Ausstand bei Le Monde

Streichmaßnahmen bedrohen auch die Unabhängigkeit der Zeitung

„Il est cinq heures, Paris s’éveille“. In diesem Jacques Dutronc-Song der 60er Jahre spielen die Zeitungen noch eine große Rolle: „Les journaux sont imprimés“. Paris erwacht um 5 Uhr und die Zeitungen sind gedruckt. 2008 können sich Frankreichs Zeitungsleser da nicht mehr sicher sein. Gleich zwei Mal in einer Woche ist die französische Aushängezeitung Le Monde nicht erschienen. Der Grund: Am 4. April legte die Leitung der Verlagsgruppe Le Monde (1.600 Beschäftigte) einen radikalen Sanierungsplan vor.

130 Arbeitsplätze sollen wegfallen, alleine 90 in der Le Monde-Redaktion. Nach Auflagedurchhängern kommt Le Monde zwar wieder auf eine Auflage von 354.000 Exemplaren, aber der Gesamtkonzern machte im vergangenen Jahr 20 Mio. Euro Minus, bei derzeit 150 Mio. Euro Schulden. Bis 2010 sollen wieder schwarze Zahlen her. Bereits vor zwei Jahren hatte der Verlag Streichmaßnahmen durchgeführt. In Redaktionen und Druckerei fielen 200 Arbeitsplätze weg, 2007 wurden zahlreiche Regionalzeitungen verkauft. 2008 ist der Verkauf der Publikationen Cahiers du Cinéma und Danser, der Buchhandelskette „La Procure“ und des Kinderzeitschriftenverlags „Fleurus Presse“ geplant. 170 Arbeitsplätze sollen so eingespart werden. Mit 364 Ja- zu 69-Nein-Stimmen beschloss die Generalversammlung der Beschäftigten daher den Ausstand. Es handelt sich um die ersten Streiks in eigener Angelegenheit. 1976 hatten die Journalisten der 1944 gegründeten Le Monde bereits einmal „solidarisch“ gestreikt: Es ging um die Übernahme der Zeitung France Soir durch die Mediengruppe Hersault (Le Figaro).
Das Le Monde-Finanzloch ist die Folge von fragwürdigen Entscheidungen der Vergangenheit. Das Verlags-Führungsduo Jean-Marie Colombani und Alain Minc kaufte massiv Zeitungs- und Magazintitel ein. Zur Finanzierung holte es neue Aktionäre wie den spanischen Prisa-Verlag (El País) und den französischen Rüstungs- und Medienkonzern Lagardère (17 Prozent) ins Haus. Colombani und Minc mussten den Hut nehmen.

Rettung durch hartes Vorgehen

Neuer Verlags-Boss wurde zögernd der 48 Jahre alte Le Monde-Redaktionsdirektor Éric Fottorino, der mit hartem Vorgehen Le Monde retten will. Dabei könnte auch das Selbstbestimmungsmodell der Zeitung vor dem Aus stehen. Bislang verfügen die Journalisten zusammen mit zwei verbündeten Aktionärsvereinen über die Mehrheit der Stimmrechte. Die „Société des rédacteurs“ kommt alleine auf 29,58 Prozent. Dies garantierte der Zeitung redaktionelle Unabhängigkeit.
Mit dem Rüstungs- und Medienkonzern-Chef Arnaud Lagardère ist ein enger Freund von Staatschef Nicolas Sarkozy bereits im Le Monde-Boot. Lagardère entließ kurzerhand den Chefredakteur der Illustrierten Paris-Match. Dieser hatte ein Bild von Cécilia Sarkozy mit ihrem Geliebten veröffentlicht. Minc, der bei Le Monde jahrelang die Fäden zog, machte aus seiner Sarkozy-Unterstützung keinen Hehl und musste auch aus diesem Grund seinen Chefposten im Aufsichtsrat räumen.
Le Monde ist sicher kein Einzelfall. Zuletzt erschien die Sonntagszeitung Le Journal de Dimanche (JDD) wegen eines Streiks der Redakteure nicht. JDD wurde 1948 als Sonntagsausgabe der Tageszeitung France Soir gegründet. Sie erscheint seit 1976 als selbständige Wochenzeitschrift mit 52 Ausgaben pro Jahr. Auflage 2005: 263.208 verkaufte Exemplare, mit einer Reichweite von 1.151.000 Lesern. Die Lage bei der Zeitung Libération ist ähnlich. 70 Stellen stehen auf der Streichliste. Libération entstand im Frühjahr 1973 als Sprachrohr der französischen 68er-Bewegung und der Neuen Linken. Mitarbeiter waren unter anderem Michel Foucault und der Zeitungsgründer Jean-Paul Sartre. Zwischen 2000 und 2004 verringerte sich die Auflage von 161.000 auf 139.000 verkaufte Exemplare. Mitte September 2006 wandte sich die Libération mit einem eindringlichen Finanz-Hilferuf an Aktionäre und Leser: „Mit Ihnen wird die Libération leben. Ohne Sie hat sie weder Grund zu existieren, noch jeden Tag zu erscheinen.“
Das Internet und die französischen Gratiszeitungen, die morgens und abends in vielen Großstädten verteilt werden, sind letztlich für die Krise in Frankreichs Zeitungslandschaft verantwortlich. Die Gratiszeitung 20 Minutes ist in Strasbourg in kurzer Zeit zum Standardblatt vieler Berufspendler geworden. Die Gratisblätter erreichen mittlerweile so viel Auflage wie die traditionellen Zeitungen. Zwei der Gratiszeitungen gehören übrigens dem französischen Mischkonzern Bolloré. Er finanziert ab und zu Präsident Sarkozy den Urlaub. Sarkozy-Freund Bernard Arnault, Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH, hat gerade gegen heftigen Redaktions-Widerstand die Wirtschaftszeitung Les Échos gekauft. Sakrozy Vertrauter Arnaud Lagardere ist Chef des gleichnamigen Rüstungs- und Medienkonzerns und damit Airbus Anteilseigner, über eine Beteiligung am französischen Medienkonzern „Amaury“ beim Radsportspektakel le Tour de France dabei und er besitzt Le Figaro.
Vor diesem Hintergrund befürchten nicht nur viele Franzosen, dass die Kürzungen bei Le Monde das Ende für eine der letzten Bastionen der „unabhängigen Regierungskritik“ bedeuten könnten. Die Le Monde-Redakteure stehen jetzt vor dieser Entscheidung: Blockieren sie den neuen Sparkurs, wäre eine Kapitalerhöhung unumgänglich, bei der Arnaud Lagardère den Hauptanteil beanspruchen wird. Die „Société des rédacteurs“ verlöre damit ihre die Unabhängigkeit verbürgende Stimmenmehrheit.

