Wer küsst schon einen Leguan

Medien-Festival Goldener Spatz in Erfurt und Gera gibt Impulse für den Independent-Kinderfilm

Harry Potter, Tintenherz, Die Wilden Kerle. Diese Filme kennen viele Kinder bereits aus dem Bücherregal. Von den Bestsellern gibt es Fortsetzungen, von den Verfilmungen längst auch. Passend dazu werden T-Shirts, Spiele und CDs verkauft. Die deutsche Fernsehbranche setzt zunehmend auf die bei Eltern und Kindern bekannten, beliebten und vor allem gerne konsumierten Marken. Doch was gibt es sonst noch auf dem Markt für Kindermedien? Zu wenig, fanden die Fachbesucher beim Kinder-Medien-Festival Goldener Spatz, das vom 25. April bis zum 1. Mai in Gera und Erfurt stattfand.

Lennart ist vier Jahre alt und kann abends manchmal nicht einschlafen, so viele Gedanken kreisen ihm im Kopf herum. Dann nimmt er sein Bett und stellt es auf eine Wiese im Grummeltal. Wenn es unter den grummelnden Bewohnern mal Streit gibt, dann ist es Lennart, der schlichten kann. Das hilft ihm, das Erlebte vom Tag zu verarbeiten. So wie er flüchtet sich so manches Kind in seine eigene Phantasiewelt. Mit dem kleinen Jungen könnten sich Kinder gut identifizieren. Und doch ist Lennart ein dünnes Strichmännchen, gezeichnet von Judith-Ariane Kleinschmidt. Ihre Figur und dessen Geschichte als Vorlage für eine Fernsehanimationsserie hat sie am Festival-Donnerstag der Öffentlichkeit präsentiert und dafür den Förderpreis der Mitteldeutschen Medienförderung erhalten. Ihr Konzept ist ein Resultat der diesjährigen vierten Akademie für Kindermedien, an der Autorin und Lektorin Kleinschmidt in den vergangenen sechs Monaten teilgenommen hat. Nun hofft sie, dass sich weitere Förderer und Geldgeber finden, mit denen sich Lennart zum Leben erwecken ließe:
Das ist auch das Ziel der Akademie für Kindermedien, bei der sich jährlich junge Autoren über mehrere Monate treffen, um ein Drehbuch für ein junges Publikum zu entwickeln und markttauglich zu machen. Die Idee für eine der Gruppen „Spielfilm“, „interaktive und crossmediale Inhalte“ oder „Animationsserie“ bringen sie selber mit, die meisten Teilnehmer arbeiten ohnehin bereits im Filmbereich. Während der Akademie werden sie von Praktikern aus der Branche begleitet. Dabei werden spezielle Erzähltechniken ebenso vermittelt, wie Kenntnisse des Kinderfilm- und Fernsehmarktes oder Improvisationsmethoden. Am Ende steht das Pitching vor potentiellen Auftrag- und Geldgebern während Deutschlands größtem Kinder-Medien-Festival in Erfurt.
In diesem Jahr liefen dort in 13 Wettbewerbsprogrammen 38 Filme und Fernsehbeiträge. In der Kategorie „Bester Kino-/ Fernsehfilm“ zeichnete die Jury des jungen Publikums „Wickie und die starken Männer“ von Bully Herbig mit dem Goldenen Spatz aus. Daneben gab es einen Wettbewerb für Internetseiten und Onlinespiele sowie ein medienpädagogisches Programm. Festival und Akademie, beide in Erfurt ansässig, sind auch sonst eng aneinander gekoppelt. So übernimmt Festivalleiterin Margret Albers gleichzeitig die Studienleitung der Akademie u.a. neben Thomas Hailer. Beide sind im Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V. und hoffen nicht zuletzt, dass Projekte ihrer Akademie-Teilnehmer irgendwann selbst beim Goldenen Spatz laufen. „Wir haben gemerkt, dass neben der Verfilmung großer Marken kaum andere Projekte auf dem deutschen Kinderfilmmarkt umgesetzt werden“, sagt Hailer. „Deshalb wollten wir junge Autoren unterstützen, aber nicht nur mit Geld. Die Akademie soll ein Instrument zur Stoffentwicklung sein.