Bauer auf dem Sprung zum zweitstärksten Medienplayer

Verhandlungen zur Übernahme des Filmlagers noch nicht beendet

Kurz vor Weihnachten fiel die Vorentscheidung im monatelangen Poker um den Verkauf der Kirch-Senderfamilie und seines Filmlagers. Da erteilten die Sanierer der insolventen Kirch-Gruppe dem Heinrich Bauer Verlag und der Hypo-Vereinsbank den Zuschlag für das Herzstück des einstigen Münchner Medienimperiums.


Die langwierigen Verhandlungen haben offenbar den Kaufpreis für die Übernahme der 52,5prozentigen Mehrheit an ProSieben Sat.1 drastisch gedrückt. So sollen die Konkursverwalter anstelle der ursprünglich angepeilten zwei Milliarden Euro nur einen Kaufpreis von 700 Millionen Euro erzielt haben. Der Grund dafür dürfte im anhaltenden Branchentief liegen. Bis Ende Januar, so gelobte Kirch-Media-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems zunächst, sollten sämtliche Verträge unter Dach und Fach sein.

USA-Milliardär ohne Chance

Mittlerweile wird der März als neuer Zeitpunkt genannt. Probleme bereiten vor allem die Modalitäten bei der Übernahme des umfangreichen Kirch-Filmrechtestocks. Bauer fordert, dass sich die restlichen Gläubigerbanken am Filmhandel finanziell beteiligen und will selbst noch um einige Hundert Millionen Euro nachbessern. Außerdem platzte in die Verhandlungen überraschend noch ein neues Kaufangebot des US-Milliardärs Haim Saban, der nach Medienberichten angeblich wesentlich mehr für die Sender und den Filmhandel der Kirch-Media bieten will. Trotz Unterstützung des Deals durch die US-Regierung werden seine Chancen als eher gering beurteilt. Durch die Übernahme des Kerns von Kirch-Media steigt Bauer zum zweitstärksten Medienplayer Deutschlands auf – nach Bertelsmann. Zugleich wird das bisherige Oligopol Kirch-Bertelsmann auf dem hiesigen TV-Markt mächtig aufgemischt. Denn der wichtigste Teil des zerbröselten Kirch-Reichs ist die ProSiebenSat.1 Media AG mit den vier Programmen Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1 und N 24. Bauer war zwar in der Pionierphase des Privat-TV Gründungsgesellschafter von Sat.1, hatte sich aber frühzeitig wieder zurückgezogen.

WH-Berichterstattung brachte Millionen-Minus

Dauerhafter dagegen das Engagement bei RTL 2, an dem Bauer 31,5 Prozent der Anteile hält. Das Image des Schmuddelkanals passte bislang vorzüglich zur sonstigen Verlagsstrategie der Hamburger, zu deren Kerngeschäft der Handel mit TV-Zeitschriften, Jugendpostillen à la „Bravo“ und billigen Sexblättchen wie „Coupé“ zählt. Wie die Hamburger mit qualitativ anspruchsvollen Kanälen wie etwa Pro Sieben oder Sat.1 verfahren werden, bleibt abzuwarten. Wirtschaftlich gesehen erfolgt der Einstieg bei Kirch-Media zu keinem günstigen Zeitpunkt. Nach Branchenberichten dürfte der Umsatz der ProSieben Sat.1 Media AG im vergangenen Jahr um drei bis vier Prozent auf unter zwei Milliarden Euro gefallen sein.

Während Bauer für den Medienstandort München bereits eine Bestandsgarantie abgegeben hat, liegt die Zukunft der Berliner Kirch-Sender noch im Dunkel. Das Problemkind heißt nach wie vor Sat 1: Der Sender verbuchte in den ersten neun Monaten 2002 Verluste von 115 Millionen Euro. Dazu trug nicht zuletzt das hochdefizitäre Fußballgeschäft bei: Allein die Berichterstattung über die WM in Japan und Südkorea schlug mit einem Minus von 25 Millionen Euro zu Buche. Und in Sachen Bundesliga versucht der Sender derzeit, den Rechtepreis in Verhandlungen mit dem DFB deutlich nach unten zu drücken. Im Herbst vergangenen Jahres schickte ProSieben Sat.1-Vorstandschef Urs Rohner seine Controller nach Berlin, um Sanierungsschritte einzuleiten. Zwar bestehe die Notwendigkeit, alle Kostenpositionen zu überprüfen, sagte Rohner kürzlich, Sat.1 werde aber in keinem Fall „kaputt gespart“. Die Situation auf dem TV-Werbemarkt ist jedenfalls alles andere als rosig. Eigentlich müssten die Senderverantwortlichen sich schon aus Geschäftsinteresse zum Weltfrieden bekennen. Ein Krieg gegen den Irak ließe die Werbebuchungen voraussichtlich abermals in den Keller fallen. Erste Stellungnahmen aus dem Hause Bauer deuten an, in welche Richtung die neuen Eigentümer zu operieren gedenken.

