Zeitungskampf in der Hauptstadt

Einstweilige Verfügung vom Ullstein Verlag gegen Gratis-Zeitung „15 Uhr Aktuell“ erwirkt

Die Hauptstadt ist ein heiß umkämpfter Medienstandort: An der Spree konkurrieren alleine acht Tageszeitungen um die Gunst der Leser. Seit kurzem gibt es außerdem zwei Newcomer, die ab 15 Uhr den Markt um Nachmittagszeitungen ergänzen.

Seit 1. September erscheint vom Hamburger Spiegel-Verlag eine acht-seitige Tageszeitung für eine Mark – über deren Sinn und Zweck sich selbst gut informierte Medienfachleute im Unklaren sind.

Der zweite Streich folgte sogleich. Kaum ist der Bonner Zeitungskongreß beendet gewesen, auf dem über die Gefährdung von Arbeitsplätzen und die gewachsenen Zeitungsstrukturen durch kostenlose Zeitungen gestritten wurde, kam am 26. Oktober in Berlin die erste kostenlose Tageszeitung auf den Markt: „15 Uhr Aktuell“ ist eine 16seitige, durchgängig farbig auf Zeitungspapier erscheinende Publikation in einer Startauflage von 100000 Stück.

15 gelernte Redakteure offerieren in kurzen Texten – Länge maximal 60 Zeilen bei 30 Anschlägen – Info-Happen für den hektischen Großstadtmenschen. Klassisch ist das Blatt unterteilt: Die Titelseite gehört den wichtigsten Meldungen aus Politik, Wirtschaft und Sport. Es folgen die Ressorts Länder, Berlin (nur eine Seite), Politik, Freizeit, Aus aller Welt, in der Mitte gibt’s auf der Doppelseite täglich eine Fotoreportage; es folgen Fernsehprogramm, Wetter mit Horoskop, je eine Wissenschafts- und Wirtschaftsseite sowie zwei Sportseiten. Das Artikelmaterial wird von den Agenturen ADN, Reuters, VWD und dem Sport Informations Dienst bezogen; außerdem, so Chefredakteur Hans-Peter Theurich, werde im Internet nach Informationen recherchiert.

Mit der Nachmittagsgazette will Redaktionsleiter Theurich „knappe Informationen in übersichtlicher Form bieten“. Trotz des Straßenvertriebs sei seine Zeitung „kein Boulevardblatt“. Das Spiegelorgan „Der Tag“ (5000 Stück), das in Berlin und Hamburg gekauft werden kann, sei keine Konkurrenz, so Theurich.

Das Vorbild für die kostenfreie Zeitung der Jungverleger Robert Sidor und Michael Bielski, die weiterhin ihre mittelständischen Unternehmen im Computer- und Drucktechnikbereich betreiben, kommt aus Schweden; in Stockholm; wird seit 1995 die Tageszeitung „Metro“ mit der zweithöchsten Auflage (250000 Exemplare) der schwedischen Hauptstadt in den U-Bahn-Stationen unter die Leute gebracht. Vor drei Jahren gab es in Berlin den ersten Versuch einer kostenfreien Tageszeitung, die allerdings durch den Springer-Verlag prompt eine Einstweilige Verfügung erhielt. So nun auch die „15 Uhr Aktuell“: Am 30. Oktober wurde auf Antrag der Ullstein GmbH, einer 100prozentigen Tochter des Axel-Springer-Verlags, und des Vereins der Berliner Zeitungsverleger dem „15 Uhr Aktuell Verlag“ durch die Kammer für Handelssachen des Landgerichts Berlin der Vertrieb untersagt. Begründung: „Unter Berücksichtigung der besonderen Nachahmungsgefahr bei Gratis-Zeitungen ist hier eine nachhaltige Gefährdung der unabhängigen Presse nicht von der Hand zu weisen.“ Die kostenlose Verteilung der Zeitung verstoße unter dem Aspekt der Marktverstopfung gegen die guten Sitten des Wettbewerbs. Seitdem erscheint die Nachmittagszeitung mit den Zusätzen „Preis 20 Pfennig“ und „Kostenloses Probe-Exemplar“.

Man darf gespannt sein, wie dieser Zeitungskampf ausgeht. Denn der Springer-Verlag hatte bereits im Februar eine empfindliche Schlappe hinzunehmen: Das Karlsruher Oberlandesgericht gestattete der „Zeitung zum Sonntag“ (ZuS) in Freiburg die kostenlose Verteilung.

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