“ Die Ideen würden innerhalb der Gruppe bis zur Drehreife ausgearbeitet und verfeinert, was ein Autor alleine oft nicht leisten könne. Das kann auch Judith-Ariane Kleinschmidt bestätigen: „Ich habe ‚Lennart im Grummelland’ ursprünglich im Spielfilmformat eingereicht und bekam dann von der Akademie die Anregung eine Serie daraus zu machen, was natürlich eine Menge am Projekt verändert hat.“ Mit diesem Know-How ist die Akademie die einzige ihrer Art in Deutschland, nur auf europäischer Ebene gäbe es mit „PRIME 4Kids&Family“ eine ähnliche Institution, so Hailer.
Auch Produzent Philipp Budweg nutzte die Gelegenheit, sich die Präsentation der diesjährigen zwölf Akademie-Absolventen anzusehen. Dabei geht es ihm nicht vorrangig um die Konzepte, sondern um talentierte Persönlichkeiten: „Manchmal interessiert mich einfach der Autor, mit dem ich erstmal einen anderen Film produzieren würde, bevor wir das Drehbuchmanuskript der Akademie wieder aus der Schublade hervorholen.“ Momentan arbeitet er an dem Film „Wintervater“, dessen Autorin Michaela Hinnenthal 2003 mit dem dazugehörigen Drehbuch ebenfalls die Akademie durchlief. Budweg produzierte mit seiner Münchner Firma „schlicht und ergreifend Film GmbH“ schon den Kinderfilm „Blöde Mütze!“. Seine Erfahrung ist: „Es gibt ja Kinder, die fragen immer schon nach dem zweiten Teil. Von ‚Blöde Mütze’ wird es keine Fortsetzung geben, aber trotzdem hat der Film gezeigt, dass solche Geschichten auch bei jungen Zuschauern gut ankommen.“ Geschichten wie die des 13-jährigen Martin, der wegen seiner Mütze von seinen Klassenkameraden in der neuen Stadt gehänselt wird, aber unbedingt mit der gleichaltrigen Silke befreundet sein möchte. Oder die Erzählung der deutsch-polnischen Produktion „Wintervater“, bei der die 11-jährige Kattaka zusammen mit der 75-jährigen Lene nach Polen reist, auf der Suche nach ihrem Vater. Für Thomas Hailer haben es solche originären Stoffe in Deutschland nicht leicht: „Vor etwa zehn Jahren hat man angefangen, bekannte und beliebte Kinderbuchromane z.B. von Erich Kästner oder Cornelia Funke zu verfilmen. So etwas verspricht natürlich Erfolg. In der Branche gibt es seitdem kaum Selbstbewusstsein, eigene, also originäre Geschichten umzusetzen.“ Auch wenn es immer wieder Ausnahmen gäbe. So wurde beispielsweise der Kinderfilm „Wer küsst schon einen Leguan“ 2004 für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Auch er entstand während einer Akademie. Während man sich bei Erwachsenenproduktionen darüber einig sei, jedes Jahr eine Mindestanzahl von Arthouse-Filmen zu produzieren, fehle laut Hailer eine ähnliche Übereinkunft für Kinderfilme.
Zu den Leidtragenden dieser Missgunst gehören auch die Absolventen der Akademie für Kindermedien, die aufgrund der schlechten Marktlage auch nach der Fortbildung vernetzt bleiben. Drei von ihnen, darunter Simone Höft, haben deshalb im Februar dieses Jahres die Initiative „Filmotter“ (filmotter.org) gegründet. Der Otter als vom Aussterben bedrohtes Tier wurde als Pate gewählt, weil es eine Filmvielfalt für Kinder in Deutschland praktisch nicht gäbe. „Man steckt so viel Herzblut in einen Stoff, obwohl man eigentlich weiß, dass er keine Chance hat. Darüber haben wir viel diskutiert“, sagt die freie Kinderfilmautorin Höft. „Aber natürlich lässt sich kein Sender von uns unter Druck setzen.“ Deshalb versuchen die Initiatoren nun mit einer Unterschriftenaktion für ihr Ziel zu werben: die Herstellung von fünf Independent Kinderfilmen pro Jahr. Wie viele es derzeit sind, sei schwer zu sagen, so Simone Höft, aber sie schätzt, dass es 2009 nicht einen einzigen gab. Anke Engelke oder Christoph Maria Herbst haben schon auf der Liste im Internet unterschrieben. Auch Eltern sollen sich dafür einsetzen können, dass ihre Kinder, unabhängig von Bestseller-Literaturvorlagen oder erfolgreichen Fernsehfiguren, gute Geschichten zu sehen bekommen. Obwohl nicht garantiert ist, dass die Initiative genügend Anklang bei den Verantwortlichen findet, gibt es Unterstützung, u.a. vom Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V. Auch Produzent Philipp Budweg findet: „Es braucht mehr Referenzwerke für gute Independent Kinderfilme“. Eine Vorlage dafür hat er mit „Blöde Mütze!“ schon geliefert, auch wenn er mit seiner Produktionsfirma erst kürzlich selbst die Verfilmungsrechte für den Jugendbestseller „Rubinrot“ erworben hat, also auf ein Erfolgsmoment setzt.
Auch die Filmemacherin Leontine Petit schätzt den Markt für Independent-Kinderfilme in ihrer Heimat rosiger ein als in Deutschland: „Der Niederländische Filmfonds fördert mit der Initiative ‚Cinema Junior’ unsere Autoren, damit sie eine unverkennbare Handschrift bekommen“, sagt die Mitarbeiterin von „Lemming Film“, die sich auf Arthouse- und Kinderfilme spezialisiert hat. In einem Werkstattgespräch im Rahmen des Goldenen Spatz stellte Petit die niederländisch-belgisch-deutsche Co-Produktion „Tony Ten“ zusammen mit Maike Martens der Leipziger „ma.ja.de Filmproduktions GmbH“ vor. In diesem Sommer wird die Geschichte rund um Erfurt gedreht. Darin geht es um Tony, dessen Eltern kurz vor der Trennung stehen und der glaubt, die neue Geliebte seines Vaters sei die Königin, denn die hängt ja schließlich als großes Bild in dessen Ministerbüro. Für Leontine Petit vereint diese Geschichte all jene Dinge, die einen guten Kinderfilm ausmachen: „Eine originäre Story braucht einen guten Aufhänger, bei dem sich auch Eltern angesprochen fühlen, sich zusammen mit ihren Kindern vor den Fernseher zu setzen.“
Mit ihrer Erfahrung unterstützte die niederländische Produzentin auch den aktuellen Jahrgang der Akademie für Kindermedien. Davon profitierte z.B. auch Natascha Bub, die für die Gruppe Spielfilm die ungewöhnliche Geschichte des 16-jährigen Julius schrieb, der den Unfall seines Freundes aufdecken will und dabei sowohl in den Sog einer Sekte gerät, als auch erste Erfahrungen mit Homosexualität macht: „Ich hab mich lange mit diesen Themen auseinandergesetzt und daran gearbeitet, wirklich die Perspektive des Jungen einzunehmen. Das ist es, was wir auch in der Akademie gelernt haben: Nicht über Kinder berichten, sondern aus ihrer Sicht erzählen.“ Nach dem Pitching haben sich erste Interessenten gemeldet. Vielleicht also wird diese Geschichte zu einem Independent-Kinderfilm der nächsten Jahre.

 

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