Kartell-Amts-Prüfung steht ins Haus

„Langfristig soll jedes unserer Objekte eigenständig wirtschaftlich erfolgreich sein“, verkündete Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter im „Spiegel“. Der Bauer-Mann war einst im Bundeskanzleramt medienpolitischer Stratege von Ex-Regierungschef Helmut Kohl. Bei aller Erleichterung über das Ende der Verkaufsverhandlungen: Die verbliebenen Beschäftigten dürften sich auf einiges gefasst machen. Vor allem in der Verwaltung und im Online Bereich dürfte Bauer noch „einiges an Rationalisierungspotenzial“ sehen, fürchtet Olaf Hofmann, Projektleiter bei connexx-av in Hamburg. Offen ist auch, wie die Kartellbehörden mit der Übernahme der Senderfamilie durch Bauer umgehen. Erste Äußerungen von Verantwortlichen lassen zumindest aufhorchen. Es gebe „gewisse konzentrationsrechtliche Probleme“, sagte der Vorsitzende der „Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich“ (KEK), Peter Mailänder. Recht hat er, denn mit dem Kauf der vier Kirch-Sender und seinem bisherigen RTL2-Anteil käme Bauer auf dem deutschen Fernsehmarkt auf einen Anteil von mehr als 26 Prozent. Und erfüllt somit die im Rundfunkstaatsvertrag vorgegebenen Voraussetzungen für eine kartellrechtliche Überprüfung, ob der Tatbestand „vorherrschender Meinungsmacht“ vorliegt oder nicht. Seit dem Inkrafttreten der 6. Novelle des Rundfunkstaatsvertrags am 1. Juli 2002 liegt die entsprechende Marge bei einem Zuschauermarktanteil von 25 Prozent.

Bonuspunkte senken Wert

Ein Wert, den die Medienkonzerne allerdings durch Regionalfenster und Sendungen unabhängiger Dritter durch Bonuspunkte um bis zu fünf Prozent senken können. Für Bauer kommt erschwerend hinzu, dass der Verlag als Marktführer im deutschen Zeitschriftengeschäft auch in „medienrelevanten verwandten Märkten“, etwa bei den Programmzeitschriften, höchst erfolgreich engagiert ist.

Mit Unterstützung aus Bayern gerechnet

Die Äußerung des KEK-Vorsitzenden sei aber keine vorweggenommene Beurteilung, stellte KEK-Geschäftsführer Bernd Malzanini klar. Geprüft werde erst, wenn die unterschriebenen Verträge vorlägen. Bei Bauer gibt man sich optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass die KEK dem Vorhaben zustimmt“, sagte Fritzenkötter. Bauer kann auf geballte politische Unterstützung aus Bayern rechnen. Die dortige CSU-Regierung dürfte alles tun, um den gebeutelten Medienstandort München vor weiteren unliebsamen Überraschungen abzuschirmen.

nach oben

weiterlesen

Springers Bild plant einen eigenen Sender

Springer plant mit Deutschlands größter Boulevardzeitung einen eigenen Fernsehsender. Unter der Sendermarke „Bild“ soll er künftig über Kabel, Satellit, IPTV und OTT frei empfangbar sein. Der Sendestart steht zwar derzeit noch unter dem Vorbehalt der Erteilung einer Sendelizenz durch die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg. Laut Plan soll der TV-Sender aber noch vor der Bundestagswahl Ende September dieses Jahres starten.
mehr »

Fehlende Kenntnisse über Struktur von ARD und ZDF

Deutsche Fernsehzuschauer*innen sind über das Finanzierungsmodell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Funktion der Aufsichtsgremien oft nur unzureichend informiert. Das ist ein Zwischenergebnis des Beteiligungsprojekts "#meinfernsehen21", das vom Grimme-Institut in Marl, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität organisiert wird.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »