Auf Knopfdruck 3D?

Schnellstart mit unzureichender Technik und ohne Vollprogramme

Die Deutsche TV-Plattform begleitet seit 20 Jahren die Einführung von Innovationstechniken für das Fernsehen. Das jährliche Symposium stand Anfang November in Berlin im Zeichen der stereoskopischen Bilder. Der Titel „Von HDTV zu 3DTV“ wurde durch die Frage „Markterfolg oder Hype?“ ergänzt. Die Antworten fielen widersprüchlich aus.

Der Verkauf von stereoskopischen (3D-) Fernsehern läuft besser als vor sechs Jahren, als in vergleichbarer früher Phase die ersten „HDready“-Fernseher in die Läden kamen. Hans-Joachim Kamp, Philips-Mann in Lobbyverbänden wie ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.) und gfu (Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik), ist daher zufrieden. „Die Industrie hat die Reichweite für HD aufgebaut“, so Kamp. Und schafft jetzt „auch für 3D-TV frühzeitig eine Reichweite … Da ist Skepsis die falsche Haltung“. Nun sollen die Sender nachziehen.
Skepsis pflegten jedoch Vertreter der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender in ungewohnter Übereinstimmung. Eine Einführung „so schnell wie möglich mit unzureichender Technik“, lehnt Klaus Steffens, Leiter Technik und Produktion bei ProSieben, ab. Damit spielte er nicht nur auf den fehlenden Sendestandard für 3D-Bilder an. Bei 3D-Sendungen werden heute die beiden Teilbilder in ein HDTV-Bildsignal gequetscht. „Wir veralbern doch unsere HDTV-Zuschauer und gehen hinter HDTV zurück“, kommentiert ZDF-Produktionsdirektor Andreas Bereczky. Der Hintergrund: Handelsübliche HDTV-Settopboxen können per Software-Update für diese „frame compatible“ 3D-Technik aufgerüstet werden. Dadurch wurde der 3D-Frühstart von Sky in England und Deutschland erst möglich. Dem beugt sich das Digital Video Broadcasting Project bei der Standardisierung der 3DTV-Übertragung. Erst eine „Phase 2“ soll „service compatible“ sein – und „echtes“ 3D-HDTV möglich machen. Dafür sind die heutigen Settopboxen allerdings nicht geeignet.
Überhaupt sei das Zuschauerpotenzial angesichts europaweit verkaufter 100.000 Geräte zu gering, kritisieren die Free-TV-Leute. Man sollte besser die 3D-Brillen zählen, kommentierte Bereczky. Denn laut den US-Analysten DisplaySearch werden weitaus weniger Brillen verkauft als Fernseher. Man hat zwar einen teuren „Alleskönner“, verzichtet aber auf die neue „Hype“-Anwendung!

„Wenn die Leute kein 3D schauen, ist das den Herstellern egal“, rügte Bertram Bittel (ARD/ZDF Technikkommission) die eilige 3D-Einführung. Zögen die Sender mit, hätten sie hohe Investitions- und Produktionskosten. Für Öffentlich-Rechtliche wie Private sind daher stereoskopische Vollprogramme im Free-TV nicht angesagt. Für ProSieben steht allenfalls Video On Demand von 3D-Titeln auf der „Maxdome“-Plattform zur Debatte. Auch beim Pay-Sender Sky reicht es nicht zu einem 3D-Vollprogramm. Deren HDTV-Abonnenten dürfen 3D-Highlights wie die Live-Übertragung eines Konzerts der Fantastischen Vier oder einzelne Spiele der Bundesliga-Rückrunde durch die Zusatzbrille sehen.
Die Hersteller sind freilich bemüht, ihren Programmwunsch zum Vater des Technik-Gedankens zu machen. Einige Geräte können „normale“ Sendungen auf Knopfdruck und in Echtzeit in 3D konvertieren. Die Ergebnisse, zu sehen in der Begleitausstellung des Symposiums, überzeugen nicht. Selbst Hollywood hat damit Probleme. So war die im Computer auf 3D hochgehübschte Kinoversion von „Der Kampf der Titanen“ von abschreckender Qualität. Dies vor Augen zog Disney mehrere „Konversions“-Animationen zurück, um den guten 3D-Ruf nicht zu beschädigen.
Nebenbei bemerkt beschädigt eine solche „Konversion“ die künstlerischen Absichten der Filmemacher. Die haben ihre Ideen unter Mühen mit den zu ihren Zeiten verfügbaren technischen Mitteln umgesetzt. Etwas anderes ist es, wenn James Cameron oder George Lucas zweistellige Millionenbeträge investieren, um mit „Titanic 3D“ bzw. „Star Wars – Episode I 3D“ an der Kinokasse abzugreifen.
Bei jedem Innovationsschub – ob 1967 bei der Farb-Einführung oder 2009 zum Beginn des HDTV-Regelbetriebs – konnte das Fernsehen, auf einen großen Vorrat an Kinofilmen zurückgreifen. Bei 3D ist das anders: Es gibt kaum fernsehgeeigneten „Content“. 2010 kamen 30 Filme in die Kinos. Und die Unterhaltungselektronik scheint sich den „Content“ selbst abzugraben: Am Vortag des Symposiums gab Panasonic bekannt, seinen Geräten „exklusiv“ die 3D-BluRay „Avatar“ beizulegen. Am Veranstaltungstag kündigte LG Electronics ein Bundling mit Disneys „Eine Weihnachtsgeschichte“ an. Von den 25 auf BluRay gepressten 3D-Filmen finden sich ganze sechs im Laden.
Also „alles, aber kein Fernsehen“ gibt’s für das neue 3D-Gerät, so Prof. Ulrich Reimers, einer der Miterfinder des digitalen Fernsehens. So dürfte der Markterfolg nach dem Hype durch Umsätze mit Peripheriegeräten wie Spielekonsolen ergänzt werden. Da blieb Kamp nur, die 200 Euro teureren TV-Novitäten mit der besseren Technik zu bewerben – eben für alles andere außer Fernsehen. Womit er unversehens die Kritik an der überschnellen Markteinführung bestätigte.
In Sachen 3D gerät die Deutsche TV-Plattform in eine Zwickmühle: Dem Vorpreschen der Gerätehersteller und einzelner Pay-Betreiber versucht der Verband, der sich als „Mediator“ bei der Einführung innovativer Fernsehtechniken versteht, mit einer neuen Arbeitsgruppe 3D-HD-TV zu begegnen.


Deutsche TV-Plattform

Die im November 1990 gegründete Deutsche TV-Plattform ist ein Zusammenschluss von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern, Geräteherstellern, Infrastrukturbetreibern, Service- und Technik-Providern, Forschungsinstituten sowie anderen, mit den digitalen Medien befassten Institutionen. Ziel des gemeinnützigen Vereins ist die Einführung von digitalen Technologien auf Grundlage gemeinsamer, offener Standards.

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