Abschiedsbrief ohne goldenen Handschlag

Tausende Arbeitsplätze betroffen – Mitsprache in Auffanggesellschaft gefordert

Für die Beschäftigten des weit verzweigten Kirch-Imperiums hat spätestens nach dem Insolvenzantrag der KirchMedia das Bangen um die Arbeitsplätze begonnen. Die Betriebsräte der Kirch-Unternehmen fordern die umgehende Beteiligung von Gewerkschafts- und Belegschaftsvertretern bei der Ausgestaltung einer Auffanggesellschaft.

„Es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen“ schrieb Leo Kirch an die „lieben Mitarbeiterinnen“ und „lieben Mitarbeiter“, ehe er sein Firmenkonglomerat den Insolvenzmanagern überließ. Die Betroffenen dürften den „Abschiedsbrief“ ihres einstigen Bosses mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen haben. Denn im Gegensatz zum Firmengründer erwartet sie kein goldener Handschlag. Für viele der nahezu 9500 Beschäftigen und Tausende von freien Mitarbeitern beginnt jetzt eine Phase der Unsicherheit. Nach Schätzungen von ver.di sind 2.000 bis 3.000 Stellen gefährdet.

Besonders stark betroffen ist naturgemäß Kirchs Hauptstandort München. Dabei lässt sich nicht einmal einwandfrei bestimmen, wie viele Arbeitsplätze die Kirch-Gruppe im Großraum München überhaupt hat – wegen der Vielzahl von freien Mitarbeitern und Arbeit auf Jahresvertragsbasis. Connexx.av/ver.di in München rechnet mit rund 6.000 Kirch-Jobs in der Region.

In größter Not Betriebsrat gewählt

Besonders gefährdet sind die Mitarbeiter der KirchPayTV und des in Branchenkreisen als „Geldvernichtungsmaschine“ bezeichneten Abo-Kanals Premiere World. Rund 800 der insgesamt 2.500 Jobs von KirchPayTV, so verkündete der neue Geschäftsführer Georg Kofler bereits vor dem Konkurs der KirchMedia, werden im Gefolge eines drastischen Sanierungsplans gestrichen. Wo kein Betriebsrat existiert, setzt der Sender als erstes den Rotstift an. Dies bekommen derzeit die Kolleginnen und Kollegen von Premiere München zu spüren. Bereits Mitte April hatten über 100 der etwa 600 Mitarbeiter am Hauptsitz in Unterföhring den blauen Brief erhalten. Mangels gewerkschaftlicher Interessenvertretung ohne Aussicht auf einen Sozialplan.

„Seit Wochen wird hier abteilungsweise durchgekündigt“, sagt Steffen Schmidt vom ver.di-Projekt connexx.av. Erst jetzt, in größter Not, wurde mit gewerkschaftlicher Unterstützung die Gründung eines Betriebsrates eingeleitet. Der muss sich, wenn er denn erst mal gewählt ist, in aller Eile in die komplexe Sozialplanmaterie einarbeiten.

Auch in Hamburg geht es der Premiere-Belegschaft an den Kragen. Dort existiert zwar ein Betriebsrat. Doch auch ihm ist es trotz aller Bemühungen nicht gelungen, das Aus für 350 der insgesamt 900 Kolleginnen und Kollegen zu verhindern. Darunter befinden sich 150 Zeitverträgler, deren Kontrakte Ende Juni auslaufen. „Die relativ weit fortgeschrittenen Verhandlungen über einen Sozialplan für die übrigen Betroffenen stehen kurz vor dem Abschluss“, sagt connexx-Projektleiter Olaf Hofmann. Zudem führe der Betriebsrat intensive Gespräche mit der Hamburger Wirtschaftsbehörde und dem Landesarbeitsamt. Mit dem Ziel, über Maßnahmen der Beschäftigungsförderung eine Weitervermittlung möglichst vieler Kollegen zu erreichen. Zugleich gilt es zu verhindern, dass die Beschäftigten der verschiedenen Premiere-Standorte gegeneinander ausgespielt werden.

Darum ist für den 31. Mai auch die Wahl eines gemeinsamen Betriebsrats für Premiere World und die Muttergesellschaft KirchPayTV anvisiert.

Fragezeichen für DSF

Ein Fragezeichen liegt auch über der Zukunft des Deutschen Sportfernsehens (DSF) in München. In der Belegschaft herrscht Unsicherheit, Genaues weiß man nicht.

