richards

Die Besucher einer der wichtigsten internationalen Netzkonferenzen müssen übrigens ohne WLAN und ohne funktionierendes, weil überlastetes mobiles Netz auskommen. Das von den Veranstaltern zur Verfügung gestellte Netzwerk weigert sich bisher hartnäckig, seinen Dienst zu leisten. Auch eine Möglichkeit, zu den Anfängen der re:publica zurückzukehren. Zu jenen Anfängen 2007, als es auf der re:publica noch kein Internet gab.

Einen Besuch ist sie trotzdem Wert. Auch am zweiten und dritten Konferenztag stehen noch spannende Panels auf der Liste. Auf M Online werden wir unter anderem über den Beitrag der Hans-Böckler-Stiftung berichten, die in diesem Jahr externer Partner der re:publica ist und in zwei Diskussionsrunden der Frage nach der Arbeit der Zukunft nachgehen wird.

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