Aufstrebende Töchter

Die ARD und ihre Produktionsgesellschaften im Deal mit den Privaten

Wenn Titel wie „Mädchenhandel – Das schmutzige Geschäft“ bei RTL für Quote sorgen sollen, haben oft auch die Öffentlich-Rechtlichen ihre Hände im Spiel. Für ihre Produktionstöchter ist das Dealen mit Privatsendern längst nicht mehr anstößig, sondern ein einträgliches Geschäft. Ob RTL, SAT.1 oder ProSieben, die Privatsender sind längst zu wichtigen Auftraggebern für die Produktionsgesellschaften von öffentlich-rechtlichen Sendern geworden. Und davon gibt es immer mehr.

Vor allem die beiden führenden Unternehmen, Studio Hamburg und die Bavaria Film, sind in den letzten Jahren rege geworden. Sie gründen Tochterunternehmen, übernehmen private Konkurrenten, gehen Joint-Ventures untereinander ein, und – auch das schon seit geraumer Zeit – sie bilden Allianzen mit privaten Unternehmen. Manche dieser Deals sind spektakulär, wie etwa die Springer-Beteiligung an den wichtigsten Produktionsunternehmen von Studio Hamburg, manche beginnen bescheiden.

Auch gestützt auf diese Expansionspolitik über Mergers und Akquisition dürften die Tochterunternehmen der Öffentlich-Rechtlichen zusammen inzwischen knapp eine Milliarde Mark umsetzen. Die Bavaria lag noch vor fünf Jahren bei einem Umsatz von 275 Mio. Mark. 1998/99 waren es bereits rund 350 Mio. Mark. Studio Hamburg kam 1998 sogar auf über 400 Mio. Mark. Mit enormem Tempo versucht in den letzten Jahren die DREFA Media Holding des Mitteldeutschen Rundfunks nach dem späten Start aufzuholen. Sie profitiert dabei von der klaren Ausrichtung im MDR, möglichst viel außerhalb der eigenen Wände zu produzieren (mehr dazu).

Was bedeutet Eigenständigkeit?

Beim Thema Eigen- oder Auftragsproduktion scheiden sich in den Sendern die Geister: Setzen die einen auf vermeintliche oder tatsächliche Einsparungen durch die auswärtige Produktion, sehen andere Sender Eigenständigkeit auch darin, für jedes Genre im eigenen Haus produzieren zu können. Von dieser Philosophie sind auch die jeweiligen Produktionstöchter stark abhängig. Als der NDR begann, das eigene Haus zu verkleinern, war Studio Hamburg ein Nutznießer der Entwicklung. Ähnlich ist die Situation heute bei der DREFA, die von der MDR-Strategie von Auslagerung bzw. Auftragsvergaben profitiert. Ganz anders geht es z.B. beim Hessischen Rundfunk zu. Die Frankfurter legen Wert darauf, bei den eigenen Mitarbeitern Produktions-Know-how und -Erfahrungen in praktisch allen Bereichen zu bündeln. Von der großen Show bis zum „Tatort“ produziert der HR selbst. Entsprechend hatte sein Tochterunternehmen Taunus Film nie die Chance, ein ähnliches Wachstum wie etwa Studio Hamburg zu erzielen. Konsequent hat sich der HR inzwischen auch weitgehend aus den Produktionsaktivitäten der Taunus Film zurückgezogen und 70 Prozent des Produktionszweiges verkauft. Klein geblieben ist auch die Telefilm Saar. Das Mutterunternehmen Saarländischer Rundfunk verfügt nicht über das Auftragspotenzial für mehr Wachstum.

Töchter im Wettbewerbs-Wind

Zudem vergeben auch die Anstalten nicht quasi automatisch ihre Auftragsproduktionen an ihre Tochterunternehmen. Diese sollen gerade dem Wettbewerb ausgesetzt werden, um im betriebswirtschaftlichen Sinn optimale Ergebnisse zu erzielen. Der WDR hat beispielsweise schon vor Jahren einen Rahmenvertrag mit seinem Beteiligungsunternehmen Bavaria auslaufen lassen. Lukrative Aufträge wie die „Tatorte“ oder die „Schimanskis“ landen freilich dennoch ausschließlich bei der Bavaria – allerdings heute auf dem Umweg über die Bavaria-Tochter Colonia Media in Köln. Diese Entwicklung ist typisch für die letzten Jahre, in denen die Sender selbst aber auch unter dem Druck der Landespolitik das eigene Auftragsvolumen vorzugsweise im Land platziert haben. Diese Orientierung hat gerade die beiden Produktionsgruppen Studio Hamburg und die Bavaria, inzwischen auch die DREFA zur Dislozierung genötigt. Das Potenzial für Auftragsproduktionen der Anstalten ist auch zum Vehikel der Standortpolitik geworden.

Am stärksten forciert hat die Regionalisierung wohl Studio Hamburg. Zunächst wurden Tochterunternehmen in Berlin, Köln, Babelsberg, Hannover und Erfurt aufgebaut. Zuletzt folgten München und Dresden. Mit der Übernahme des Studiokomplexes in Berlin Adlershof entstand sogar ein neues Zentrum. Und schon für 1997 meldeten die Hamburger stolz: „Damit ist Studio Hamburg an allen bedeutenden Film- und Fernsehstandorten Deutschlands vertreten.“

Standortfragen im Vordergrund

Diese Partikularinteressen der Länder zu berücksichtigen, ist vor allem für eine Zentraleinrichtung wie das ZDF schwierig. Die oft hochrangigen Vertreter der Länder im Fernsehrat – häufig sind es die Ministerpräsidenten selbst – wachen eifersüchtig darüber, dass ihre jeweligen Produktionsbranchen bei der Auftragsvergabe nicht zu kurz kommen. Standortfragen sind ein häufiges und für die Intendanz zugleich wohl das unbeliebteste Thema. Natürlich können sich auch die Redaktionen diesem Druck nicht entziehen und so dürfte schon mancher Auftrag nicht dem besten und günstigsten Produzenten erteilt worden sein, sondern jenem mit dem richtigen Standort. Diese Regionalinteressen zu bedienen, trägt manchmal gar seltsame Blüten. Als die Bavaria unter dem Druck des WDR vermehrt in Nordrhein-Westfalen produzieren musste, wechselte beispielweise die Vorabendserie „Der Fahnder“ von der Mutter zur damals jungen Tochter Colonia. Produziert wurde freilich weiterhin in Geiselgasteig – ein Etikettenschwindel.


  • Horst Röper ist Medienfachjournalist und Geschäftsführer des Formatt-Instituts für Medienforschung in Dortmund

 

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