Schrill, vulgär, pfiffig

Bernd Gäbler: Es gibt immer einen Kampf zwischen Geld und Geist

M | Wie haben Sie 1984 den Start der ersten Privatsender wahrgenommen?

BERND GÄBLER | Damals gab es die Schreckensvision einer „verkabelten Republik“. Es schien als sollten die Bürger, reduziert auf ihre Funktion als Endverbraucher, irgendwelchen Anbietern hilflos wie Marionetten ausgeliefert werden. Daran entzündete sich die Kritik. Das Programm des neuen privaten Fernsehens war zunächst uninteressant.


M | Wie haben die Privatsender den Fernsehkonsum hierzulande verändert?

GÄBLER | Das Privatfernsehen ist ja in Deutschland sehr spät gestartet. Da gab es wohl einen Bedürfnisstau mancher Zuschauer, die sich in ARD und ZDF nicht mehr aufgehoben sahen. Das Privatfernsehen wollte anders sein: laut und schräg, jenen eine Stimme geben, die bis dahin im Fernsehen nicht vorkamen. Es gab Sendungen wie „Tutti Frutti“ oder erste Sexualberatungen mit Erika Berger – das war neu, schrill und etwas vulgär.

M | Eine erfolgreiche Strategie?

GÄBLER | Sie hat dazu geführt, dass RTL in kaum zehn Jahren Marktführer wurde. Das Privatfernsehen konnte sich dann konsolidieren und Programme anbieten, die auf den Mainstream zielen. So entstanden vor allem große, neue Unterhaltungsmaschinen, die nicht unbedingt mehr Pluralismus im Sinne staatsbürgerlicher, vielfältiger Meinungsbildung gebracht haben, aber ein buntes, oft auch überraschendes Angebot für noch mehr Zerstreuung.

M | Welchen Einfluss hatten die Privaten auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten?

GÄBLER | Die Erfolge der Privaten riefen Nachahmereffekte hervor. Zum Beispiel beim Organisationsschema eines Programms, dem so genannten „audience flow“. Die heutigen Tagesprogramme der öffentlich-rechtlichen Anstalten sind letztlich von Vorgaben der Privaten abgekupfert. Das gilt auf jeden Fall für die Serien und Boulevardmagazine an Nachmittag und Vorabend. Die Privaten haben Normen für das Programmmachen gesetzt, denen das öffentlich-rechtliche System oft allzu willig gefolgt ist.

M | Welche von den Privaten eingeführten Formate haben das Fernsehen bereichert?

GÄBLER | Sicher gibt es einige Magazinformate – spiegel-tv und stern-tv – die unterhaltsam wie bereichernd sind. Auch „Wer wird Millionär?“ könnte natürlich prima im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen. RTL hat eine Zeit lang eigene, recht pfiffige deutsche Serien entwickelt. Ich denke an „Nicola“ mit Mariele Millowitsch oder „Ritas Welt“ mit Gabi Köster, in denen sogar ganz zentral das Arbeitsleben vorkam. In der besten Zeit war das die Fortsetzung des traditionellen Volkstheaters mittels elektronischer Medien.

M | Einige Formate wie Big Brother, zuletzt die Dschungel-Show gerieten immer wieder in die Kritik. Bedarf es besonderer ethischer Verhaltens-Kodices für Private?

GÄBLER | Im Mediendiskurs existiert eine eigenartige Schieflage: bei öffentlich-rechtlichen Programmen wird oft über die Quote diskutiert, bei den Privaten über die Inhalte. Eine spezielle Ethik-Debatte ist meist bizarr. Zur Aufsicht reicht das bestehende Recht.

M | Halten Sie die Kritik an den bekannten Container- und Ekel-Formaten für gänzlich unberechtigt?

GÄBLER | Im Gegenteil! Da das Unterhaltungsfernsehen immer auch eine Schule der sozialen Intelligenz ist, es um Normen, Einstellungen, Verhaltensweisen geht, brauchen wir unbedingt kenntnisreiche Kritik. Wenn Dieter Bohlen mit jungen Leuten umgeht wie ein Berserker und sie demütigt, dann muss darüber gestritten werden. Das ist eine genuine Aufgabe der Kritik.