„Wir befinden uns in einer Art Schwebezustand“, sagt Betriebsratsvorsitzender Hans-Joachim Wolf. Die vorherrschende Gemütslage bei den Kollegen sei „weniger Angst als das Gefühl von Ohnmacht“. Vor Monaten habe es mal „drei bis vier betriebsbedingte Kündigungen“ gegeben. Seitdem hat von den knapp 400 Festen niemand seinen Job verloren. Bluten müssen in dieser Situation allerdings die Freien, „denen wurden schon einige Aufträge weggenommen, da wirkt sich die Krise schon aus“. Die entscheidende Frage für Wolf lautet: „Was soll werden, wenn Premiere World den Bach runtergeht oder verkauft wird?“ Schließlich ist das DSF in beachtlichem Umfang für Premiere und Sat.1 tätig. Die von den Konkursverwaltern van Betteray und Jaffe auf einer Betriebsversammlung geäußerten Informationen eröffnen auch keine klare Perspektive. Danach könne das DSF jetzt beweisen, ob es wirtschaftlich auf eigenen Füssen stehen könne. Eine Perspektive mit ungewissem Ausgang – in seiner zehnjährigen Geschichte ist das DSF nie aus den roten Zahlen herausgekommen. Die Geschäftsführung habe intern schon mal die Weisung ausgegeben, „alle Kosteneinsparpotenziale auszuschöpfen“. Angefangen bei den Reisekosten – „bei uns regiert jetzt der Sparkommissar“, sagt Wolf. Ob es mittelfristig ohne Kündigungen abgehen wird? Wolf hegt leichte Zweifel, baut aber auf das „Prinzip Hoffnung“. Eines aber ist klar: „Wir sind nicht mehr Herr der eigenen Entscheidung.“

Ähnlich sieht es bei der hundertprozentigen DSF-Tochter Plaza Media aus. Vom Konkurs der KirchMedia sieht man sich einstweilen nicht betroffen, von Entlassungen ist bislang nicht die Rede. „Wir sind aber darauf gefasst, dass alle Arten von Sparpotenzial genutzt werden“, sagt Betriebratsvorsitzender Tom Doering. Derzeit bestehe „noch kein konkreter Handlungsbedarf“, findet er, mag aber nicht ausschließen, „dass demnächst auch an die Verträge der 300 Festangestellten herangegangen wird“.

Über den Kollegen bei den Ballungsraumsendern der Kirch-Gruppe hängt nicht erst seit dem ersten Konkursantrag das Damoklesschwert der Betriebsschließung. Monatelang schon müssen die Kollegen mit halbgaren Gerüchten über Verkauf oder Einstellung ihrer Sender leben. Bei den rund 200 Beschäftigten von tv.m herrscht gedrückte Stimmung, „aber Hoffnung haben wir immer noch“, sagt tv.m-Betriebsrat Nik German.

Das Aus von TV Berlin scheint nun mit dem Insolvenzantrag besiegelt.

Allerdings sei man weiter auf Investorensuche, wurde aus dem Sender versichert. Wo diese Herkommen sollen, darüber wurde bis zum Redaktionsschluss Stillschweigen bewahrt. Für die 100köpfige Belegschaft, die derzeit dafür sorgt, dass TV.Berlin noch auf Sendung bleibt, ist das sicher nur ein geringer Trost.

Auf Investorensuche

Auch der Kirch-Sender Hamburg 1 führt Gespräche mit möglichen Investoren. Eine Gesamtlösung für das in den Krisenstrudel geratene Sender-Trio erscheint unrealistisch. Es gilt die Devise „Rette sich, wer kann“.

In dieser verworrenen Situation forderten Betriebsräte von Kirch-Unternehmen auf einer Krisentagung von connexx.av in Liebenwalde bei Berlin die sofortige Beteiligung von Gewerkschafts- und Belegschaftsvertretern bei der Ausgestaltung einer Auffanggesellschaft.

Mitsprache gefordert

Auf Initiative von acht Kirch-Betriebsräten wurde eine „Arbeitsgemeinschaft Betriebsrat“ gegründet. „Sie soll die Interessen der Beschäftigten gegenüber dem Konzern wirkungsvoller vertreten“, erläuterte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Frank Werneke. Die Interessenvertretung aller Kirchbetriebsräte will eine Beteiligung an den Gesprächen über die Zukunft der einzelnen Unternehmen erreichen. Dazu gehörten im Vorfeld auch Gespräche mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Jaffe sowie der neuen Geschäftleitung, heißt es in einer ver-di-Pressemitteilung. Parallel zu den Bemühungen um eine Gesamtlösung müssten, wo immer möglich, Abkommen über Beschäftigungssicherung und Betriebsvereinbarungen abgeschlossen werden, so Steffen Schmidt in München. Mit der Verteilung von Flugblättern an Standorten des Medienunternehmens und dem Versand von Tausenden E-Mails an die Beschäftigten warb ver.di am 23. April für die Unterstützung der Kirch-Betriebsräte.

„Gottes Segen“ gab der scheidende Leo Kirch in seinem Abschiedsbrief den verunsicherten Mitarbeitern mit. Er selbst mag sich offenbar nicht mit himmlischen Gaben begnügen. Nach Angaben von Kirch-Media-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems wird Kirch der Kernfirma seiner früheren Holding als Berater erhalten bleiben. Geschätztes Honorar: einige Millionen Euro.

 

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