nach oben

weiterlesen

Estland: Offenes WLAN auch im Wald

Ein Internetanschluss gilt als Grundrecht, den Breitbandzugang sichert die Verfassung des Landes. Offenes WLAN gibt es nicht nur in der Hauptstadt Tallinn. In den kleinsten Dörfern wird digital agiert, selbst in den estnischen Wäldern kann man mit Netz rechnen. Das baltische Land verspricht eine WLAN-Abdeckung von 99 Prozent. Mit 1,4 Millionen Einwohnern ist Estland gerade so groß wie München, vom dortigen Digitalisierungsniveau kann man in Deutschland nur träumen. Doch noch nicht alles läuft rund im Digitalstaat Estland.
mehr »

Die dju – ein Angebot zur Mitgestaltung

Mit dem neuen Jahrtausend kam auch für die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di einiges an Neuem. Noch bevor sie ihren 50. Geburtstag feierte, knackte sie im Jahr 2000 die 20.000-Mitglieder-Marke. 2001 kam ver.di und die dju feierte ihr halbes Jahrhundert im Retro-Look im Kölner Gürzenich. Zur 60-Jahr-Feier waren die Kolleginnen und Kollegen von Rundfunk, Fernsehen und audiovisuellen Medien in der neuen Fachgruppe Medien mit dabei. Und nun, zum 70. Geburtstag, steht der dju in ver.di wieder etwas Neues ins Haus: Ein Feiertag in Pandemiezeiten.
mehr »

Aus für Freelancer in Presse und Kultur

Clasificador Nacional de Actividades Económicas (CNAE), Register für ökonomische Aktivitäten, heißt die Liste mit 2110 Tätigkeiten, die in Kuba seit dem 5. Februar für die freiberufliche Arbeit erlaubt sind. Eine Reform mit revolutionärem Potenzial, denn bislang durften nur 127 Berufe selbständig ausgeübt werden. Auf der vier Tage später erschienenen Verbotsliste sind jedoch jedwede freiberufliche Presse-Arbeit sowie etliche Berufe in der unabhängigen Kunstszene der Insel aufgeführt.
mehr »

Schon entdeckt? Qamar

Es sei „höchst an der Zeit mit, statt über Muslim*innen zu reden“, findet Muhamed Beganović. Die übliche Medienberichterstattung sei „reißerisch und eng fokussiert auf Themen wie Terror, Ehrenmord, Clan-Kriminalität oder die Kopftuch-Debatte“. Er hat mit Qamar (arabisch: Mond) deshalb ein neues, ästhetisch ansprechendes Gesellschafts- und Kulturmagazin von Muslim*innen für Muslim*innen gegründet. Es richtet sich an junge Leser*innen zwischen 15 und 35 Jahre im deutschsprachigen Raum und soll vor allem eines: Inspirieren.
mehr »