M | Wird die aktuelle Finanz- und Medienkrise das Gleichgewicht – auch in Sachen Qualitätsproduktion – entscheidend zu Lasten der Privaten verschieben?

GÄBLER | Wir sind in einer Krise des werbefinanzierten Fernsehens, nicht im „endgame. In jeder Krise gibt es eine Verzerrung zugunsten der Subventionierten. Zwar ist es höchstrichterlich nicht erlaubt, von der Rundfunkgebühr als Subvention zu sprechen, aber die gesicherte Finanzierung ist schon ein stabiler Rückhalt – und bei den Privaten gibt es größere Verunsicherung.

M | Wie wird angesichts der zugespitzten Marktsituation der Konflikt zwischen Qualität und Quote in der nächsten Zeit gelöst?

GÄBLER | Es gibt immer einen Kampf zwischen Geist und Geld. Und eine stabile Versorgung mit Geld sorgt für Ruhe, die auch Basis für Kreativität sein kann. Auch in Krisenzeiten braucht jeder interessante Angebote, um sich zu profilieren. Ich bin nicht so pessimistisch zu glauben, nur Mist könne überleben. Wir sehen aktuell eine neue Entwicklung: die Sender platzieren ihre Programm-Highlights gegeneinander. Früher ging man sich aus dem Weg. Der Wettbewerb wird härter, das verlangt auch attraktive Programme.

M | ARD und ZDF erreichen seit geraumer Zeit relevante Teile der jungen Menschen nicht mehr. In der Medienpolitik tauchte vor einiger Zeit die Idee auf, die Privaten an den Gebühreneinnahmen zu beteiligen, wenn sie Qualitätsprogramm auch für die Jugend machen. Was halten Sie davon?

GÄBLER | Ich bin ein großer Freund des dualen Systems, am besten mit Systemklarheit. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte werbefrei sein. Damit kann es sich auch partiell von rein quantitativem Druck befreien. Mehr Mut, weniger Opportunismus könnte eine Folge sein. Das würde auch die Bemühungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleichtern, den Generationsabriss zu korrigieren.

M | Aber wie soll das konkret aussehen?

GÄBLER | Das Fernsehen wird die Jugend ohnehin etwas verlieren. Dennoch kann man sich um sie kümmern. Die Frage ist: wie und mit welchem Ziel? Ich glaube an die Bereitschaft vieler Jugendlicher, interessante Programme anzuschauen, an das Bildungsbedürfnis, an Angebote zur Identifikation und Diskussion. Ich habe allerdings den Verdacht, dass in der Gier nach Jugend manche Programmmacher zu sehr auf die Medienplätze schielen, auf denen sich die Jugend ohnehin tummelt. Auf eine Formel gebracht: Ich plädiere für mehr „Neon“ und weniger Bohlen. Das ist zäher, langwieriger, aber auf Dauer auf jeden Fall interessanter.

M | Wie wird das duale System in zehn Jahren aussehen?

GÄBLER | Bin ich Hellseher? Aber relativ sicher ist, dass das Fernsehen als „lean back“-Medium noch eine ganze Zeit Massenmedium bleiben wird. Demgegenüber werden sich die aktuellen Terrainkämpfe im Internet, dieses Abstecken von Claims in Folge des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrags bald als absurd erweisen. Das Netz wird boomen, es wird zahlreiche Sender-Verlags-Kooperationen geben.

M | Und was passiert mit den großen Unterhaltungsdickschiffen wie Sat.1 und RTL?

GÄBLER | Die wird es vermutlich auch in zehn Jahren noch geben. Aber zugleich dürfte die Bedeutung der kreativen Macher, also der Produktionsfirmen wie Teamworx, Brainpool und wie sie alle heißen, im Vergleich zu den Sendern noch zunehmen. Und die Medienpolitik steht vor einer schweren Aufgabe: sie muss ohne inhaltliche Eingriffe unbedingt etwas tun zu Sicherung von Qualitätsmedien – egal ob Print, TV oder Online.

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